© Kurier/Gilbert Novy

Porträt
09/13/2021

Josef "Joe" Taucher: Der heimliche Anwalt der Donaustadt

Der SPÖ-Klub- und Bezirkschef tritt kaum an die Öffentlichkeit. Im Rathaus gilt er als einer, der leise „die Scherben aufkehrt“.

von Stefanie Rachbauer

Zwischen Josef Taucher und José Antonio Viera Gallo gibt es drei Gemeinsamkeiten und einen Unterschied. Der SPÖ-Klubchef im Wiener Rathaus und der sozialistische Ex-Senator aus Chile haben denselben Vornamen, Karrieren als Politiker und gehören der gleichen Parteienfamilie an.

Der Gegensatz zwischen den beiden liegt in ihrer Auffassung vom Rad: „Der Sozialismus kann nur mit dem Fahrrad ankommen“, lautet ein viel zitierter Ausspruch Viera Gallos. „Die Sozialdemokratie kommt mit den Öffis“, sagt Taucher.

Als er das sagt, steht Taucher auf der Brücke bei der U2-Station Station Aspern Nord in der Donaustadt. Am Geländer lehnt (nun doch!) sein Fahrrad, vor ihm tut sich die verkehrspolitisch größte Baustelle der Wiener SPÖ auf: Auf den Feldern soll die umstrittene Stadtstraße verlaufen, die zu einem noch umstritteneren Projekt gehört – der Nordostumfahrung samt Lobautunnel.

Lokalpolitische "Baustellen"

Im Fokus steht der 22. Bezirk derzeit auch aus anderen Gründen: In der Aspernstraße kämpft die Gärtnerei Ganger lautstark dagegen, vom Wohnbau gefressen zu werden. Und bald bekommt der 22. Bezirk nach jahrelangem Widerstand das Parkpickerl.

Mit Ernst Nevrivy hat die Donaustadt zwar einen lautstarken Bezirkschef – hinter den Kulissen ist es aber auch Taucher, der die Geschicke des Bezirks lenkt. Er ist der direkte Draht ins Rathaus. Doch wie tickt der Anwalt des flächenmäßig größten Bezirks eigentlich? Was treibt ihn an?

Naturfreund

Wer Taucher verstehen will, der muss den 22. Bezirk verstehen: Taucher – gemeinhin „Joe“ genannt – ist Donaustädter aus Leidenschaft. Donaustadt, das bedeutet: ein riesiges Wählerreservoir (bald leben dort so viele Menschen wie in Linz), Einfamilienhäuser mit Autos davor, Stadtentwicklungsgebiete, aussterbende Ortskerne, ein massiver Bedarf an Infrastruktur, Felder und unberührte Natur.

Seit den 1990ern lebt Taucher dort – auf Zutun seiner Frau, die hier Familie hat. Ursprünglich stammt der 54-Jährige aus der Steiermark, was man ab und zu hört. Nach Wien kam er, um Psychologie zu studieren. In der Donaustadt gibt es kaum ein Fleckchen, zu dem er keine Anekdote kennt.

Sein Wissen hat er aus seiner Zeit als Vize-Bezirkschef von 2006 bis 2012: „Ich war bei vielen Geburtstagen und Hochzeitsjubiläen.“ Heißt: viele Stunden mit vielen Menschen, die viel zu erzählen haben.

Tauchers liebstes Fortbewegungsmittel im Bezirk ist (und das mag überraschen) das Rad – genauer gesagt ein Pedelec mit Seitenspiegel, Körberl und Fronttasche. Damit kurvt Taucher beim Lokalaugenschein durch die Lobau, spricht über Ausgleichsflächen für Neuntöter, deutet auf Rotfedern im Wasser, fotografiert Laubfrösche – und wirkt dabei fast wie ein Grüner.

Die Tour führt aber auch durch die Zentren der Bezirksteile, durch die der Verkehr donnert, vorbei an alten Gasthäusern, die von Immo-Entwicklern aufgekauft wurden. „Dass die Bevölkerung wächst, aber die Straßen gleich bleiben sollen, geht sich nicht aus“, sagt Taucher – und klingt wieder ganz nach SPÖ. Daher brauche es die Nordostumfahrung. Sobald diese gebaut sei, müsse man in Wohngebieten den Verkehr beruhigen.

Durch Zufall zur SPÖ

Tauchers Karriere bei der SPÖ hat vor mehr als 20 Jahren begonnen. Als er ein Nachbarschaftszentrum am Rennbahnweg aufbaut, wird Ex-Bezirksvorsteher Franz-Karl Effenberg auf ihn aufmerksam und holt ihn zur Partei.

Bei der Wahl 2001 schafft es Taucher mit einem aussichtslosen Listenplatz nur ins Bezirksparlament, weil die SPÖ die Absolute holt. Er steigt zum Vize-Bezirkschef auf, wechselt 2012 in den Bundesrat und zwei Jahre später in den Gemeinderat. Seit Herbst 2018 hält er dort die mit Abstand größte Fraktion zusammen.

Das Rampenlicht sucht Taucher selten: Viele Fotos gibt es von ihm nicht. Im Rathaus gilt er als jemand, der im Ernstfall unbemerkt die Scherben aufkehrt. Und als Verbinder zu anderen Parteien: „Hart in der Sache, aber menschlich“ sagt man in der Opposition über ihn. Oder: „Er ist einer der Gründe, warum Ludwig so gut dasteht“. Belohnt wurde Taucher dafür bisher nicht: Nach der Wahl hieß es, er wolle Umweltstadtrat werden. Er blieb Klubchef.

Neo-Vorsitzender

In der Bezirkspartei ist ihm jedoch ein Coup gelungen: Nach heftigem internen Streit wurde Taucher zum Vorsitzenden der SPÖ Donaustadt gewählt. Und da kommt bald viel Arbeit auf ihn zu: Das nahende Parkpickerl bedeutet tief greifende Veränderungen. „Wir müssen dann rasch frei werdende Flächen nutzen“, sagt Taucher. „Sonst ist wieder alles zugeparkt.“

Für die Donaustadtstraße gibt es bereits konkrete Pläne, wie Taucher verrät. Geplant sei ein „gescheiter Radweg“, die Parkspur soll von Kagran bis zur Donauinsel teilweise in einen baulich getrennten Zwei-Richtungs-Radweg umgewandelt werden. Zuvor soll der Radweg in der Wagramer Straße verlängert werden.

Ziel sei, dass auch Rad-Anfänger sicher unterwegs sein können. Und dass man mit dem Rad gut zur U-Bahn und mit dieser in die Stadt komme. Im Zweifel ist man in der Donaustadt eben für die Öffis.

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