Interview mit den Eltern von Kirstin Rehberger, die durch einen Kunstfehler im KH Göttlicher Heiland verstorben ist.

© juerg christandl

Fall Rehberger
07/21/2013

"Warum sind die Ärzte freigegangen?"

Die 23-jährige Kirstin stirbt nach einer Fuß-OP. Das Krankenhaus wird freigesprochen, der Turnusarzt muss 6300 Euro zahlen. Im Interview erzählen die Eltern, warum sie Gerechtigkeit wollen.

von Ida Metzger

KURIER: Frau und Herr Rehberger, wie haben Sie als Eltern des Opfers das Urteil aufgenommen?

Patricia Rehberger: Mit Entsetzen und Enttäuschung. Wir verstehen nicht, warum der Turnusarzt mildernde Umstände bekommen hat, der Operateur und das Spital freigesprochen wurden. Wir haben auch keine mildernden Umstände, sondern unser Schicksal lautet lebenslang.

Hans-Jürgen Rehberger: Der Täterschutz wurde in unserem Fall höher bewertet als der Opferschutz. Jeder Hendldieb bekommt die volle Härte des Gesetzes zu spüren. Aber beim Arzt wird berücksichtigt, dass er sich bessern will. Unsere einzige Hoffnung war die Staatsanwältin und sie hat Gott sei Dank Berufung gegen das Urteil eingelegt. Wir sind froh, dass sie dem Gegenwind standgehalten hat.

Wie groß war für Sie die emotionale Belastung während des Prozesses?

Patricia Rehberger:Entsetzlich. Wir waren in einem seelischen Ausnahmezustand. Am ersten Prozesstag durften wir nicht in den Gerichtssaal, weil wir am zweiten Tag als Zeugen geladen waren.

Hans-Jürgen Rehberger: Aber vielleicht war es auch gut, dass wir nicht jede Aussage im Prozess gehört haben. Das sehr zynische Schlussplädoyer von Anwalt Herbert Eichenseder, der das Spital rechtlich vertreten hat, hat uns schon genug bewegt.

Alles in allem waren die beiden Prozesstage so belastend, dass ich fast vor dem Zusammenbruch stand.

Was wäre für Sie ein gerechtes Urteil gewesen?

Patricia Rehberger: Es geht uns nicht ums Geld. Denn ein Leben ist mit Geld nicht aufzuwiegen. Das Leben ist ein einmaliges Gut. Aber das Krankenhaus Göttlicher Heiland hätte verurteilt werden sollen, weil hier schwere Mängel von den Gerichtsgutachtern bewiesen wurden. Wir wollen nicht, dass unsere Tochter umsonst gestorben ist.

Hans-Jürgen Rehberger: Das Spital hätte das Rückgrat haben sollen, zu seinen Fehlern zu stehen, damit die Patienten in Zukunft risikolos behandelt werden. Aber sie haben vollmundig erklärt, dass alles bestens ist. Und obwohl das Urteil noch gar nicht rechtskräftig ist, steht groß auf der Spitals-Homepage: „Freispruch für das Krankenhaus Göttlicher Heiland“. Hier fehlt vollkommen die Selbstreflexion. Das ist entsetzlich.

Patricia Rehberger:Unerträglich war auch das Verhalten von Johannes Steinhart. Der Leiter des Krankenhauses Göttlicher Heiland hat zwei Mal vor Publikum den Fall bedauert. Aber an uns ist er zwei Tage lang vorbeigegangen, obwohl wusste, wer wir sind, und hat uns kein einziges Mal in Stille die Hand reichen und sagen können: „Es tut uns leid.“

Hans-Jürgen Rehberger: Das wäre menschliche Größe gewesen. Aber vor dem Publikum kommt die Entschuldigung besser.

Wie versuchen Sie, den tragischen Tod ihrer Tochter zu bewältigen?

Patricia Rehberger: Bewältigen kann man dieses Schicksal nie. Es gibt Phasen, wo es besser geht, dann kommt der Schmerz plötzlich wieder hoch. So wie jetzt (Die Mutter kämpft mit den Tränen). Ich habe meine Mutter sehr früh verloren, das kann man verkraften. Aber wenn das Kind vor den Eltern geht ...

Hans-Jürgen Rehberger:... ein Kind zu verlieren, darauf sind Eltern nicht programmiert. Noch dazu war unsere Tochter vollkommen gesund. Wir sind auf Empfehlung des Operateurs zum Spital Göttlicher Heiland gekommen. Der Arzt galt als Koryphäe, er war Olympiaarzt – natürlich vertraut man so einem Mediziner. Heute stellen wir uns die Frage, hätten wir noch mehr über das Spital und den Chirurgen recherchieren sollen?

Haben Sie mithilfe von Psychotherapie versucht, den Verlust zu verarbeiten?

Patricia Rehberger: Das wurde uns oft geraten. Aber welche Worte eines Psychotherapeuten können unseren Schmerz lindern? Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Psychotherapeut mir aus diesem Loch hilft. Wir haben versucht, uns gegenseitig zu stützen. Aber es wird immer schwer bleiben.

Wie haben Sie die letzten Tage Ihrer Tochter Kirstin erlebt?

Patricia Rehberger: Ich war auf Wunsch meiner Tochter bei allen Voruntersuchungen und bei der Operation an ihrer Seite. Bei der Schlussuntersuchung hat die Ärztin meiner Tochter noch geraten, nicht die Heldin zu spielen, wenn sie Schmerzen hat. Schon bei der ersten Operation traten Komplikationen auf. Unsere Tochter war schon voll unter Narkose, als der Arzt die Operation abbrechen musste, weil das Operationswerkzeug nicht ordnungsgemäß sterilisiert war. Dann wurde eine Woche später ein neuer OP-Termin fixiert. Die Operation dauerte vier Stunden. Im Aufwachraum klagte unsere Tochter schon über Schmerzen, aber die Schwester meinte etwas unschön, sie müsse sich gedulden.

Wie haben sich die Schmerzen bei Ihrer Tochter gezeigt?

Hans-Jürgen Rehberger:Kirstin hat am ganzen Körper vor Schmerzen gezittert. Wir haben versucht, sie zu beruhigen, sind an ihrem Bett gesessen und haben ihre Hand zu halten.

Und wie hat der verurteilte Turnusarzt die Schmerzen Ihrer Tochter behandelt?

Hans-Jürgen Rehberger: Den Turnusarzt, der vor Gericht stand, haben wir eigentlich nie gesehen. Unser Ansprechpartner war ein Pfleger. Er hat uns immer vertröstet, dass er den Arzt verständigt hat und dass der gegen 16 Uhr zur Visite kommen wird. Durch den Prozess haben wir erfahren, dass der Arzt nicht verständigt wurde. Der Besuch des Chirurgen war eine reine Anstandsvisite , um den Gips an beiden Beinen zu kontrollieren. Der Operateur hat gehofft, wenn der Gips an beiden Beinen gelockert wird, dass vielleicht auch die Schmerzen bei unserer Tochter nachlassen. Denn durch die Operation waren Kirstins Beine angeschwollen.

Wie schnell ist es mit Ihrer Tochter nach der Operation bergab gegangen?

Patricia Rehberger: Kirstin hatte zwar permanent Schmerzen, aber wir hatten nicht das Gefühl, dass es mit ihr bergab geht. Gegen 19.00 Uhr haben wir uns uns von Kirstin verabschiedet. Wir dachten, wenn sie einschläft, dann legen sich vielleicht auch ihre Schmerzen.

Hans-Jürgen Rehberger: Aber bevor wir das Spital verlassen haben, versuchten wir noch, eine Krankenschwester zu finden. Das war allerdings vergeblich. Wir sind zwei Mal durch die Station gegangen, aber es war kein Mensch zu finden. Die gesamte Station wirkte verlassen. Ich bin ohne Probleme sogar bis ins Hinterzimmer spaziert, hätte alles mitnehmen können und keiner hätte es gemerkt. Heute denke ich mir, wir hätten dem Spital mehr Stress machen müssen. Manchmal steht einem die gute Erziehung im Weg.

Was haben Sie zum Abschied gesagt?

Hans-Jürgen-Rehberger: Einfach nur „Schlaf gut“. Es erschien uns normal, dass Kirstin nach den Anstrengungen des Tages müde war. Meine Frau macht sich heute noch Vorwürfe, dass wir gegangen sind. Aber wer hätte das ahnen können?

Wann wurden Sie vom Spital informiert, dass der Zustand Ihrer Tochter kritisch ist?

Hans-Jürgen Rehberger: Erst gegen 7.30 Uhr kam der Anruf aus dem Spital. Diese Angst nach dem Anruf hat sich in mir eingebrannt. „Kommen Sie sofort ins Spital“, waren die Worte. Heute wissen wir, dass unsere Tochter zu diesem Zeitpunkt schon tot war.

In der Nacht kam kein Anruf?Hans-Jürgen Rehberger: Die Krankenschwester sollte alle zwei Stunden einen Kontrollgang durch die Zimmer machen. Nach dem Tod unserer Tochter gab sie zu Protokoll, dass sie zu viel Schreibarbeit hatte, um diesen Rhythmus einzuhalten. Die Dame, die mit unserer Tochter im Zimmer gelegen ist, hat die Schwestern alarmiert, dass es unserer Kirstin schlecht geht.

Durften Sie sich von Ihrer Tochter verabschieden?

Hans-Jürgen Rehberger: Ja, das durften wir. Dieser Moment war entsetzlich. Ich mache mir heute noch Vorwürfe. Als ich Kirstin sah, bin ich sofort zusammengebrochen und konnte meine Frau nicht unterstützen, als sie mich am dringendsten benötigte. Man sagt immer, ein Mann sollte das anders verarbeiten. Aber ich konnte das nicht (Der Vater weint).

Wie oft besuchen Sie das Grab Ihrer Tochter?

Patricia Rehberger: Das ist unterschiedlich, aber Minimum ein Mal in der Woche.

Hans-Jürgen Rehberger: Unsere Tochter hatte uns vorgegeben, wie sie bestattet werden will.

Mit 23 Jahren hat Ihre Tochter schon festgelegt, wie sie bestattet werden will?

Patricia Rehberger: Dieses Gespräch passierte zufällig, als ich gemeinsam mit meiner Tochter auf die erste Operation wartete, die dann abgebrochen wurde. Damals sagte Kirstin zu mir, dass sie eingeäschert werden will.Und so haben wir es dann gemacht. Zum Begräbnis kamen viele ihrer Freunde aus dem Ausland. Ihre beste Freundin reiste extra aus Japan an. Sie hat eine Woche bei uns gewohnt und uns in der schwersten Trauerphase sehr geholfen. Das war überraschend, dass so ein junger Mensch so mitfühlend sein kann.

Wie lange dauert es, bis man realisiert, dass die Tochter nie wieder nach Hause kommen wird?

Patricia Rehberger:Das dauert lange. Kirstin hat lange im Ausland studiert. Also waren wir es gewöhnt, dass Kirstin oft längere Zeit nicht zu Hause war. Zuletzt war sie in Italien und hat den Abschluss für Luxury-Management gemacht. Nach der Operation wollte sie sich einen Job suchen. Ihr Leben sollte jetzt so richtig losgehen. Wir haben viel Freude mit Kirstin gehabt. Ich behaupte nicht, dass wir alles von unserer Tochter gewusst haben, aber sie wusste, sie kann mit jedem Problem zu uns kommen kann. Und das hat sie auch getan.

Kann man nach so einem Schicksalsschlag überhaupt jemals wieder unbeschwert lachen?

Patricia Rehberger: Das dauert Jahre, bis man wieder abschalten und unbeschwert lachen kann. Der Tod unserer Tochter ist immer präsent. Man stellt sich dauernd die gleichen Fragen: Hätte ich nach einer Krankenschwester im Spital schreien sollen? Hätten wir nicht das Spital verlassen dürfen?

Hans-Jürgen Rehberger: Diese Fragen sind quälend, aber man kann sie nicht abstellen. Denn Kirstin war unser einziges Kind.

„Man sollte sich im Spital nicht erleichtert zurücklehnen“

Kirstin Rehberger ist tot. Die 23-jährige Wienerin starb nach einer Plattfuß-Operation im Göttlichen Heiland. Die Frau bekam eine Überdosis Schmerzmittel (der KURIER berichtete). Am vergangenen Dienstag wurde der behandelnde Turnusarzt zu einer Geldstrafe über 6300 Euro verurteilt. Das angeklagte Spital und ein weiterer Arzt wurden freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft will das nicht auf sich beruhen lassen. Am Freitag wurde die Berufung angemeldet.

„Allein der Gedanke, dass mein Kind so aus dem Leben scheidet – ich kann die Eltern und ihr Ohnmachtsgefühl verstehen“, sagt die Wiener Patientenanwältin Sigrid Pilz. Was sie nicht versteht: Warum im Krankenhaus nicht durchgängig dokumentiert worden war, welche Schmerzmittel Rehberger bekommen hat. „Das ist schon dem Haus anzulasten“, sagt Pilz.

Der KURIER hat sich nach dem Prozess vergeblich um ein Interview mit Klinikchef Johannes Steinhart bemüht. In einer schriftlichen Stellungnahme wurde erklärt: „Das Krankenhaus Göttlicher Heiland hat (...) alles zur Verfügung gestellt, das für eine Operation wie der von Frau Rehberger erforderlich ist. Dass Frau Rehberger trotz aller Vorkehrungen in unserem Haus verstorben ist, erfüllt uns mit großer Trauer.“

Laut Gutachten war die Wienerin durch mehrere schwere Schmerzmittel vergiftet worden. Es sei nicht abgeglichen worden, welche Mittel die Patientin im Aufwachraum und später auf der Bettenstation bekommen hatte. Das Herz der jungen Frau hörte auf zu schlagen.

Auch das Spital war angeklagt. „Das ist das erste Mal, dass das Verbandsverantwortungsgesetz im Bezug auf ein Spital angewendet wurde. Ich nehme den Freispruch zur Kenntnis“, sagt Pilz. „Aber es gibt augenscheinlich Handlungsbedarf bei der Ausbildung zur Medikation.“ Auch das geht aus einem Gutachten hervor.

Wenn der Göttliche Heiland auch beteuert: „Wir achten sehr darauf, dass sich unsere Ärzte schmerztherapeutisch fortbilden.“

Bitterer Nachgeschmack bleibt

Pilz sieht das kritischer: „Man sollte sich im Spital jetzt nicht erleichtert zurücklehnen. Ein Nachgeschmack bleibt. Der Turnusarzt war das schwächste Glied in der Kette.“ Und es gebe Behandlungsbeschwerden im Göttlichen Heiland, die der Patientenanwältin vorliegen.

Sie gibt dem Turnusarzt nur bedingt eine Schuld. „Der wollte sicher das Beste für die Patientin. Aber Turnusärzte sind in der Ausbildung, sie kommen eben in Situationen, die sie noch nie erlebt haben. Und sie brauchen Anleitung.“ Nicht alle Oberärzte würden der Ausbildung genug Platz einräumen. „Die Turnusärzte sind untertags oft administrative Erfüllungsgehilfen. Nachts tragen sie aber die volle Verantwortung.“

Das Signal, das durch die Verurteilung des Jung-Arztes gegeben wurde, sei „problematisch“. Auch, dass kleine Spitäler Eingriffe vornehmen, für die sie nicht genügend fachliche und infrastrukturelle Voraussetzungen hätten. „Ein Privathaus hat zuletzt sogar eine Nieren-Transplantation vorgenommen. Wo endet das?“, fragt sich Pilz.

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