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Sprach-Dribblanskis im Doppelpass: Über geköpfte Wuchteln und foule Gurkerln

KURIER-Wortklauber Wolfram Kautzky und Sprachforscher Robert Sedlaczek jagen dem runden Leder und seinen krummen Phrasen hinterher: Über gute Anglizismen, philosophische Sprüche und die gegenderte Bundeshymne.
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Wuchteln (=Bälle) werden bei der WM nicht nur ins Tor geschossen, sondern auch geschoben. Keiner weiß das besser als die Sport-affinen Sprachexperten Wolfram Kautzky („Wortklauberei“) und Robert Sedlaczek („Österreichisch fia Fuaßboifäns“). Der KURIER lud die beiden in der Salettl-WM-Arena zum verbalen Doppelpass über sprachliche Gustostückerl und linguistische Blutgrätschen.

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KURIER: Meine Herren, darf ich Ihnen die provokante Frage stellen: Gehen Sie zur WM auf Public Viewings? 

Robert Sedlaczek: Selten, meistens schaue ich zu Hause mit Freunden oder meiner Freundin, die glücklicherweise Fußball-interessiert ist.

Wolfram Kautzky: Ich veranstalte in meinem Garten selber ein Public Viewing mit ehemaligen Mitspielern meiner Fußballmannschaft. 

Aber jetzt hätte ich gedacht, Sie stoßen sich an dem Ausdruck Public Viewing! Was ja im Englischen nichts anderes als „öffentliches Leichenschauen“ heißt.

Sedlaczek: Es hat sich halt doch durchgesetzt, weil es im Deutschen kein brauchbares Wort dafür gibt. „Öffentliches Fußballschauen“ ist nicht wirklich prickelnd.

Kautzky: Der Vorteil vom Englischen ist eben, dass man alles knapp zusammenfassen kann. Siehe Handy.

Und wie ist es mit dem Kunstwort Soccer? Nicht erst jetzt zur WM scheint dieser amerikanische Ausdruck auch in Europa auf dem Vormarsch. 

Kautzky: Soccer kommt ja von der Bezeichnung Association Football – und dann wurde einfach ein -er drangehängt. Wobei viele glauben, es kommt davon, dass die Spieler Socken tragen. (lacht)

Das österreichische Team begeisterte mit der WM-Qualifikation die Fans

Wer kann in zehn Jahren noch an diesen Spruch deuten?

Als sich Österreich für die WM qualifiziert hat, gab es das große Plakat mit der Aufschrift: „Das crazy Oida!“ Wird man in zehn Jahren noch wissen, was die gemeint haben?

Sedlaczek: Nein, das ist alles viel zu kurzlebig.

Kautzky: Ich finde es auch nicht wahnsinnig kreativ: Ein bissl Englisch, ein bissl Wienerisch. Ja gut.

Anglizismen sind in der Alltagssprache verpönt. Warum ist es im Fußball genau umgekehrt? Corner, Goalie, Foul-Out sind wunderbare Begriffe im heimischen Fußball, die keiner missen will.

Sedlaczek: Fußball wurde ja in England erfunden. Während die Deutschen die Spielausdrücke dann wie wild eingedeutscht haben, hat sich das in Österreich und auch der Schweiz nicht durchgesetzt. Daher gibt es diese alteingesessenen Anglizismen, die durchaus geschätzt werden, immer noch. Allerdings werden jetzt Sachen importiert, die mir furchtbar auf den Geist gehen ...

Sie meinen sicher die Box!

Sedlaczek: Genau.

Kautzky: Oliver Polzer hat einmal gesagt: „In der Box herrscht viel Verkehr!“ Was immer er damit gemeint hat.

Sedlaczek: War das nicht Formel 1? (lacht). Herbert Prohaska hat dazu einmal trocken angemerkt: „Früher hat das eigentlich Strafraum geheißen.“

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Sedlaczek (li.) und Kautzky halten die Wuchtel(n) in Rot-Weiß-Rot hoch: In der Salettl-WM-Arena im Alten AKH wird an legendäre Fußballer-Sprüche erinnert. 

Bei den Jungen haben wir andererseits den großen Deutsch-Einfluss über Social Media. Und im Fußball wird auch immer mehr geköpft statt geköpfelt…

Sedlaczek: Ja, furchtbar. Hackenstoß und Beinschuss statt Fersler und Gurkerl. Leider werden unsere typischen Ausdrücke auch von österreichischen Kommentatoren allmählich vergessen.

Kautzky: Es ist oft auch das Streben, unbedingt kreativ sein zu wollen. Was mir neuerdings auf die Nerven geht, ist, wenn es heißt: „Er zieht den Elfer.“ Also er provoziert ein Foul im Strafraum.

Herr Sedlaczek, Sie haben ja in Ihrem Lexikon unsere ganze ballestrische Sprachvielfalt offengelegt. Sind wir, was das betrifft, Wödmasta?

Sedlaczek: Nein, denn auch in den deutschen Bundesländern gibt es viele Dialektausdrücke. Dort sagen sie zum Ball halt Pille, Poke und Kirsche. Es ist offenbar ein Bedürfnis, sich mit regionalen Ausdrücken von anderen Gebieten abzugrenzen.

Jede Nationalmannschaft der Welt hat einen Spitznamen. Warum ausgerechnet die österreichische nicht?

Sedlaczek: Ja, gute Frage.

Kautzky: Wie sie noch erfolglos waren, hießen sie: die Hundskicker! (lacht)

Stirbt das Wienerische auch im Fußball langsam aus?

Sedlaczek: Ja leider. Ich habe zuletzt diese ganz alten Ausdrücke ausgegraben. Aber wer versteht heute noch Brieskicker? Das kommt vom Französischen compris und bezeichnet jemanden, der das Spiel gut lesen kann. Oder Braadling für Innenrist ...

Kautzky: Nicht zu vergessen: die Fettn! Das kommt vom französischen Effet, wobei es nur im Deutschen die Bedeutung des Spins hat. Interessant ist schon, über welche Umwege das dann ins Wienerische gelangt ist.

Jedes WM-Match beginnt mit den Hymnen. Ist es erlaubt, bei dieser WM unsere alte, ungegenderte Hymne – nur mit Söhnen – zu singen? So wie es geschätzt 90 Prozent im Stadion machen. 

Kautzky: Ja, das ÖFB-Herren-Team darf’s.

Sedlaczek: Arnautovic singt gar nicht – das ist auch eine Lösung.

Interessant ist schon, dass ganz viele Fußballersprüche ins allgemeine Sprachgut eingegangen sind. „I wer’ narrisch“, „Ich habe fertig“ oder „Irreregulär.“ 

Kautzky: Der Prohaska machte seine Dativ-Schwäche sogar zu seinem Markenzeichen.

Sedlaczek: ... und der Krankl hat einmal gesagt, er steht zu seinen sprachlichen Fehlleistungen und geniert sich nicht dafür.

Eines seiner Bonmots wird gerne von Konrad Paul Liessmann zitiert: „Alles andere ist primär!“ Wenn man als Kicker von einem Philosophen zitiert wird, hat man alles richtig gemacht.

Sedlaczek: In dem Satz steckt ja die Weisheit drin, dass oft die umgekehrte Bedeutung Platz greift. Wie bei der „Faust aufs Aug’“. Jetzt passt die Faust laut Jugendsprache plötzlich ja perfekt aufs Aug’.

Was täten wir ohne so Typen wie Krankl und Arnautovic? In Zeiten von glattgebügelten Statements und hohlen Phrasen.

Kautzky: Es wird leider alles so normiert heute. Und ich lobe mir auch den Didi Kühbauer, wenn er sagt: „Diese Frage ist für die Würscht.’“

Sedlaczek: Grandios natürlich auch Arnautovic: „Shampoo dem Tormann!“

Kautzky: Mit diesem Spruch wirbt er jetzt sogar.

Was ist Ihr Lieblingsausdruck im Fußballjargon?

Kautzky: Ich würde gerne hören, dass ein Kommentator bei der WM sagt: „Das war jetzt eine Schasflanke!“ Das wird nur nicht passieren.

Sedlaczek: Apropos: Schön wäre es, wenn einer am Ende feststellt: „Jetzt haben die uns den Schas gewonnen!“

Im Fall des WM-Titels freuen wir uns darauf! Und welche Plattitüden und Wortschöpfungen wollen wir so gar nicht hören?

Sedlaczek: Bitte nur keinen Beinschuss!

Kautzky: Auf Sachen wie Spielgerät, Aluminiumtreffer und Box-to-Box-Spieler kann ich gerne verzichten. Mit österreichischen Ausdrücken ginge es ja auch. Und wenn einmal einer sagt: „Der Spieler hat einen gewaltigen Schuss!“, hätte er auch die Lacher auf seiner Seite.

Das war jetzt eine Steilvorlage und ein wunderbarer Schlusspfiff zugleich.

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Zu den Personen: Wolfram Kautzky geht den Wörtern als Philologe und KURIER-Kolumnist („Wortklauberei“) auf den Grund. Der Germanist Robert Sedlaczek ist Sachbuchautor und Kolumnist: „Sedlaczek am Mittwoch“ (früher im Feuilleton der „Wiener Zeitung“) erscheint nun auf sprachblog.at.

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