Aufregung um Acker in Wiener Schutzgebiet: "Die Spekulanten lauern schon"
Unendliche Weiten der Donaustadt: Dieser Grünland-Acker wird sicher irgendwann zur Schlafstätte – doch wer profitiert davon?
Wien wächst und wächst. Der Durst nach neuen, leistbaren Wohnungen ist ungebrochen, der Flächenfraß dementsprechend hoch. Das ist vor allem in einem Bezirk unübersehbar: der Donaustadt. Dort, wo früher Äcker bis zum Horizont reichten, reiht sich mittlerweile Reihenhaus an Reihenhaus; neben vormals lieblichen Ortskernen mit alten Einfamilienhäusern schießen nun mehrgeschoßige Wohnbauten wie die Schwammerln aus dem Boden. Und da wie dort stehen schon die Bautafeln für die nächsten Projekte.
Es sind sprichwörtlich goldene Äcker in Transdanubien, wo sich schon viele Immobilienentwickler respektive -spekulanten eine goldene Nase verdient haben. Wenn man einen guten Riecher hat, welches Grün- vielleicht in Bälde zum Bauland werden könnte.
Einen eher üblen Geruch vernehmen indes alteingesessene Besitzer einer insgesamt zehn Hektar großen Ackerfläche am Rautenweg in Breitenlee – und das hat gar nichts mit der benachbarten Mülldeponie zu tun (wo nur noch geruchloses Material landet). Sie berichten dem KURIER nämlich von seltsamen Vorgängen, die rund um ihr Eigentum passieren, wo man annehmen könnte, dass Spekulanten ein Auge auf die riesige Fläche geworfen haben. Um sie nämlich billig zu erwerben, eine Umwidmung zu erreichen und dann Unsummen damit zu verdienen.
Besitz seit Kaiserzeit
„Unsere Familie hat hier schon seit der Kaiserzeit einen Ackerstreifen, wir denken also in Generationen“, eröffnet Werner Salzmann, einer der sechs Grundbesitzer. Zuletzt habe es hier aber einige Entwicklungen gegeben, die stutzig machten. „Und da glaube ich nicht an Zufälle.“
So haben die Wiener Linien direkt vor seinem Acker plötzlich eine neue Bushaltestelle errichtet – den 28A-Halt Halblehenweg. Eine Geisterstation, denn auf dieser Seite des Rautenwegs sei eben nichts – außer 10 Hektar Einöde. „Hier steigt auch den ganzen Tag niemand ein oder aus. Warum wird hier in Infrastruktur investiert?“, fragt sich der Fotograf und Künstler Gregor Tubalkain, der ebenfalls einen alten Familienacker geerbt hat und nun verpachtet. Erst recht stutzig wurden die beiden, als sie einen Blick auf den digitalen Stadtplan warfen: Obwohl die Fläche eine der höchsten Schutzkategorien aufweist (Widmung SWW-L/Schutzgebiet Wald- und Wiesengürtel mit landwirtschaftlicher Nutzung), hat der Acker bereits Adressen. Von Rautenweg 131 bis 145a ist schon genau definiert, was künftige Bewohner auf den Meldezettel schreiben werden. Und damit sind nicht die Maulwürfe gemeint.
Salzmann (re.) und Tubalkain vor „ihrem“ Acker am Rautenweg: „Was hier passiert, ist kein Zufall.“
7 oder 70 Millionen Euro?
Das Lachen ist den beiden aber schon vor einigen Monaten vergangen, als sie sich nämlich bei der MA 69 (Immobilienmanagement) erkundigten, ob denn Interesse der Stadt Wien an einem neuen Wohnbau bestünde – und wenn ja, wie viel diese zu zahlen bereit sei: „50 bis 70 Euro pro Quadratmeter, lautete die Antwort – also Grünlandpreise. Für Bauland wäre es freilich bis zu zehn Mal so viel“, sagt Tubalkain. Die Differenz wäre somit gewaltig: 7 oder 70 Millionen.
Was naturgemäß Begehrlichkeiten weckt. Denn immer wieder würden hier bekannte Wohnbauträger anfragen und Billigpreise bieten – und hoffen, dass einer der Eigentümer Geld benötigt und verkauft. „Die Spekulanten lauern schon. In der Nähe wurde einer Familie vor einiger Zeit ein Grundstück um nur 25 Euro pro m² abgeluchst. Dort entstehen jetzt Wohnungen“, berichtet Tubalkain.
Dass rundherum stetig hochgewidmet werde, ihr Grundstück aber sukzessive abgewidmet wurde, passe da auch ins Bild: „Ganz früher waren wir sogar Bauland, dann wurde es zu L (ländliche Gebiete, Anm.) und 2003 schließlich zu SWW-L.“ Damals habe man dafür „büßen“ müssen, dass ein Donaustädter SPÖ-Mandatar in der Nachbarschaft unbedingt eine fünf Hektar große Kleingartenanlage etablieren wollte; zum „Wohl der Bürger“ habe der dann als Ausgleich die Rückwidmung des Rautenweg-Ackers zum Schutzgebiet vorangetrieben, wie auch Gemeinderatsprotokolle belegen. Doch kaum habe der Gemeinderat SWW-L beschlossen, sei ein Kanal errichtet worden – mit Abzweigern Richtung der Äcker. „Das passt alles einfach nicht zusammen“, findet Tubalkain. Außer jemand verfolge den Plan, billig an künftiges Bauland gelangen zu wollen. Denn dass hier irgendwann Wohnungen stehen werden, sei so sicher wie das Amen im Gebet.
Wie lange ist „immer“?
Gegen eine „sinnvolle Bebauung“ an diesem Ort – immerhin nur 800 Meter von der hochrangigen S2 entfernt und daher besser erschlossen als andere Wohnbauareale – hätten die beiden auch gar nichts; aber es müsse fair zugehen. „Wir würden auch Grund für Spielplätze oder Schulen abtreten, denn auf die wurde ja leider bisher in Breitenlee vergessen.“
Was sagt die Stadt Wien zu alldem? Laut einem Sprecher der Fächenwidmungsabteilung MA 21B sei dort grundsätzlich keine Bebauung vorgesehen: Laut Stadtentwicklungsplan 2035 liegen die Flächen im sogenannten „Wiener Immergrün“: „Diese sind für immer als hochwertige Grünräume geschützt und unter Wahrung der Erholungswirkung der Landschaft und der Identität des jeweiligen Landschaftsraums zu erhalten und weiterzuentwickeln.“
In Breitenlee – ein paar Steinwürfe südlich des Rautenwegs – befindet sich auch die Kleingartensiedlung rund um den Badeteich Krcalgrube. Die Anlage erlangte 2023 Berühmtheit, als bekannt wurde, dass sich rote Politiker dort günstig Flächen gesichert hatten, die später zu Bauland umgewidmet wurden.
Bemerkenswert ist, dass zwei SPÖ-Politikerinnen diese Affäre nicht nur unbeschadet überstanden haben, sondern dieser Tage auch Karrieresprünge hingelegt haben: Petra Bayr, die als SPÖ-Nationalratsabgeordnete gleich zwei Parzellen ergattert hatte, wurde am Montag in Straßburg zur Vorsitzenden der Parlamentarischen Versammlung des Europarats gewählt. Julia Lessacher – früher auch im Kleingartenverein aktiv – ist designierte neue Bezirksvorsteherin von Mariahilf und folgt dem zurückgetretenen Markus Rumelhart nach.
Und Donaustadts Bezirkschef Ernst Nevrivy? Nach einem Denkzettel bei der Wien-Wahl (– 7,7 %) steht die zentrale Figur der Affäre derzeit in der Causa Wienwert vor Gericht. Und in Sachen Kleingarten-Kauf laufen die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Wien gegen ihn noch immer.
Später einbauen teurer
Doch warum gibt es dann Bus-Stopp und Kanal, wenn die Felder „für immer“ so bleiben sollen? Wien-Kanal-Sprecher Josef Gottschall kann einen Abzweiger am unteren Eck der Fläche bestätigen, dies sei aber Routine: „Bei Rohrkanälen setzen wir in der Regel für jede Liegenschaft, egal ob bebaut oder unbebaut, einen Abzweiger.“ So wolle man künftige Kosten vermeiden, da nachträgliche Einbauten „unverhältnismäßig aufwendig und teuer“ seien. „Der vorhandene Abzweiger ist kein Hinweis auf eine geplante Verbauung der Grünfläche und begründet kein Baurecht“, so Gottschall.
Die Wiener Linien begründen den Bau ihrer Haltestelle wiederum damit, dass der Halblehenweg eine „wichtige Umsteigerelation“ sei. „Aus Rückmeldungen wissen wir, dass diese Haltestelle von Fahrgästen durchaus genutzt wird“, heißt es.
Größter Bezirk
Die Donaustadt ist der flächenmäßig größte Bezirk Wiens – mit 102,3 km² nimmt er ein Viertel der Wiener Gesamtfläche ein. Noch bestehen zwei Drittel aus Grünland/Landwirtschaft oder Gewässern – einen großen Anteil hat die Lobau.
Rasantes Wachstum
Die Bevölkerung hat in diesem Jahrtausend ein rasantes Wachstum hingelegt: Rund 230.000 Menschen leben derzeit in der Donaustadt – das sind um 66 Prozent mehr als noch 2002.
Proteste
In der Bevölkerung sorgt der Verlust von Grünfläche mitunter für Proteste. Und immer wieder thematisieren Medien dubiose Umwidmungen und Grundstücksspekulationen.
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