Hysterie um geschützte Tiere schadet dem Artenschutz

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Foto: KURIER/Reinhard Vogel Bauträger fürchten geschützte Tiere, wie die Ziesel

Die Chefin der MA22 bestreitet im KURIER-Interview unter politischem Druck zu stehen.

Die Wiener Umweltschutzabteilung (MA22) steht im Zusammenhang mit der geplanten Verbauung des Ziesel-Areals beim Stammersdorfer Heeresspital im Kreuzfeuer der Kritik. Bürgerinitiative und Umweltorganisationen werfen der Behörde vor, politischem Druck nachzugeben und den Weg für die Bauträger zu ebnen.

Büchl-Krammerstätter MA22… Foto: /MA22 Im KURIER-Interview nimmt Abteilungsleiterin Karin Büchl-Krammerstätter dazu Stellung – und erklärt, wieso falsch verstandener Artenschutz der Stadtökologie schadet.

KURIER: Seit Jahren steigen Ziesel-Fans gegen die Errichtung von 950 Wohnungen beim Stammersdorfer Heeresspital auf die Barrikaden. Ökologen kritisieren aber, dass dies kontraproduktiv sei. Inwiefern?
Büchl-Krammerstätter: Die Diskussion und der Medienhype verschrecken viele, die der Artenschutz und wir als Partner brauchen: Bauträger und Eigentümer von großen Grundstücken. Projektwerber haben oft den Eindruck, dass Artenschutz etwas verhindert. Doch dazu gibt’s ein klares Nein: Das tut er nicht – wenn man Artenschutz von vorn herein mitplant und mit uns das Gespräch sucht. Es wäre meist sogar ganz einfach, Artenschutz und Wohnbau unter einen Hut zu bringen.

Wie reagieren die Bauträger?
Viele Grundeigentümer und Bauwerber richten ihre Grundstücke von vorn herein so her, dass dort kein Lebensraum für geschützte Arten mehr existiert. Für die Stadtökologie brauchen wir aber unbedingt Trittstein-Biotope. Das bedeutet: auch wenn ein Grundstück nicht für immer zur Verfügung steht, braucht es ein durchgängiges Netzwerk solcher temporären Lebensräume, damit sich die Tierarten weiterbewegen können. Wenn jetzt die Botschaft kommt ,Wenn ein einziges Tier vorkommt, dann heißt das Baustopp’, dann ist das kontraproduktiv. Dann werden Grundstücke planiert und man ist nicht mehr bereit, punkto Artenschutz mit uns zusammenzuarbeiten. Auch der freiwillige Vertragsnaturschutz leidet darunter. Die Bereitschaft von Bauträgern oder auch Landwirten, die wir in den letzten 10 Jahren mühsam aufgebaut haben, wird jetzt durch den Medienhype revidiert. Das verhindert nur.

An der Debatte beteiligen sich Bürger, Politiker und Umweltorganisationen. Haben die nicht verstanden, was sie damit anrichten?
Da niemand davon das direkte Gespräch mit mir gesucht hat, kann ich nur Vermutungen anstellen. Ich habe alle  eingeladen, um sachliche Informationsdefizite auszuräumen.  Als Bürgerinitiative ist es durchaus nachvollziehbar, dass man ein Interesse dran hat, dass kein neuer Bau vor der Haustür entsteht.  Teilweise ist es auch schwierig, aus den vorliegenden Informationen die richtigen herauszufiltern. Man hört immer wieder, auf dem Ziesel-Areal würden Tiere getötet; man hört, das sei eine der letzten Ziesel-Kolonien in Wien; man hört, die Zauneidechsen werde nicht berücksichtigt – das stimmt alles nicht. Kein einziges Tier wird getötet; wir haben viele Populationen mit insgesamt zirka 9500 Zieseln und die Eidechse wurde natürlich berücksichtigt. Ich lade auch den  Wiener Tierschutzverein und den Umweltdachverband zu Gesprächen ein. Deren Beweggründe kann ich noch nicht nachvollziehen.

Die Umweltorganisation VIRUS beruft sich auf die Aarhus-Konvention und meint, sie habe im Verfahren um das Ziesel-Areal Parteienstellung. Was meint man bei der Behörde dazu?
Die Aarhus-Konvention räumt Bürgern mehr Rechte ein. Meiner Meinung nach, ist das ein wichtiges Instrument. Die  österreichische Rechtsordnung sieht momentan aber nur in wenigen Ausnahmefällen vor, Bürgerinitiativen  einzubinden. Es gibt zwar ein EuGH- Erkenntnis, das NGOs ein Beschwerderecht einräumt, das bezieht sich aber nicht auf den Naturschutz. Derzeit tagt eine Gruppe von Bund und Ländern, die über eine Umsetzung der Aarhus-Konvention in Österreich berät. Wir werden uns das anschauen.

Geschützte Arten dürfen an sich nicht gestört oder gar getötet werden. Bauträger können aber Ausnahmebewilligungen beantragen. Und die sind zu genehmigen, wenn der Fortbestand einer Art in Wien gesichert ist und das öffentliche Interesse überwiegt. Wer definiert dieses „öffentliche“ Interesse?
Da werden Sachverständigengutachten eingeholt, die volkswirtschaftliche und andere Interessen abwiegen. Im konkreten Fall war die Entscheidung sehr leicht, weil nur mehr wenige Ziesel – weniger als zehn – betroffen sind, die nicht zu Schaden kommen und die genügend Ausweichmöglichkeiten haben.  Das Gesamtareal ist 15 Hektar groß. Außerdem ist der Flächenwidmungsplan, den es jeweils gibt, natürlich schon Ausdruck öffentlichen Interesses, weil er ja vom Gemeinderat beschlossen wurde.

Was tut die Behörde nun, um die Stadtökologie zu fördern?
Viel. Wir haben in Wien mehr als 850 geschützte Arten – von der Perpherie bis hinein ins dicht bebaute Stadtgebiet. Der Artenschutz lebt dabei von freiwilligen Maßnahmen, Netzwerken und Bewusstseinsbildung. Wir haben seit 15 Jahren das „Netzwerk Natur“ – NeNa –, wo wir Wien-weit in Kooperation mit Bezirken, Magistratsabteilungen und Privaten Initiativen setzen, wie zum Beispiel die Gürtelwiese mitten im fünften Bezirk – dort lässt man Wildblumen wachsen, was Hummeln und Insekten aufkommen lässt. Man muss die Bevölkerung natürlich dahingehend informieren. Da gibt es ganz viele Kooperationen: Errichtung von Tümpeln, Dachbegrünungen, Fassadenbegrünungen oder Friedhöfe als Lebensraum.  Und punkto Bewusstseinsbildung haben wir seit fünf Jahren eine Kooperation mit TU und BOKU – da lernen künftige Planer und Architekten, ökologische Aspekte von Anfang an mitzuberücksichtigen. Ich finde faszinierend, dass das mit großem Interesse aufgenommen wird; dass es da aber auch wirklich wenig Vorwissen gibt.

Kritiker unterstellen Ihnen, Sie würden dem  Druck aus der SPÖ nachgeben und alles genehmigen, was sich der Wohnbau wünscht. Wie groß ist der Druck?
Ich bin als Behörde nur den Gesetzen verpflichtet und parteipolitisch unabhängig. Ich würde keinem Druck weichen – aber man macht mir auch keinen. Was mich irritiert und persönlich trifft, ist, dass man nicht das direkte Gespräch mit mir sucht, sondern über Medien Kritik an uns übt. Das ist für mich kein fairer und respektvoller Umgang. Umso wichtiger ist mir jetzt das persönliche Gespräch. Ich bin seit 25 Jahren im Umweltschutz tätig und bin auch schon als Wiener Umweltanwältin für eine klare Linie gestanden – unabhängig vom Druck.

(Kurier) Erstellt am
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