Chronik | Wien
15.09.2018

Hilferuf aus dem Anhaltezentrum: Feuerinferno vor Abschiebung

Sechs Schubhäftlinge legten in ihrer Zelle Feuer. Sie begründeten ihre Tat auf einem A5-Schmierzettel.

Früher oder später sei so ein Hilferuf zu erwarten gewesen, meinten Einsatzkräfte. Schubhäftlinge des Wiener Polizeianhaltezentrums (PAZ) am Hernalser Gürtel haben Freitagnacht in einer dramatischen Aktion das Leben vieler Schubhäftlinge aufs Spiel gesetzt. Sechs Insassen haben entweder in selbstmörderischer Absicht oder um auf ihre verzweifelte Lage aufmerksam zu machen, einen Brand in ihrer Zelle gelegt und die Eingangstür verbarrikadiert. Die Folgen waren verheerend.

Das Feuer in der Zelle im ersten Stock des Anhaltezentrums wurde gegen 22.30 Uhr von Beamten bemerkt. Da die sechs Schubhäftlinge – fünf Afghanen im Alter zwischen 18 und 33 Jahren und ein Iraner (30) – die Zellentür mit einem Spind verstellt hatten, mussten sich die diensthabenden Polizeibeamten mit Gewalt Zutritt verschaffen. Im dichten Rauch fanden sie in dem brennenden Raum einen Schubhäftling bewusstlos auf dem Boden liegen. Nachdem sie den Mann aus der Zelle gezogen hatten, mussten sie sich wegen der giftigen Rauchgase sofort wieder zurück ziehen und das Eintreffen der Wiener Berufsfeuerwehr abwarten.

Evakuierung

Atemschutztrupps brachten kurz darauf die fünf anderen, schwer verletzten Schubhäftlinge in Sicherheit und übergaben sie der Rettung und den Notärzten. Wegen der Rauchentwicklung im gesamten Gebäude wurden 39 weitere Häftlinge in andere Stockwerke und in den Innenhof in Sicherheit gebracht. 14 mussten wegen Verdachts auf Rauchgasvergiftung medizinisch behandelt werden.

Weil die Polizei in der zerstörten Zelle eine Art Abschiedsbrief fand, gingen die Ermittler zunächst von einem kollektiven Suizidversuch aus. Auf dem stark angesengten A5-Zettel schrieben die Schubhäftlinge auf Deutsch, dass sie wegen der drohenden Abschiebungen keine Geduld mehr hätten. Sie vermerkten anscheinend – sofern bekannt – darauf auch ihre bereits festgelegten Abschiebetermine.

Weitere Ermittlungen brachten laut Polizeisprecher Harald Sörös jedoch ein etwas anderes Bild. Die Ermittler glauben eher, dass die Häftlinge auf ihre aussichtslose Situation mit einem Hilferuf aufmerksam machten, aber keinesfalls sterben wollten.

Nachdem sie Matratzen und Leintücher in Brand gesteckt hatten, sollen sie sich in den Duschraum der Zelle zurückgezogen und versucht haben, den Türspalt mit nassen Tüchern gegen die Rauchgase abzudichten.

Ein 19-jähriger Afghane dürfte später zur Zellentür gelaufen und dort auf Grund eines Inhalationstraumas zusammen gebrochen sein. Er wurde am schwersten verletzt, etwa zehn Prozent seiner Hautoberfläche sind verbrannt. Samstagvormittag hieß es aus den Krankenhäusern, dass sich alle sechs Schubhäftlinge nicht mehr in Lebensgefahr befinden.

Offener Vollzug

Weil es im Polizeianhaltezentrum grundsätzlich kein großes Problem darstellt, an ein Feuerzeug zu gelangen, verlautbarte der „tief betroffene“ Innenminister Herbert Kickl, den Vorfall zum Anlass zu nehmen, um die Sicherheitsmaßnahmen in den Anhaltezentren zu überprüfen und das Brandrisiko zu minimieren.

„Es gibt grundsätzlich zwischen acht und 17 Uhr einen offenen Vollzug“, erklärt Polizeisprecher Sörös. Da es Raucher- und Nichtraucherzellen gäbe, in die jeder zu den angegebenen Zeiten hineingehen kann, fällt auch der Zugang zu Feuerzeugen oder Zündhölzern nicht schwer.