Chronik | Wien
07.03.2018

Hilfe für die Opfer von Genitalverstümmelung

Außenministerium unterstützt Frauen, die in konservativen Herkunftskulturen verstümmelt wurden. IGGÖ ist bereits seit 2005 aktiv.

6000 bis 8000 in Österreich lebende Frauen sind einer Schätzung von 2005 zufolge von Genitalverstümmelung betroffen. Aktuellere bzw. genauere Zahlen liegen nicht vor. Und auch, ob die Zahl der von FGM (female genital mutilation) Betroffenen durch die Flüchtlingszuwanderung angestiegen ist, lässt sich nicht empirisch belegen – beim Österreichischen Integrationsfonds (ÖIF) geht man aber davon aus.

Fakt ist jedoch, dass die in Österreich als schwere Körperverletzung geltende weibliche Genitalverstümmelung in mindestens 35 afrikanischen und asiatischen Staaten praktiziert wird. Und dass dies ein Risiko für hier lebende Mädchen, die die Herkunftsländer ihrer Eltern besuchen, darstellen kann.

Eine Million Euro

Dass die Problematik in Österreich bekannt ist, ist nicht neu. Bereits 2009 wurde in der Krankenanstalt Rudolfsstiftung eine Ambulanz für plastisch-rekonstruktive Gynäkologie eingerichtet, wo Opfer von FGM medizinisch betreut werden. Pro Jahr suchen laut Leiterin Magdalena Pabinger 30 bis 40 Frauen, die in der Kindheit verstümmelt wurden, hier Hilfe. Pro Monat kommt es im Schnitt zu einer Operation. Solche Eingriffe werden auch im AKH sowie im Wilhelminenspital durchgeführt.

Die Stadt Wien hat zudem im Kaiser-Franz-Josef-Spital das Gesundheitszentrum für Frauen, Eltern und Mädchen (FEM Süd) eingerichtet, wo Betroffene aufgeklärt und begleitet werden. Außerdem investiert das Außen- und Integrationsministerium nun eine Million in Beratung und medizinische Betreuung, wie Ministerin Karin Kneissl am Dienstag bekannt gab.

Gesundheitsrisiko

In Österreich sei bis dato kein Fall von FGM bekannt geworden, sagt Kneissl. Zu Verstümmelungen komme es aber, wenn sich Kinder oder Pubertierende "in den Ferien im Familienkreis im Ausland" aufhielten. In dieser Hinsicht oft genannte Staaten sind Ägypten, der Sudan oder insbesondere auch Somalia.

Im schlimmsten Fall finden die Genitalverstümmelungen unter unhygienischen Bedingungen außerhalb von Krankenhäusern statt, die "Instrumente" wie Rasierklingen, Scheren, Messer oder Glasscherben werden oft nicht gewechselt – was ein erhöhtes Infektionsrisiko bedeutet. Abgesehen vom enormen Schmerzlevel und starken Blutungen drohen den Opfern langfristige gesundheitliche Schäden.

Die Entfernung von Klitoris und Schamlippen bzw. die Verengung der Vaginalöffnung werde in konservativen Kulturen mit Sauberkeit assoziiert. Sie diene aber auch der Kontrolle der weiblichen Sexualität und sei Voraussetzung für die Heirat, erklärt die sudanesische Ärztin Umyma El-Jelede.

Eine Religionsvorschrift oder gar rein islamisch sei sie aber nicht, wie sowohl Kneissl, als auch FEM-Süd-Leiterin Hilde Wolf betonen. Bei FGM handle es sich mehr um Tradition denn um Religion. Aus diesem Grund müsse man über Personen mit Sprach- und Kulturkompetenz in den betreffenden Communities Aufklärungsarbeit leisten, sagt Wolf.

Islamische Initiative

In dieselbe Kerbe schlägt Tarafa Baghajati, Obmann der Initiative Muslimischer Österreicher (IMÖ), der für die Islamische Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) schon seit 2005 gegen FGM zu Felde zieht – sowohl in Österreich, als auch in den betreffenden afrikanischen Staaten.

Die Initiative für sein Engagement in Form von Vorträgen, Workshops oder auch Predigten in Moscheen sei damals nicht zuletzt von der ägyptischen sowie der sudanesischen Community in Österreich ausgegangen, erzählt der Imam. In diesen beiden sei FGM mittlerweile "de facto abgeschafft", zu neuen Fällen käme es nicht. Anders verhalte es sich dagegen mit der noch kleinen somalischen Gemeinde, in der nun sukzessive Bewusstseinsarbeit geleistet werde.

Zwar sei FGM nicht islamisch, betont auch Baghajati. Er sieht es aber als Pflicht der Imame – als religiöse Autoritäten – das Thema in den Moscheen anzusprechen. Eingang findet es nun auch in den islamischen Religionsunterricht. Zudem sei jede weitere Bemühung im Kampg gegen FGM zu begrüßen, sagt Baghajati.