In diesem Lift starb Stanislav Bach.

© KURIER/Gilbert Novy

Wien
01/02/2015

Herztod im U-Bahn-Lift: Keiner half

Passanten ließen sterbenden Mann im Aufzug fünf Stunden liegen. Stationswarte kontrollierten nicht.

von Birgit Seiser, Michael Berger

Ein erschütternder Fall von Ignoranz, menschlicher Kälte und mangelnder Zivilcourage endete am vergangenen Stefanitag (26. Dezember) mit einem Toten. Zusätzlich dürfte die Tragödie laut Wiener Linien – wegen unterlassener Hilfeleistung – ein gerichtliches Nachspiel haben.

Ein gutes Dutzend Fahrgäste ignorierte fünf Stunden lang eine in einem U-Bahn-Aufzug reglos liegende männliche Person. Videokameras im Lift der Station Volkstheater (U2, U3) zeichneten das unsoziale, schwer nachvollziehbare Verhalten auf. Freitag wurde der Vorfall durch einen Bericht in der Gratiszeitung Heute bekannt. Nun drohen Konsequenzen, denn die Polizei sichtet die Videos und prüft Anzeigen gegen die im Lift anwesenden Personen.

Der im Aufzug zusammengebrochene Fahrgast war um zwei Uhr nachts – vom U-3-Bahnsteig kommend – in den Lift eingestiegen. Sekunden später dürfte der unterstandslose Pole, 58, der öfters in Caritas-Häusern übernachtet hatte, einen Herzinfarkt erlitten haben. Ob er sofort tot war oder bewusstlos zusammengebrochen ist, ist unklar. Stanislav Bach starb im Lift. Und er blieb ohne Hilfe fünf Stunden mit dem Gesicht zur Aufzugswand liegen. Laut Polizei wurde keine Obduktion angeordnet.

Gegen sieben Uhr früh fand ein Reinigungsmitarbeiter die Leiche. Er verständigte umgehend die Leitstelle und begann mit der Reanimation. Doch weder er noch der wenig später am Unglücksort eingetroffene Notarzt konnten den Polen retten.

Unglaubliche Ignoranz

Gleichzeitig wurde bekannt, dass zwei Wiener-Linien-Mitarbeiter am Stefanitag ihrer Aufsichtspflicht nicht nachgekommen waren. Unternehmenssprecherin Anna Raich erklärt: „Während der Nachtstunden sind zwei Kontrollgänge durch jede unserer Stationen vorgeschrieben. Darunter fallen auch die Aufzüge. Die Mitarbeiter haben diese Vorschrift ignoriert. Sie wurden entlassen.“

Bleibt die Frage, ob ein engagiertes Vorgehen der Fahrgäste im Lift sowie der Stationswarte dem 58-Jährigen das Leben hätte retten können. Anna Raich dazu: „Jeder Aufzug hat einen Not-Schalter. Wird der betätigt, meldet sich ein Mitarbeiter der Leitstelle. Somit wäre ein Arzt schnell vor Ort gewesen.“ Nach Betätigung des Not-Schalters überträgt die Kamera zusätzlich das Szenario im Aufzug in die Leitstelle. Auch die Stationswarte hätten die Tragödie über ihre Monitore bemerken können. Sie hätten die Kamera im Aufzug nur anwählen müssen. Dieser Vorgang ist Routine bei Sicherheitskontrollen.

Vizebürgermeisterin Renate Brauner, politisch für die Wiener Linien verantwortlich, zeigte sich geschockt: „Wir wollen nichts kaschieren. Die Stationswarte haben genau das Gegenteil von dem gemacht, was vorgeschrieben ist.“ Unabhängig von dem tragischen Vorfall soll ab dem Frühjahr das Sicherheitspersonal in Wiens U-Bahnen aufgestockt werden.

Unsere Kollegen von der futurezone haben die Reaktionen in den sozialen Netzwerken eingefangen: "Facebook-Debatte: Wiener Linien, sind eure Kameras Fakes?"

Martina Salomon hat den Vorfall kommentiert: "Verantwortung abgeben führt zu Volksverblödung"

Im Zweifelsfall ist es ein Notfall

Mangelnde Sicherheitsvorkehrungen können das falsche Verhalten der Passanten am Stefanitag nicht rechtfertigen. In allen 272 Aufzügen der Wiener Linien gibt es eine Notsprechstelle, über die man sofort in die Leitstelle verbunden wird. Ein Knopfdruck hätte womöglich ausgereicht, um Stanislav Bach das Leben zu retten.

„Wenn man in so einer Situation ist, muss man versuchen, Kontakt mit der in Not geratenen Person aufzunehmen, und gegebenenfalls einen Notruf absetzen“, erklärt Polizeisprecher Roman Hahslinger. Angst vor rechtlichen Konsequenzen muss man als Helfer in keinem Fall haben. Selbst wenn man die Person zum Beispiel bei einer Herzmassage verletzten würde – gebrochene Rippen sind in diesem Fall keine Seltenheit –, ist man rechtlich abgesichert.

Der Mythos, dass man unter Umständen eine hohe Geldstrafe zahlen muss, wenn man die Notbremse in der U-Bahn „zu früh“ zieht, ist ebenfalls weit verbreitet. Tatsächlich wollen die Wiener Linien lieber ein Mal zu viel als ein Mal zu wenig alarmiert werden, wie Sprecher Daniel Amann bestätigt: „Von uns wird sicher niemand abgestraft, der helfen will. Auch wenn sich manche Situationen dann als harmloser herausstellen, als die auf den ersten Blick erscheinen.“

Betätigt man eine der Notfall-Vorrichtungen in den Wiener Öffis, dann kann man auch schnell mit Hilfe rechnen: „In größeren Stationen ist immer jemand für den Notfall auf Abruf, der in wenigen Sekunden vor Ort sein kann. Wenn etwas in einer kleineren U-Bahn-Station passiert, dann braucht das mobile Team auch nur wenige Minuten“, erklärt Amann weiter.

Wer drückt das Gefühl der Scham aus?

Ich schäme mich für die Magistratsbeamten, die versagt haben und die Menschen und Mitbürger, die versagt haben." Es ist die "größte menschliche Enttäuschung, Bürgermeister einer Stadt zu sein, in der zwei alte Frauen ganz einfach verschwinden können". Das war die Reaktion von Bürgermeister Helmut Zilk, als im Jahr 1992 die Leichen von zwei alten Frauen gefunden wurden, die jahrelang in ihrer Wohnung gelegen waren. Niemand hatte sich um sie gekümmert, niemandem waren sie abgegangen.

Wer drückt heute das Gefühl der Scham aus, dass wir in einer Stadt leben, wo ein Mann, dem es offensichtlich schlecht ging, stundenlang in einem öffentlichen Lift einer U-Bahnstation liegt und ihm keiner hilft? Wo ist der Aufschrei der Verantwortlichen in Wien? Mitarbeiter der Wiener Linien haben versagt, aber auch alle Nutzer der U-Bahn, die nicht geholfen haben, ja nicht einmal die Rettung verständigt haben.

Wir können da nicht so tun , als wäre nichts geschehen. Die Wiener Stadtregierung muss einen Plan erarbeiten und öffentlich publik machen, wie Erste Hilfe zu leisten ist. Sie könnte eine App entwickeln, da ohnehin jeder mit einem Smart-Phone unterwegs ist, wie schnell Hilfe geholt werden kann. Aber die beste Technik hilft nichts, wenn das Herz versagt. Nicht das eines Mannes, der einen Herzinfarkt erleidet, sondern das Herz von uns allen, denen alles wurscht ist, was uns nicht persönlich betrifft.

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