Chronik | Wien 05.12.2011

Heimskandal: "Schlimmste ist die Einsamkeit"

© Bild: KURIER/Gnedt

Zwei ehemalige Zöglinge brachten ihre Erlebnisse in Kinderheimen zu Papier. Sie geben erschütternde Einblicke.

Goethe hat ihn gerettet. Franz Josef Stangl, 59, las über Johann Wolfgang von Goethes Höhenangst. Dieser überwand sie, erklomm den Aussichtsturm bei Weimar. "Er wurde mit dem Blick über das weite Land belohnt", sagt Stangl. "Da dachte ich mir, ich kann auch frei werden, aber da muss ich mich durchschwitzen, das wird nicht leicht."
Stangl hat sich "durchgeschwitzt". Vorbei die Jahre, in denen er regelmäßig im "Häf'n" saß, vorbei der Alkoholismus, die Drogen- und Medikamentensucht. "Eine typische Heimkarriere", wie Stangl befindet.

Er war unter anderem bei Pflegefamilien, von denen er immer wieder ausgerissen ist, dann in einem Jugendheim in Graz. Schließlich wurde der "Schwererziehbare" ins oberösterreichische Kloster Gleink gesteckt.

In seinen beiden Büchern "Der Bastard" und "Der Klosterzögling" berichtet er über diese Zeit. "Jeder Zögling hat das Maximum an dem erlebt, was gerade noch auszuhalten war", sagt Stangl heute. Prügel, Strafen, Erniedrigung. Von Pflegeeltern, von Ordensbrüdern. Im "Klosterzögling" gibt Stangl einen Dialog zwischen Frau Schiestl von der Jugendfürsorge und ihm wieder: "Dein Vater ein Krimineller von der Veranlagung her, deine Mutter eine Kriminelle von Geburt aus, hast du schon einmal an Selbstmord gedacht?" "Ja, Frau Fürsorgerin. Habe ich." "Und? Weshalb mangelt es an der Durchführung?"

Wilhelminenberg

Absolvierte eine „typische Heimkarriere“: Franz Josef Stangl schrieb sich die Seele frei
© Bild: KURIER/Gnedt

Helmut Oberhauser, 62, hat es nicht Goethe, sondern einem Patienten, der neben ihm im Spital lag, zu verdanken, dass er unter die Autoren gegangen ist. "Der hat von den 50er- Jahren geschwärmt", sagt Oberhauser. "Er hat gemeint, damals gab es noch Charakter-Menschen." Das war Oberhauser zu viel. Er wurde in diesem Jahrzehnt von seinem "Nazi-Vater" in der Barackensiedlung in Wien geprügelt und landete zwei Mal im Kinderheim Schloss Wilhelminenberg. "Erzieher Hassan hat mit der Weidenrute so hingeschlagen, dass die Hand aufgeplatzt ist", erinnert er sich. "Erzieher, ich bitte um gerechte Strafe", mussten sich die Zöglinge erniedrigen. "Der Hitler hat vergessen, dass er euch erschlägt", meinte Hassan, ehe es wieder Schläge setzte.

Oberhauser berichtet in seinem Buch "Die blaue Decke" auch über den sexuellen Missbrauch eines zierlichen Buben durch einen Erzieher. "Der arme Bub ist dann auch noch von den älteren Kindern vergewaltigt worden." Was nicht im Buch steht (Oberhauser: "Die Lektorin wollte das nicht drinhaben"): Durch Löcher in der Wand konnte er mehrmals beobachten, wie Erzieher Mädchen im Duschraum vergewaltigen. "Manchmal wurden sie durch Ohrfeigen und Tritte gefügig gemacht."

Als er im Jugendamt bekannt geben wollte, dass er verprügelt wird, gibt ihm die Fürsorgerin zur Antwort: "Pass auf, was du sagst, sonst kommst du in psychiatrische Behandlung."
"Wir waren den Menschen im Weg", sinniert Oberhauser im Interview über die Brutalität vieler der damaligen Elterngeneration. "Die haben den Krieg hinter sich gehabt und wollten leben. Das waren Ausläufer vom Nazi-System."
Beide Autoren haben mit ihrer Vergangenheit Frieden geschlossen. Stangl durch jahrelange Therapie, Oberhauser durch seine Familie. "Obwohl ich meine Kinder durch meine Zuneigung fast erdrückt habe." Stangl erinnert sich: "Das Schlimmste war die Einsamkeit. Ich bin ja auch von den prügelnden Pflegeeltern weggelaufen. Das Gefühl war dann so schlimm, dass ich wieder zurückgekehrt bin."

Kommission

Am Mittwoch nimmt die Wilhelminenberg-Kommission unter Richterin Barbara Helige die Arbeit auf. Das Gremium soll unabhängig von der Stadt Wien die Missbrauchsvorwürfe klären.

Zöglinge: Bücher über die Zeit im Heim

Franz Josef Stangl Seine bei den Bücher "Der Bastard" (ISBN 978-3-85252-909-7) und "Der Klosterzögling" (ISBN 978-3-85252-381-1) sind im Verlag "Bibliothek der Provinz" erschienen. Jeder Band kostet 24 €.

Helmut Oberhauser Das 740 Seiten dicke Werk des Wieners ist unter dem Namen "Die blaue Decke - Hinrichtung einer Kinderseele" (ISBN 978-3-99003-628-0) im Verlag "novumpro" erschienen und um 25,90 € erhältlich.

Erstellt am 05.12.2011