Chronik | Wien
08.10.2017

Heile rote Welt im Gemeindebau

In den SPÖ-Hochburgen werden Wahlkämpfer trotz Silberstein-Affäre freundlich empfangen.

"Mein Gott, so ein Überfall", sagt Frau Weiß, als sie Ende September ihre Wohnungstüre im Blathof öffnet. " Jürgen Czernohorszky", stellt sich einer der drei unerwarteten Besucher vor. "Wie geht es Ihnen?" "Alles okay, aber ich bin gerade mitten im Kuchenbacken", antwortet die Dame und holt einen Muffin aus der Küche. "Lasst es euch schmecken", sagt sie und schließt die Türe.

245.000 solche Hausbesuche will die Wiener SPÖ bis zum Wahlsonntag absolviert haben, um ihre Kernwähler zu mobiliseren. Der Blathof in Penzing liegt in Czernohorszkys politischem Heimatbezirk. In dem Wahlsprengel, dem der Gemeindebau zugerechnet wird, wurde die SPÖ bei der Nationalratswahl 2013 vor der FPÖ stimmenstärkste Partei. Mit 36 Prozent übertraf sie dort sogar das Wien-Gesamtergebnis von rund 32 Prozent.

"Eine unserer Forderungen ist ein Mindestlohn von 1500 Euro. Können Sie das mittragen?", fragt Czernohorszky an der Nachbartüre. Die junge Frau nickt. "Dann darf ich Sie einladen, uns zu wählen", sagt er. "Hab ich mich an das Skript gehalten?", will der Bildungsstadtrat von seiner Begleiterin Emine Gül wissen, während er die nächste Klingel drückt. "Ja. Ich passe auf dich auf", scherzt sie. Gül hält einen Stapel Fragebögen in der Hand. Darauf stehen jene Wahlkampfforderungen, die die Besuchsteams zum Gesprächseinstieg abklopfen sollen.

Das Ehepaar an Tür 6 stimmt allen Punkten zu. "Minister Kurz erzählt ja, dass gerade alle aus Wien wegziehen", sagt Czernohorszky, der inzwischen auf dem Sofa der Pensionisten sitzt. "Wo lebt dieser Mann?", entgegnet der ehemalige Gemeindebedienstete und lacht. "Wir sind sehr zufrieden". Wie viele andere Bewohner sind er und seine Frau der SPÖ zugetan. Über Czernohorszkys Besuch freue er sich, sagt der Senior, er wäre ein guter Bürgermeister. Auch innerhalb der SPÖ gibt es Stimmen, die diese Sicht teilen. Czernohorszky lehnte bereits ab. "Ich bin Stadtrat geworden, um etwas gut zu machen und nicht, um etwas zu werden", sagt er draußen im Hof.

Keine Aufregung

Eine Woche später, nach dem Auffliegen der Silberstein-Affäre rund um die Anti-Sebastian-Kurz-Seiten auf Facebook, ist die Stimmung im Gemeindebau noch immer entspannt. Zwar muss sich Renate Brauner etwas gedulden, bis im Emmerich-Sailer-Hof in Margareten die erste Türe aufgeht. Die Finanzstadträtin macht aber das schöne Wetter dafür verantwortlich. "Alle sind beim Halli-Galli", sagt sie im Stiegenhaus zu ihren beiden Begleitern. Auch in diesem Wahlsprengel gewann die SPÖ 2013 mit 36 Prozent.

"Hallöchen", sagt Brauner zu der älteren Dame im Türstock. "Wir machen eine Umfrage und Werbung für Christian Kern." So richtig könne sie sich diesmal nicht für eine Partei entscheiden, gibt die Frau im Wohnzimmer zu. "Aber Kern ist immer gut."

Ein junger Mann im Totenkopf-T-Shirt an der nächsten Stiege outet sich ebenfalls als SPÖ-Fan. Das wichtigste Thema sei für ihn Arbeit, er suche gerade eine Stelle im Büro, erzählt er. Ob er wählen gehe, wisse er noch nicht. "Wir haben die Sorge, dass Schwarz-Blau kommen könnte", versucht ihn Brauner zu motivieren.

Die Themen, auf die sie und ihre Kollegen an diesem Abend angesprochen werden, sind vielfältig: Die Bewohner beklagen das Fehlen einer Rampe an den Stufen, loben den neu gestalteten Klieberpark oder beschweren sich über das AMS. Kein einziges Mal kommt der Dirty-Campaigning-Skandal zur Sprache. Im Gemeindebau gebe es eben eine andere Problemlage, meint das Trio. "Die Höhe der Pension oder der Job interessiert die Leute", ist Brauner überzeugt. "Nicht irgendeine Facebook-Seite."