© Laura Schrettl

Reportage
07/08/2020

Gratis-Greißler: Nachfrage nach kostenlosen Lebensmittel steigt

1.800 Kilo Lebensmittel rettet der Verein MUT etwa pro Monat vor der Mülltonne. Wegen Corona hat sich die Nachfrage beim Verein nach Lebensmitteln verstärkt.

von Laura Schrettl

Amina packt Gemüse, Obst und Brot in ihre Tasche ein. Sie kommt circa zwei Mal die Woche. Immer dann, wenn sie nicht mehr viel zu essen zuhause hat. Den Großteil ihrer Lebensmittel beziehe sie von hier, "auch unsere Zahnpasta und Zahnbürsten". 

Mit "hier" meint sie den Gratis-Greißler des Verein MUT (Mensch Umwelt Tier) im 4. Bezirk in Wien. Drei Mal die Woche können sich Menschen so kostenlos mit Lebensmitteln versorgen. Der Verein erhält die Waren von Händlern und Supermärkten, welche das Essen ansonsten in die Mülltonne schmeißen müssten. 1.800 Kilo Lebensmittel werden so laut eigenen Angaben pro Monat gerettet. Davon können etwa 85 Prozent verwendet werden, sagt Alexander Maier, Projektleiter beim Verein MUT, dem KURIER. 

In Österreich landen pro Jahr rund 157.000 Tonnen Lebensmittel in der Mülltonne. Rund 40 Kilogramm pro Haushalt. Laut Schätzungen der Umweltorganisation WWF Österreich und der Universität für Bodenkultur Wien (Boku) könnten es sogar rund eine Million Tonnen Lebensmittel sein, die pro Jahr im Müll landen. Knapp die Hälfte davon entstehe mit 521.000 Tonnen zu Hause. 

Szenenwechsel: Radieschen, Paprikas, Avocados und Brot liegen in großen schwarzen Kisten auf einem Tisch im Innenhof des Vereins. Es sieht ein bisschen aus wie auf einem Marktstand. Vielleicht eher wie beim kleinen Greißler nebenan. Nur ist es eben gratis.Um 10:30 Uhr stehen bereits die ersten Kunden Schlange. Für jeden gibt’s zum "Einkauf" einen kleinen Erdbeerkuchen und ein Fanta dazu.

Normalerweise findet die Lebensmittelausgabe in einem eigenen Raum statt, fünf Mal die Woche. Coronabedingt wurde der „Kiosk“ nach draußen verlegt.

Dass sie ohne Anmeldung und ohne Geld vorbei kommen kann, findet Amina super, das habe sie so noch nie gesehen. "Kleine Tomaten zum Beispiel könnte ich mir im Geschäft nie leisten. Meine Kinder haben sich so darüber gefreut", erzählt sie. 

Gesteigerte Nachfrage durch Corona 

Amina hat vier Kinder. Sie kommt aus Tschetschenien, seit zehn Jahren wohnt sie mit ihrem Mann in Wien. Job hat sie noch keinen gefunden. "Die Corona-Zeit war sehr schwierig. Auf einmal waren sechs Personen ständig zu Hause, die essen mussten“, sagt sie. Ihr Mann habe seinen Job als Lagerarbeiter während der Corona-Zeit verloren.

Die Nachfrage nach kostenlosen Lebensmittel sei während der Corona-Zeit gestiegen, sagt Laura Lobensommer, Pressesprecherin des Vereins. Ob es am Anstieg von Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit lag oder daran, dass plötzlich Familien wieder zu Hause zusammen gekommen sind, kann Lobensommer nicht sagen. Mitte April konnte der Verein den Greißler wieder öffnen.

Mehrmals pro Woche fahren Mitarbeiter oder Ehrenamtliche zu Händlern und holen die Lebensmittel ab. Oft könne man das Obst und Gemüse noch einwandfrei im Supermarkt verkaufen, es gäbe nur zu viel und die ganze Ware könne nicht verkauft werden, berichtet der Projektleiter beim Verein MUT.

Essen hilft an drei Stellen 

Einer der Kooperationspartner ist die Hofer-Filiale nebenan. "Oft rufen die Mitarbeiter auch schon untertags an, weil sie zu viel Ware haben“, sagt Maier. Dort können sie die Ware mit einem Einkaufswagen sogar direkt abholen. Weitere Lebensmittel bekommt der Verein von Unternehmen wie Manner, der Zuckerbäckerei Jomo, der Molkerei NÖM, der Wiener Tafel, LGV-Gemüse und Dr. Falafel. "Seit zwei Jahren werden auch Kooperationen mit großen Firmen mehr", berichtet Lobensommer.

Nachdem die Lebensmittel bei den Händlern abgeholt wurden, werden sie aussortiert. Die noch genießbare Ware wird dann an drei verschiedene Stellen weitergegeben: Einerseits an den Gratis-Greißler, andererseits an Bewohner des Eltern-Kind-Zentrums des Vereins im 12. Bezirk oder an diverse Tagesstätten für Obdachlose. Etwa 60 Prozent der geretteten Lebensmittel werden an Tagesstätten geliefert. 

Mit einem vollbepackten Einkaufstrolley in der einen und einem vollen Billasackerl in der anderen Hand macht sich Amina wieder auf den Heimweg in den 20. Bezirk. Dass sie einen langen Weg mit der U-Bahn zurücklegen muss, stört sie nicht. 

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