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Chronik Wien
02/18/2019

Gewaltschutz-Projekt: Nachbarn können Leben retten

Ein neues Projekt in Wien soll Nachbarschaften stärken und so Frauen und Kinder vor Gewalt schützen.

von Julia Schrenk

Es war gestern, Montag, um zehn Uhr. Ein 71-jähriger Tiroler passte seine 58-jährige Noch-Ehefrau auf der Straße ab. Dann soll er sie sie zunächst mit einem Gegenstand attackiert, danach mit einem Messer angegriffen haben. Die Frau wurde schwer am Hals verletzt. Erst, als Passanten der Frau zur Hilfe eilten, ließ der Mann von ihr ab. Wie sich später herausstellte, dürfte das Ehepaar bereits getrennt gelebt haben; nähere Hintergründe zur Tat waren am Montag noch nicht bekannt. Der Mann tötete sich später selbst, die 58-Jährige war Montagnachmittag nicht mehr in Lebensgefahr.

Acht Frauen wurden heuer schon von ihren Partnern umgebracht, rechnet Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin der Autonomen Österreichischen Frauenhäuser, vor. „Frauen tun sich oft schwer, Hilfe zu holen“, sagt sie. Ein neues Projekt setzt nun bei jenen an, die Opfern und Tätern am nächsten sind: Den Nachbarn.

An der Tür klingeln

Im Reumannhof, dem imposanten Gemeindebau am Margaretengürtel im fünften Bezirk, findet nun erstmals ein Ableger des in Hamburg gegründeten Projekts „StoP – Stadtteil ohne Partnergewalt“ statt. Ziel des Projekts ist es, Nachbarschaften zu stärken, um Gewalt an Frauen und Kindern zu verhindern. „Schon ein Klingeln an der Tür kann Leben retten“, sagt Rösslhumer. „Wir wissen, dass Nachbarn etwas tun wollen, aber sie wissen oft nicht wie“, sagt die Expertin.

Dabei könne Zivilcourage bei häuslicher Gewalt gelernt werden: Etwa, in dem man den Fernseher nicht lauter stellt, wenn man die Nachbarn streiten hört, sondern genau hinhört. Oder an der Tür der Nachbarn klingelt und fragt, ob man sich zum Beispiel ein Handy-Ladekabel ausborgen kann, wenn man das Gefühl hat, dass es dort eine lautstarke Auseinandersetzung gibt. „Was wir mit dem Projekt nicht schaffen wollen, ist eine Bürgerwehr“, sagt Rösslhumer.

Das Projekt startet nicht zufällig in Margareten. Seit 30 Jahren haben die Autonomen Frauenhäuser dort ihren Sitz, sind also gut vernetzt mit den Playern im Bezirk, der der dichtest besiedelte in ganz Wien ist: „Wir können lang über höhere Strafen für Täter diskutieren“, sagt Bezirkschefin Susanne Schaefer-Wiery. „Nur: Dann ist eh schon alles passiert.“ Deshalb sei es „unheimlich wichtig“, dieses Präventions-Projekt umzusetzen.

Stammtische

Dazu finden ab April jede zweite Woche sogenannte Frauen- und Männertische statt. Mit den Männertischen sollen engagierte Männer angesprochen werden, die sich gegen Gewalt engagieren und für das Projekt schneeballartig andere begeistern.

270.000 Euro kostet das Projekt „StoP“, das auch von den Wohnpartnern, der Polizei, dem Verein ZARA, den Jugendzentren und der Initiative Neunerhaus unterstützt wird – bei dreijähriger Laufzeit. Ausfinanziert ist es noch nicht: „Wir hoffen, dass auch die Stadt Wien etwas beisteuert“, sagt Rösslhumer.

Info und Tipps

Stadtteile ohne Partnergewalt

StoP-Frauentische: ab 8. April jeden zweiten Montag, 17 bis 20 Uhr, Wohnpartner-Lokal im Reumannhof. 5., Margaretengürtel 100-110/5/1, Zugang Brandmayergasse 39.

StoP-Männertische: ab  4. April jeden zweiten Donnerstag, 17 bis 20 Uhr im Neunerhaus Café. 5., Margaretenstraße 166.

Frauenhelpline

Anonym, kostenlos, rund um die Uhr:  0800/222 555.

Muttersprachliche Beratung auch auf Arabisch, Bosnisch-Kroatisch-Serbisch, Türkisch und Englisch. Nähere Infos dazu auf: www.frauenhelpline.at