Chronik | Wien
15.12.2011

Gemeinsamer Widerstand im Gemeindebau

In mehreren großen Wiener Gemeindebauten wächst der Unmut über die städtische Verwaltungspraxis.

Ein Finanzbeamter teilt aus. „Wir fühlen uns abgezockt“, sagt Michael Fohler. „Wir werden betrogen.“ „Wir werden durch das System bewusst um Millionen geschädigt.“ Das System? „Wiener Wohnen, unter Werner Faymann installiert und von dessen Nachfolger als Stadtrat, Michael Ludwig, fortgeführt“, sagt Fohler. Der Finanzbeamte, der lange selbst in einem Gemeindebau gewohnt hat, kämpft in seiner Freizeit seit Jahren gegen die Organisation, die zuständig ist für die Bewirtschaftung von insgesamt 220.000 Wohnungen. In Fohlers Fundus: „Dubiose Abrechnungen, doppelte Abrechnungen, Rechnungen für nicht erbrachte Leistungen. Alles von den Mietern zu bezahlen.“ Michael Fohler prozessiert und gibt sich unbeugsam. Er und die Bewohner eines Wohnbaus in der Biraghigasse im 13. Bezirk sind nicht allein auf weiter Wiener Flur.

„Wir haben es satt, uns von den Monopolisten ausbeuten zu lassen“, sagt Otto Neugebauer über die Wiener-Wohnen-Verantwortlichen unter Stadtrat Ludwig. Neugebauer spricht für die Bewohner des Ulmenhofes im 10. Bezirk. Auch er klagt an: „Es wurde nichts im Sinn der Mieter renoviert, es gab Baumeisterkosten ohne ersichtliche Leistungen.“

Brief an Häupl

Eine Betriebskostenabrechnung für 2009 habe eine Nachzahlung in der Höhe der 1,5-fachen Miete pro Mieter ergeben. Oder die Hauptmietzinsabrechnung 2010: Laut Darstellung durch Wiener Wohnen beträgt die Gesamtsumme an Einnahmen 404.387,33 Euro. Die tatsächlich eingehobene Summe jedoch beträgt laut Mietergemeinschaft Ulmenhof 694.736,04 Euro. „Ergibt zu unseren Gunsten € 290.348,71“, heißt es in einem Brief, den die verzweifelten Mieter an Bürgermeister Michael Häupl schickten. Eine Antwort erhielten sie nicht. Mietersprecher Neugebauer: „Es stellt sich die Frage, ob die Mieter vorsätzlich geschädigt werden sollen?“

Ähnliche Fragen stellt man sich auch im Gemeindebau in der Rustenschacherallee, in der Adalbert-Stifter-Straße, oder im Reumannhof. Speerspitze im Feldzug gegen den Verwaltungsgiganten ist aber der Hugo-Breitner-Hof gleich in Hütteldorf. Ernst Schreiber und Gerhard Kuchta, zwei von insgesamt elf Mietervertretern, vertreten 1500 Mieter. „Bei uns geht es um einen Streitwert von rund fünf Millionen Euro“, sagen sie. Wie dass zu erklären ist? Schreiber, pensionierter Controller, und Kuchta, pensionierter Bankrevisor, behaupten, „es wurde zum Teil falsch verrechnet. Wir können alles darlegen und beweisen. Dabei wollen wir keinen Streit, wir wollen nur unser Geld zurück.“ Von Wiener Wohnen erhalte man keine bzw. keine zufriedenstellenden Antworten, also sei man auch an Stadtrat Ludwig herangetreten – der jedoch die Kommunikation mit den Vertretern des viertgrößten Gemeindebaus in Wien verweigere. „Das stimmt nicht. Ich habe mit den Herren stundenlang geredet“, sagt Ludwig, der sich gegen den Vorwurf der Abzocke strikt verwehrt.

Defizite

Die Mietervertreter verweisen auf aus ihrer Sicht seltsame Dokumentationen, die von Wiener Wohnen via CD ein Mal jährlich verschickt werden. „Strom, Wasser, Grünflächen, Rauchfangkehrerkosten etc. Viele Belege und Rechnungen fehlen, sind falsch, nicht nachvollziehbar.“ Dabei gebe es einiges zu erklären. Explodierende Defizite etwa. Ernst Schreiber vom Breitner-Hof: „Allein von 2007 bis 2009 wurden für unsere Anlage über 3,5 Millionen Euro an Hauptmietzins mehr ausgegeben als eingenommen. Das ohne erfolgte Generalsanierung!“ Es hat schon vereinzelt gerichtliche Auseinandersetzungen gegeben. Auch Teilerfolge für die Mieter. „Aber es hat sich nichts geändert. Man ignoriert uns und qualifiziert uns als Querulanten ab“, sagt Schreiber. „Aber wir werden immer mehr. Und wir werden gemeinsam auftreten.“ Ludwig lässt sich auf der Wohnservice-Homepage mit den Worten „Wohnbaupolitik ist mehr als nur der Bau von Wohnungen“ zitieren. Wenigstens darin dürfte er die Zustimmung der Wutmieter finden.