Chronik | Wien
29.05.2015

Gelebte Nachbarschaft, statt anonymem Dasein

Viele Wiener haben genug von der Anonymität der Großtadt und wollen sich mit ihren Nachbarn vernetzen.

Sabine Derman schaut begeistert ihren weißen Fauteuil an. "Eine Frau aus der Burggasse hat den verkauft."

Die 56-Jährige wohnt in der Neustiftgasse, den Sessel hat sie über FragNebenan gekauft. Auf der Online-Plattform können sich die Bewohner eines Grätzels vernetzen. Egal, ob jemand seine Möbel loswerden will, einen Partner zum Sporteln sucht oder eine Bohrmaschine ausborgen will. "Die Sabine ist eines unserer aktivsten Mitglieder", sagt Stefan Theißbacher, einer der Gründer von FragNebenan. Sabine Derman hat nicht nur den weißen Sessel über die Plattform gekauft, sondern auch einen Spiele-Abend organisiert und jemanden gefunden, der mit ihren Hunden äußerln geht, wenn sie krank ist. "Für mich ist das ein unheimlicher Zugewinn", sagt Derman.

Für Theißbacher erfüllt die Plattform damit ihren Zweck: "Ich hab’ mich auch zuerst über die Anonymität in der Stadt gefreut, aber irgendwann hab ich gemerkt, dass es seltsam ist, wenn man seine Nachbarn nicht kennt."

Auch die Stadt Wien versucht immer mehr, die Anonymität aus der Großstadt hinauszubringen. So müssen geförderte Neubauten über Gemeinschaftsräume verfügen. Über dieGebietsbetreuung werden Grätzelfeste organisiert und Nachbarschaftsgärten angelegt: "Ich glaube, die Menschen haben ein Bedürfnis nach Nachbarschaft", sagt Andrea Mann, Gebietsbetreuerin in der Leopoldstadt. Garteln zum Beispiel bringe die Menschen zusammen. Egal, welche Sprache sie sprechen. "Und es ist auch ein Sicherheitsfaktor, wenn sich die Menschen kennen." Unlängst habe etwa eine Frau einen Unbekannten in ihrem Haus bemerkt, der am Fahrrad ihres Nachbarn hantierte. Den Diebstahl konnte die Frau verhindern.
Auch im Nordbahnviertel, wo gerade ein komplett neuer Stadtteil entsteht, setzt man auf die Gemeinschaft. Zum Beispiel imWohnprojekt in der Krakauer Straße im 2. Bezirk. 65 Erwachsene und 30 Kinder leben hier. Die Bewohner haben sich an der Planung des Hauses beteiligt, sie betreiben gemeinsam Appartements und ein kleines Café im Erdgeschoß des Hauses. "Ich hab vorher im 19. Bezirk gewohnt. Dort war es zwar sehr schön, aber man war auch isoliert", sagt Conni Spiola. Im Wohnprojekt sei das anders. Jeder kennt hier jeden. Man fragt die Nachbarn wie es ihnen geht und wie die Party am Vortag war. Man kennt einander einfach. Das sehr "einfach fein".

FragNebenan feiert an diesem Wochenende seinen ersten Geburtstag. 10.000 Mitglieder sind mittlerweile registriert – und täglich kommen 60 neue dazu.