Chronik | Wien
11.11.2017

Film ab, aber "in English, please!"

Kinos, die Filme in Originalfassungen zeigen, florieren. Vor allem Junge schauen gern auf Englisch.

Die Premiere von "Mord im Orientexpress" im English Cinema Haydn am Donnerstag war ausverkauft. Gefeiert wurde neben der neuesten Verfilmung des Agatha Christie-Klassikers auch das 100-jährige Bestehen des Kinos.

Seit 1994 werden in der Wiener Mariahilfer Straße nur Originalversionen von Filmen gezeigt. Dass Kinobesucher, die Filme in der Originalfassung schauen – nicht synchronisiert und ohne Untertitel – wird laut Christian Dörfler, Betreiber des Haydn Kinos, "immer mehr ein Thema. Gott sei Dank."

Grundsätzlich seien Trends im Kino schwierig festzumachen. Man wisse oft nicht, warum die Besucherzahlen plötzlich steigen oder sinken. Oft habe das lediglich damit zu tun, welche Filme in die Kinos kommen und ob sie für das jeweilige Kino und sein Programm auch passen. Der Action-Kassenschlager wird sich in einem Arthouse-Kino wahrscheinlich nicht positiv auf Besucherzahlen auswirken. Ein Drama, das rund um die Oscar-Verleihung in die österreichischen Kinos kommt, wahrscheinlich schon.

Dass das Haydn-Kino heuer sein bestes Ergebnis seit Beginn an einfahren wird, liegt laut Christian Dörfler daran, dass Englisch "in" ist: Von Jänner bis Oktober dieses Jahres verzeichnet das Haus 150.000 Zuschauer. Im gesamten Jahr 2007 waren es 114.000. "Vor allem die Jungen suchen Unterhaltung auf Englisch."

Während das Zielpublikum seines Kinos früher aus Menschen ab 19 oder 20 Jahren bestanden habe, würden heute auch viele 14- oder 15-Jährige kommen. "Die sind das Englische schon gewohnt" – von Videospielen, von Downloads, von Streams.

Keine Synchro

"Die Jüngeren verstehen vielleicht am Anfang nicht alles, aber das ist ihnen egal. Die wollen die Schauspieler mit ihren Originalstimmen hören und nicht synchronisiert", sagt Dörfler.

Erst am Mittwoch veröffentlichte der Sprachreisenorganisator EF eine Studie über Englisch-Kenntnisse. Österreich rutschte zwar im internationalen Ranking von Platz acht auf Platz zehn, dennoch habe sich das Englisch der Österreicher verbessert. Am besten schnitten die jüngsten Untersuchten – die 18- bis 20-Jährigen – ab.

Überhaupt sei es europaweit fast einzigartig, dass Kinofilme im deutschsprachigen Raum synchronisiert gezeigt werden. "Abgesehen von Italien und Spanien, wo das auch noch so ist, werden überall Originalfassungen gezeigt", sagt Kurt Schramek, der das Burg Kino am Opernring betreibt.

Dort werden schon seit den 1950er-Jahren Filme in Originalfassung gezeigt. Jahrelang war es damit das einzige Kino in Wien. Nachdem ab 1994 auch im Haydn Kino Filme auf Englisch gezeigt wurden, kam in den 2000er-Jahren das Artis Kino dazu. Und von ursprünglich einem Kinosaal, in dem Originalfassungen gezeigt wurden, steigerte sich das Angebot auf mittlerweile zwölf Säle in drei Kinos. "Durch die Vermehrung der Säle ist das Angebot kontinuierlich gewachsen", sagt Schramek. Die Besucherzahlen haben sich auf drei Kinos verteilt. "Jetzt sind die Kapazitäten ausgeschöpft."

Allzu viel Konkurrenz zwischen dem Burg Kino und dem Haydn bzw. dem Artis gebe es nicht: "Die Kinos sind unterschiedlicher geworden", sagt Schramek. Und alle drei, die Filme in Originalfassungen zeigen, gibt es noch: Es muss sich also die Grundgesamtheit an Besuchern verändert haben", sagt Haydn-Chef Dörfler.