Chronik | Wien 05.12.2011

"Fasten ist ein Familienerlebnis"

© Bild: KURIER /gruber franz

30 Tage lang essen und trinken Muslime im Fastenmonat Ramadan nur nachts. Für viele ist das Fasten mehr als eine Kur.

Der sonst so brodelnde Brunnenmarkt in Ottakring ist ruhig an diesem ersten Augusttag. Dort wo an schönen Tagen Standler beste Ware zu günstigsten Preisen ausrufen und sich die Massen zwischen den Ständen drängen, schlendern einige Passanten durch, gerufen und gekauft wird wenig.

Es ist der erste Tag des Ramadan, dem islamischen Fastenmonat. Gläubige Muslime essen von nun an 29 Tage lang bis Sonnenuntergang keinen Bissen und trinken keinen Schluck.

Minus

"Für das Geschäft ist das eine Katastrophe" sagt Servet Ekinci, Kebab-Verkäufer am Brunnenmarkt. Normalerweise verkauft er einen 20- Kilo-Spieß am Tag, jetzt brutzelt ein halb so großer Spieß schon etliche Zeit vor sich hin, ohne dass er zum Messer greifen musste. "Ich bin zwar Muslim", sagt Ekinci, "aber ich selbst faste nicht. Ich wohne alleine und ohne Familie, da zahlt es sich nicht aus."

Ramadan ist für viele Muslime stark mit der Familie verbunden. Man fastet tagsüber getrennt, am Abend wird zusammen gegessen. Viele Familien laden Verwandte zum Essen nach Hause ein, oder werden selbst eingeladen. Wer es sich leisten kann, geht essen.

"Ähnlich wie beim christlichen Weihnachtsfest ist es das gemeinsame Erlebnis in der Familie, das das Fasten so beliebt macht", sagt Fuat Sanac, der neue Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft. Laut einer aktuellen Statistik bezeichnen sich nur 49 Prozent der Muslime in Österreich als religiös. Aber 80 Prozent fasten. Aus seiner Erfahrung als Pädagoge weiß Sanac, dass auch der überwiegende Teil der jungen Menschen diese Tradition noch hochhält.

Mehr als eine Kur

Er selbst hält seit seiner Kindheit die Ramadan-Regeln ein. "Damals musste ich noch dauernd ans Abendessen denken. Mittlerweile passiert mir das nur noch ganz selten für wenige Augenblicke."

Für Sanac ist Fasten mehr als einfach nur eine Kur. "Es ist eine Prüfung, ob man seinen eigenen Willen unter Kontrolle hat. Man entwickelt sich auf auf sozialer, religiöser und menschlicher Ebene weiter."

Selbst in seiner Zeit als Profiboxer - Sanac war türkischer Staatsmeister - habe er aus innerer Überzeugung nicht auf das Fasten verzichtet. "Mein Trainer war zwar dagegen, doch ich hab gerade im Ramadan immer am besten trainiert und am stärksten gekämpft."

Ramadan: Form des Gottesdienstes

Fastenmonat -Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender und dauert 29 oder 30 Tage. Von Beginn der Morgendämmerung bis zum Sonnenuntergang essen und trinken Muslime im Fastenmonat Ramadan nichts. Auch auf Sex mit dem Ehepartner soll in dieser Zeit verzichtet werden. Vom Ramadan ausgenommen sind Schwangere, altersschwache Menschen und Kranke. Das Fasten ist eine Art des Gottesdienstes und gehört zu den fünf Säulen des Islam.

Erstellt am 05.12.2011