Fall Anna: "Meine Tochter soll einfach wieder Teenager sein"
In einer schwarzen Kapuzenjacke sitzt Sophie N. in einem Stuhl des Verlags, der ihr Buch „Anna. Die wahre Geschichte meiner Tochter“ herausgebracht hat. Sie spricht mit klarer Stimme, man merkt, es ist nicht ihr erstes Interview.
Im Mittelpunkt dieses Falls steht ihre Tochter Anna, die eigentlich anders heißt. Die damals 12-Jährige soll laut eigenen Angaben von zehn Jugendlichen sexuell missbraucht worden sein. Die Angeklagten wurden freigesprochen – was eine breite Debatte über das Justizsystem und den Umgang mit Opfern auslöste.
Die Entscheidung, ein Buch zu schreiben, fiel nach dem letzten Prozess, schildert Sophie N. dem KURIER. „Das Urteil hat unsere Familie erschüttert. Im Endeffekt wurde es so dargestellt, als hätte meine Tochter das alles erfunden oder freiwillig gemacht“, sagt die Mutter. Das Buch versteht sie als Versuch, eine Gegenperspektive einzunehmen. „Ich will aufzeigen, wo Fehler passiert sind, im System und im Umgang mit meiner Tochter. Sie trägt keine Schuld.“
Kritik an Richtern
Mit der Kritik müsse man schon „ganz unten“ beginnen, fährt sie fort. „Wenn man die Erstaussage meiner Tochter gelesen hat und sieht, wie lückenhaft das Ganze ist, ist das untragbar für alle weiteren Opfer, die zu einer Polizeistelle gehen“. Bei der kontradiktorischen Einvernahme seien Anna andere Fragen gestellt worden – woraufhin man ihr vorgeworfen hätte, das hätte sie gegenüber der Polizei nicht ausgesagt.
Sophie N. spart auch nicht mit Kritik am Umgang mit ihrer Tochter vonseiten der Justiz. „Wie kann es etwa sein, dass ein Richter von Freiwilligkeit spricht – und das bei einem 12-jährigen Kind?“ Die Mutter nennt die Szene in dem Hotelzimmer als Beispiel: Ein Dutzend Männer seien damals um ihre 12-jährige Tochter herumgestanden und hätten sich nach und nach an ihr vergangen. Auch dieser Vorfall war Teil des Verfahrens. Am 26. September wurde schließlich das Urteil in dem Fall verkündet: Freispruch für alle zehn Angeklagten.
„Klare Freisprüche“
In der Urteilsverkündung erklärte der vorsitzende Richter des Schöffensenats, dass es in den Angaben der Hauptzeugin große Widersprüche gegeben habe. Auch die eingesehenen Chatverläufe hätten diesen Eindruck verstärkt, ebenso Aussagen von Zeugen, die damals engen Kontakt mit dem Mädchen hatten. Das Beweisverfahren habe „ganz klar zu Freisprüchen“ geführt. Daraufhin schaltete sich das Justizministerium ein und ordnete per Weisung an, dass die Anklagebehörde dagegen Beschwerde anmelden muss.
Staatsanwaltschaft legte kein Rechtsmittel ein
Die Staatsanwaltschaft legte allerdings kein Rechtsmittel ein, wodurch die Freisprüche rechtskräftig wurden. Trotz des Ausgangs würde sie heute denselben Weg erneut wählen – auch den Gang zur Polizei, schildert die Mutter. „Schon allein, um ein Zeichen zu setzen. Welche Werte würde ich sonst meiner Tochter vermitteln?“, sagt sie.
Für Anna gehe es nun darum, ein möglichst „normaler Teenager sein zu können“. Die Familie wohnt mittlerweile in einem anderen Bezirk, die neuen Freunde von Anna dort wissen nichts von dem langwierigen Verfahren. Ob Anna selbst das Buch jemals lesen wird, steht „in den Sternen“, sagt ihre Mutter. „Aber ich habe alles mit ihr abgesprochen. Ich spreche ja auch für sie.“
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