Autorin Fatma Akay-Türker kritisiert die gelebte Tradition vieler Muslime.

© Lukas Beck

Chronik Wien
05/08/2021

Ex-Frauensprecherin: "In der Moschee sollen die Frauen kochen und putzen"

In ihrem neuen Buch kritisiert Autorin Fatma Akay-Türker das verstaubte Rollenbild in der Islamischen Glaubensgemeinschaft.

von Bernhard Ichner

„Ich habe mich geopfert“, sagt Fatma Akay-Türker. So sei sie im Vorjahr nicht nur als Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft (IGGÖ) zurückgetreten, sondern habe auch ihren Brotberuf als Islamlehrerin nur an den Nagel gehängt, „um endlich sprechen zu dürfen“. Über das verstaubte Geschlechterverständnis in der Chefetage der Religionsgesellschaft – weil dort müsse sich „dringend etwas ändern“.

An der Kritik, dass man(n) in der IGGÖ Stillstand bewahren wolle, hält Akay-Türker auch in ihrem neuen Buch „Nur vor Allah werfe ich mich nieder – Eine Muslimin kämpft gegen das Patriarchat“ fest. Dabei sei eine Abrechnung mit der Glaubensgemeinschaft gar nicht ihr primäres Motiv gewesen, sagt sie.

Freude und Enttäuschung

Viel mehr solle das Buch zum einen ihre Freude über den Koran zum Ausdruck bringen – weil „Gott die Frauen als Personen anspricht“; weil es in einzelnen Suren (Kapiteln) um Geschlechtergerechtigkeit, Menschenrechte, Mitsprache- und Wahlrecht für Frauen gehe.

Und zum anderen ihre Enttäuschung – über die Diskrepanz zwischen den theologischen Quellen und den gelebten Traditionen in der männlich dominierten Gesellschaft – nicht zuletzt in den Reihen der IGGÖ. Dort wolle man Frauen „auf ihre traditionelle Rolle reduzieren – als Ehefrau und Mutter. In die Moschee sollen die Frauen zwar gehen, aber dort kochen, putzen und aufräumen.“

"Lippenbekenntnis"

An Fortschritt seien IGGÖ-Präsident Ümit Vural und die aktuelle Führungsetage nicht interessiert, meint Akay-Türker. Deshalb wäre auch die Gründung des Gleichbehandlungsreferats, die jüngst verkündet wurde, bloß ein Lippenbekenntnis. Bevor sich gesellschaftlich etwas ändern könne, „muss sich die Mentalität ändern“.

In ihrem Buch skizziert Akay-Türker anhand ihrer Lebensgeschichte, welchen sozialen Zwängen Frauen im Islam oft unterworfen sind, obwohl ihnen der Koran das Recht auf Selbstbestimmung einräumt. Mit 17 Jahren wurde sie von ihrer Familie zwangsverheiratet, wurde früh Mutter, ließ sich scheiden, heiratete aus freien Stücken erneut und schloss mehrere Studien ab.

Was ihr aufgezwungen wurde, lehnte sie angesichts der Vorgaben im Koran stets ab, schreibt sie.

Nur auf das Kopftuch trifft das nicht zu. Die Entscheidung, es zu tragen, habe sie als Teenager aufgrund der gesellschaftlichen Erwartungen nicht wirklich frei getroffen, sinniert sie rückblickend. Heute trage sie das Kopftuch aber aus freien Stücken. Über die Frömmigkeit einer Frau sage dies ohnehin nichts aus.

Graue Wölfin?

Eine Angriffsfläche bietet der Verband, der Akay-Türker in den Obersten Rat der IGGÖ entsandt hat. Dass sie auf Vorschlag der Türkischen Föderation (TF), die den rechtsextremen Grauen Wölfen nahesteht, zur Frauenbeauftragten bestellt wurde, mindere ihre Glaubwürdigkeit als Feministin aber keineswegs, meint die Autorin.

Zum einen sei die TF in theologischen Dingen „nicht konservativ, sondern die säkularste und liberalste Kultusgemeinde von allen“. Und zum anderen sei sie dort nicht sozialisiert worden. Als ehemalige Lehrerin verstehe sie die Lebenswelt junger Musliminnen, betont sie.

Umstrittene Frauenbeauftragte

Bei der IGGÖ hat man Zweifel, was das angeht. Akay-Türker habe sich als Frauenbeauftragte allein auf theologische und nicht auf gesellschaftspolitische Fragen konzentriert, heißt es.

Zudem negiere sie, dass zahlreiche kompetente Frauen Schlüsselpositionen in der Glaubensgemeinschaft besetzen. Das habe zu großem Unmut bei all jenen Frauen geführt, die sich jahrelang für Geschlechtergerechtigkeit in der muslimischen Community eingesetzt hätten , sagt IGGÖ-Sprecherin Valerie Mussa.

Präsident Vural habe das Ausscheiden von Akay-Türker als Frauenbeauftragte zum Anlass genommen, um sich für drei Frauen im Obersten Rat einzusetzen. Eine Erhöhung der Quote sei ab der nächsten Amtsperiode dezidiert erwünscht.

Da das alleine jedoch nicht automatisch zur Durchsetzung von Geschlechtergerechtigkeit führe, habe man im März 2021 das neue „Referat für Gleichbehandlung und Frauenförderung“ konstituiert. Dieses soll zur Sensibilisierung für Frauenanliegen und zur Gleichstellung von Frauen und Männern beitragen, indem es Diskriminierung und Problemlagen in der Glaubensgemeinschaft sowie in der Gesellschaft sichtbar macht.

 

Das Buch: Fatma Akay-Türker: „Nur vor Allah werfe ich mich nieder - Eine Muslimin kämpft gegen das Patriarchat“; Edition a; 224 Seiten; 22 Euro. 

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