Chronik | Wien
08.09.2017

Erster Schultag mit 50 Jahren

Nach 24 Jahren als Techniker entschied Wolfgang Nikowitz, Volksschullehrer zu werden.

Wolfgang hat am Montag eine Schultüte bekommen, mit Naschereien drin, einem Lineal und Buntstiften. So wie vermutlich die meisten Erstklässler. Der Unterschied ist: Wolfgang ist 50 Jahre alt und hatte vergangenen Montag seinen ersten Schultag als Lehrer. Die Schultüte hat er von seiner 26-jährigen Tochter geschenkt bekommen.

Seit Montag unterrichtet der 50-jährige Wolfgang Nikowitz die 1D der Volksschule Knollgasse in Wien-Hernals. 24 Schüler sind in seiner Klasse, 13 Mädchen und elf Buben. "Ich mache jetzt das, was ich immer machen wollte", erzählt der 50-Jährige.

Aber bis es so weit war, hat es gedauert. Zwar absolvierte Wolfgang Nikowitz schon nach seiner HTL-Matura 1986 die Aufnahmeprüfung an der Pädagogischen Hochschule (PH) Wien, allerdings habe man ihm damals erklärt, dass es praktisch keine Aussicht auf einen Job gebe. Also warf er hin und bewarb sich – zu seiner Schulausbildung passend – beim Forschungszentrum Arsenal als Techniker. Als er zehn Jahre später kündigen wollte, sei es "lustig" gewesen: "Niemand wusste, wie man tut, wenn ein pragmatisierter Beamter kündigen will", erzählt Nikowitz.

Danach verschlug es ihn in eine Bank – wo er zuerst für "User Support" zuständig war und später zum Abteilungs- und Bereichsleiter aufstieg. "Aber ich hab’ gewusst, dass ich in diesem Job nicht in Pension gehen werde." Ihn habe immer mehr interessiert, was sich in der Schule seiner Frau – einer Volksschul-Direktorin – tue. Nach 14 Jahren in der Bank sei ihm klar geworden: "Jetzt oder nie." Nikowitz kündigte und finanzierte sich mit seiner Abfertigung das Studium. Die Aufnahmeprüfung an der PH musste er nach all den Jahren wiederholen. "Das war ein Sprung ins kalte Wasser", erzählt der 50-Jährige. Nicht nur, weil er vom Gutverdiener zum Studenten avanciert war, sondern weil ihn im ersten Semester die Studienkollgen am Gang gegrüßt und gesiezt haben. Aber das habe sich schnell gelegt.

"Es wird Normalität"

Jetzt, drei Jahre später, steht Wolfgang Nikowitz erstmals als "Herr Lehrer Wolfgang" in seiner Klasse: Er schreibt die Ziffer "1" an die Tafel und die Kinder ziehen sie mit den Armen in der Luft nach. Er singt im Sitzkreis Lieder über Elefanten, die gerne Erdbeeren essen, teilt Arbeitsblätter aus und spielt auf der Mundharmonika, wenn die Kinder still sein sollen. Wolfgang Nikowitz ist der zweite männliche Lehrer an der Volksschule Knollgasse. Vergangenes Schuljahr (aktuellere Zahlen gibt es nicht, Anm.) unterrichteten in Wien 501 männliche Volksschullehrer (7,5 Prozent). Insgesamt unterrichteten in Wien 2016/17 501 männliche Volksschullehrer (7,5 Prozent). Vor fünf Jahren lag der Anteil noch bei 6,1 Prozent. Bundesweit sind neun Prozent der Volksschullehrer Männer.

"Es wird langsam Normalität, dass auch Männer in der Volksschule unterrichten", sagt Irene Janu, Direktorin in der Knollgasse. "Dass jemand in diesem Alter wechselt, ist sehr ungewöhnlich." Spätberufene Lehrer gebe es aber immer öfter: "Das liegt vermutlich daran, dass man als Lehrer eine sichere Stelle hat. Und der Sommer lockt wohl auch", sagt Janu. Sie hält männliche Lehrer für wichtige Bezugspersonen der Kinder. Auch das Arbeitsklima würde sich verbessern. "Aber ich habe auch immer wieder mit männlichen Studenten zu tun, die glauben, Mannsein allein reich. Aber das ist ganz sicher nicht so. Es gibt keinen Männer-Bonus", sagt Janu. Weil Wolfgang Nikowitz keiner von diesen Männern war, habe sie ihn an ihre Schule geholt.

Und was sagt der nach seiner ersten Woche als Lehrer? "Ich spüre die Woche in den Knochen. Es war fordernd, stressig und schön, die Kinder sind entzückend. Ich würde es sofort wieder machen."