Chronik | Wien
27.01.2018

Erste Schwünge auf der Piste aus Plastikborsten

Das Skigebiet hält sich mit einer Kunststoffpiste, die diese Saison ausgebaut wurde, über Wasser.

"Wo ist die Pizza?" ruft Skilehrerin Claudia Helml ihrer Schülerin Jana hinterher. "Knie fest zusammendrücken!" Das Mädchen in der lila Skihose legt folgsam die Hände an die Knie. Ein richtiges Dreieck wollen die kurzen Ski an ihren Füßen nicht so recht bilden, aber sie rutscht trotzdem heil den Hang hinunter. Allerdings nicht auf Schnee, sondern auf weißen Kunststoffborsten.

Zwar liegt auf der Hohen Wand Wiese in Penzing an diesem Nachmittag eine dünne Schicht Schnee – zum Skifahren reicht diese aber weit nicht. Mickrige Schneeniveaus wie diese haben in dem traditionsreichen Skigebiet einen Strategiewechsel herbeigeführt.

Vergangenen Winter wurden im unteren Bereich der Wiese, die der Stadt Wien gehört, Kunststoffmatten ausgelegt und der ehemalige Weltcup-Hang in eine Anfänger-Skiwiese umfunktioniert. Nach einem erfolgreichen Probebetrieb wurde die Fläche für die aktuelle Saison auf 1600 Quadratmeter verdoppelt. Anstelle des Schlepplifts bringt nun ein Förderband die Skifahrer nach oben.

"Die Bekanntheit und die Akzeptanz der Matten muss sich erst aufbauen", räumt Gerald Eder ein. Er leitet die Skischule Wien, die hier an den Wochenenden und in den Ferien Kurse für Kinder ab vier Jahren anbietet. Aus seiner Sicht haben die Matten einen ganz entscheidenden Vorteil: "Es herrschen immer die gleichen Bedingungen, das ist gut für Anfänger." In Ballungszentren sei die Piste aus Plastik sicher eine gute Lösung, glaubt Eder, denn vom Naturschnee habe man sich hier verabschiedet. In Budapest und Holland gebe es solche Matten schon seit Jahren.

Auch eineinhalb Autostunden von Wien entfernt befindet sich ein Skigebiet, das auf eine Kunststoffpiste umgerüstet hat. In Puchberg am Schneeberg führten die klimatischen Veränderungen 2016 zu einer Neupositionierung. Skifahrer und Snowboarder können sich dort auf einer 5000 Quadratmeter großen Kunststoff-Piste versuchen – und das ganzjährig. Dieses Angebot werde auch genutzt, heißt es vom Betreiber, der Niederösterreichischen Verkehrsorganisationsgesellschaft (NÖVOG).

Aus für Beschneiung

Nach dem Konkurs der Schneerlebniswelt Aspern sind die Matten auf der Hohen Wand Wiese die einzige Möglichkeit, in Wien Ski zu fahren. Den Hang um eine Kunstschnee-Abfahrt zu ergänzen, kommt Eder nicht in den Sinn – obwohl Schneekanonen vorhanden wären.

Möglich wäre eine Beschneiung ohnehin nur im unteren Abschnitt. Denn aus Kostengründen wird die Sommerrodelbahn nicht mehr zur Gänze abgebaut, die Piste ist daher im oberen Bereich gesperrt. Luftfeuchtigkeit und Lufttemperatur würden für Kunstschnee aber ohnehin kaum passen, sagt Eder. Außerdem sei der Schnee aus der Kanone sehr teuer. Eder: "Wir verfolgen das Beschneien nicht mehr." Dazu kommen in der heurigen Saison Probleme mit der Versorgung: Derzeit sei die Wasserqualität des Bachs, der die Kanonen speist, nicht gut genug, sagt ein Sprecher des Sportamts.

Zwei Mütter, die ihre Kinder auf der Kunststoffpiste beobachten, stören sich nicht daran, dass ihre Kinder auf Plastik Skifahren lernen. "Ich war wegen der Matten überhaupt nicht skeptisch", sagt Eleni Zoga. "Die Lehrer sind sehr nett und haben Erfahrung. Und es ist für uns nicht weit hierher."

Die Nähe sei ein Faktor, mit dem man Punkten könne, sagt Eder. Kurse am Semmering, die die Skischule anbietet, werden kaum nachgefragt. Eder: "Die Eltern wollen ein fertiges Skifahrer-Kind, aber den Aufwand nimmt man nicht gerne in Kauf." Eder selbst sind offenbar keine Mühen zu groß, um den letzten Wiener Skihang zu erhalten. "Kosten und Einnahmen halten sich die Waage", sagt er. "Es ist nach wie vor sehr viel Idealismus dabei."

Downhill mit dem Rad

Die Plastikmatten sind nicht die einzige Neuerung auf der Hohen Wand Wiese. Im Sommer eröffnete ein Mountainbikeverein im angrenzenden Waldstück ein Trailcenter. Die erste Saison lief gut, sagt Geschäftsführer Horst Marterbauer. Zu den drei bestehenden Strecken soll dieses Jahr eine weitere dazu kommen. Im Februar startet eine eigene Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung.