Vom Wasser verschlungen: Vor 50 Jahren stürzte die Reichsbrücke ein
Zuerst habe er es für ein Schlagloch gehalten, erzählte der Busfahrer. Doch plötzlich geriet der Gelenksbus heftig ins Schlingern. „Dann bin ich mit der ganzen Brücke wie in einem Großraumaufzug in die Tiefe gesaust.“ Das Donauwasser rund um den Bus habe regelrecht „zu brodeln“ begonnen; trotz Lebensgefahr nahm der Fahrer noch die Geldkassa an sich. Dann kletterte er durch die zertrümmerte Windschutzscheibe aus dem Bus und hielt sich an einem Eisenteil fest. Ein paar Minuten später wurde er von der Feuerwehr mit einer Zille gerettet.
So schilderte der damals 49-jährige Buslenker Emmerich Volcamsek im KURIER den dramatischsten Moment seines Lebens: Als er mit dem Bus der Linie 26A am 1. August 1976 gegen 4.50 Uhr über die Reichsbrücke fuhr – und mitsamt dieser in die Tiefe gerissen wurde.
„Der Einsturz der Reichsbrücke war nicht nur ein Wiener Ereignis – es war ein Mega-Ereignis in der Geschichte Österreichs mit schwerwiegenden Folgen“, erklärt Sándor Békési, Kurator im Wien Museum. Die Erschütterungen infolge des Einsturzes seien so heftig gewesen, dass sie sogar von Seismografen auf der Hohen Warte erfasst wurden.
„Laut krachend abgesackt“
Augenzeugen schilderten schier unglaubliche Szenen: „Die ganze Brücke hat sich einen halben Meter gehoben und ist dann laut krachend auf der gesamten Länge gleichzeitig abgesackt“, erzählte etwa ein Pannenfahrer des ÖAMTC, der in der Nähe der Reichsbrücke unterwegs gewesen war, damals dem KURIER.
Auch Bewohner in der Umgebung hörten den dumpfen Krach: „Zuerst dachte ich an ein Gewitter“, sagte der Bewohner eines Hauses am Mexikoplatz. „Meine Frau geht zum Fenster und ruft: ,Die Reichsbrücke ist weg!‘ Zuerst dachte ich an einen dummen Scherz, aber dann sah ich selbst: Die Brücke war tatsächlich weg.“ Von seiner Wohnung im siebenten Stock aus waren nur noch Trümmer im Wasser zu erkennen.
Im kollektiven Gedächtnis
Auch heute, 50 Jahre später, erinnern sich noch viele Zeitzeugen, wo sie waren, als sie vom Einsturz der Reichsbrücke erfuhren. „Es war ein schwarzer Tag für Österreich, der im kollektiven Gedächtnis bleibt“, sagt Historiker Békési. Da sich das Unglück in den frühen Morgenstunden ereignete, waren wenige Fahrzeuge unterwegs – ein Autolenker, der in die Tiefe gerissen wurde, starb.
Die Titelseite des KURIER am Tag nach dem Unglück.
„Wäre das Unglück fünf bis zehn Jahre später passiert, hätte es womöglich größere Schäden gegeben“, gibt Békési zu bedenken. Denn damals plante man, die U-Bahn-Linie U1 zu verlängern: Diese sollte auf einer Brücke parallel zur Reichsbrücke geführt werden. Gut möglich, dass die einstürzende Reichsbrücke auch diese U-Bahn-Brücke beschädigt hätte. „Außerdem wäre die Donauinsel schon fertig gewesen. So war in diesem Bereich noch nichts bebaut und nichts los. Man musste die Planungen danach neu denken.“
Kein Gas, kein Strom und keine Kohle
Die Folgen des Unglücks waren im August 1976 in weiten Teilen der Stadt spürbar: Wasser überflutete den Handelskai, Bewohner des 21. und 22. Bezirks waren von der Strom-, Gas- und Wasserversorgung abgeschnitten. Auch bei Telefonaten im Festnetz gab es Störungen. Durch die Blockade des Schiffsverkehrs entstand Industriebetrieben wie der Voest großer Schaden: Erze und Kohle etwa, die per Schiff aus der damaligen UdSSR nach Linz geliefert wurden, konnten nicht transportiert werden.
Rätselraten über Anschlag
Unmittelbar nach dem Unglück konnte man über die Ursache nur spekulieren – auch von einem Anschlag war die Rede. Rasch wurden auch Vorwürfe laut, die Sicherheitsüberprüfungen seien schleißig gewesen. „Tatsächlich kam es aufgrund von Konstruktionsfehlern und Materialermüdung zu dem Unglück. Und bedingt durch die damalige Bauweise waren gewisse Teile schwer zugänglich, daher war die Kontrolle nur unter schwierigen Bedingungen möglich“, beschreibt Békési.
Der Gelenkbus 8084, der ins Wasser gestürzt war, wurde übrigens geborgen und repariert. Bis 1989 war er noch im Einsatz – heute kann man ihn im Verkehrsmuseum Remise in Wien besichtigen.
Bis 1989 war der Bus auf Wiens Straßen unterwegs, nun ist er im Museum Remise zu besichtigen.
Umgehend wurden damals Ersatzbrücken für Straßenbahnen und Autos errichtet. Die neue Reichsbrücke, wie wir sie heute kennen, wurde schließlich am 8. November 1980 für den Verkehr geöffnet: eine Kombinationsbrücke für Kraftfahrzeuge und für die U-Bahn. „Sie ist vielleicht nicht die schönste Brücke der Welt, aber sie ist sicher und modern“, sagt Békési und lacht.
Manche glauben noch immer an Anschlag
Das Thema Reichsbrücke fasziniere weiterhin: „Es gibt nach wie vor Anhänger von Verschwörungstheorien, die an einen Anschlag glauben“, so der Historiker. Immer wieder bieten Interessierte auch Bauteile oder Bruchstücke, die sie nach dem Einsturz aufgesammelt haben, dem Wien Museum an.
Ein Original-Brückenlager der Reichsbrücke heutzutage ist unter der Brigittenauer Brücke zu besichtigen.
Einen Teil der 1976 eingestürzten Brücke kann man übrigens noch besichtigen: und zwar das alte Brückenlager (siehe Bild oben). Es findet sich heute unter der Brigittenauer Brücke. Und für alle, „die das Feeling der einstigen Brücke“ erleben möchten, hat Békési einen Tipp: „Die Elisabethbrücke in Budapest erinnert an unsere frühere Reichsbrücke.“ Diese Hängebrücke aus Stahl wurde 1964 eröffnet – und ist heute noch intakt.
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