Vor 50 Jahren: Der Tag, als Niki Lauda durchs Feuer ging
Dass die Reichsbrücke eingestürzt ist, erfährt Niki Lauda am Sonntagvormittag aus dem Mund des KURIER-Reporters Helmut Zwickl, der ihn im Ferrari-Wohnwagen besucht. „Unglaublich, wie kann so was passieren?“, sagt Lauda. „Ein Materialgebrechen?“
Um 14.23 Uhr, keine zehn Stunden nach dem Brückeneinsturz, wird Lauda selbst im Mittelpunkt eines Unglücks stehen: Bei einem verheerenden Unfall fängt sein Bolide Feuer, der Pilot kommt nur knapp mit dem Leben davon. Die Narben bleiben, die Kappe, mit der er seinen jetzt kahlen Kopf bedeckt, wird zu Laudas Markenzeichen.
Böse Vorzeichen
Nicht nur, weil es bedeckt war, kam der Unfall nicht aus heiterem Himmel. Wie in einer klassischen Tragödie wiesen dunkle Vorzeichen auf das Unglück hin. Laudas Ehefrau Marlene träumte in der Nacht vor dem Rennen von einem Feuerunfall. Im Fahrerlager traf Lauda auf einen Fan, der ihm ein Foto von Jochen Rindts Grab schenkte.
Helmut Zwickl berichtet, dass er am Donnerstag mit Lauda in einem Fiat-Coupé die Strecke abfuhr. Bei Kilometer 10,5 sagte Lauda: „Wenn du hier zum Beispiel einen Unfall hast, dann hast du keine Chance.“ Es war die Stelle, an der er dann verunfallte.
Der in seiner ursprünglichen Form („Nordschleife“) 22,8 Kilometer lange Nürburgring war und ist eine der faszinierendsten Rennstrecken der Welt; aber auch eine der gefährlichsten. Lange vor dem Unfall wird diskutiert, ob die „grüne Hölle“ für die Formel 1 noch zeitgemäß ist.
Lauda gehört dem Fahrergremium an, das Monate vor dem Rennen abstimmt, ob am Nürburgring gefahren werden soll. Er ist dagegen, wird aber überstimmt. Deutsche Fans verhöhnen Lauda als Angsthasen, sie basteln Verkehrsschilder, auf denen „Lauda 20 km/h“ steht. Dabei hat der Angsthase im Vorjahr auf dem Nürburgring erstmals die Sieben-Minuten-Schallmauer durchbrochen.
Nur sechs Wochen nach dem Unfall war Lauda wieder zurück in der Formel 1. Die Narben blieben - und wurden sein Markenzeichen.
Im Bergwerk
Der Unfall passiert in der zweiten Runde, auf einem Streckenabschnitt namens Bergwerk. Die Passage wird – heute undenkbar – von den TV-Kameras nicht erfasst; ein 15-jähriger Bursch, der mit seiner Super-8-Kamera zufällig dort filmte, lieferte die Bilder vom Unfall. Laudas Ferrari bricht nach rechts aus, kracht gegen eine Böschung, wird zurück auf die Fahrbahn geschleudert und fängt Feuer. „Dieses plötzliche Abbiegen ist abnormal“, wird Lauda später sagen. „Ich kann es nicht erklären.“
Der brennende Ferrari steht jetzt mitten auf der Strecke. Guy Edwards kann gerade noch ausweichen, Brett Lunger und Harald Ertl rammen das Wrack, Arturo Merzario hält an. Lauda ist Weltmeister; die vier Kollegen sind Nachzügler, keiner von ihnen hat auch nur ein WM-Pünktchen auf dem Konto. In diesem Moment aber spielen Standesunterschiede keine Rolle: Einer brennt, die anderen versuchen, ihn aus den Flammen zu befreien.
Merzario gelingt es nach etwa 50 endlosen Sekunden schließlich, den Gurt zu öffnen. „Niki hatte offensichtlich riesige Schmerzen und wand sich im Gurt“, erinnert sich der Retter. „Gott sei Dank verlor er das Bewusstsein, das Drehschloss konnte ich erst öffnen, als er in sich zusammensackte.“
Lauda und Merzario konnten einander übrigens nie besonders gut leiden. „Er war also wirklich ein selbstloser Retter“, sagte Lauda. „Er hat einen Kerl rausgezogen, den er nicht ausstehen konnte.“ Die goldene Rolex, die er Merzario schenkte, hat dieser nie getragen.
Fahrfehler oder technisches Gebrechen? Die Unfallursache wurde nie geklärt. Chefmechaniker Ermanno Cuoghi vermutete, dass ein Längslenker ausgerissen ist. Lauda konnte zur Aufklärung nichts beitragen, weil er einen Filmriss hatte. Er glaubte jedenfalls, dass das solide Chassis ihm das Leben gerettet hat. „Den Luxus von so viel Robustheit hat sich damals nur Ferrari geleistet.“
Ein Streckenposten und drei der Fahrerkollegen, die sich um den verunfallten Niki Lauda kümmerten: Arturo Merzario, Harald Ertl und Brett Lunger (von links).
Letzte Ölung
Äußerlich war Lauda relativ unversehrt; er konnte gehen und sprechen, weshalb die anderen Fahrer die Situation falsch einschätzten. „Okay, die Verbrennungen wird er behandeln lassen müssen“, dachte John Watson. Tatsächlich befand sich Lauda in akuter Lebensgefahr: Das Problem waren weniger die Verbrennungen als die giftigen Dämpfe, die er eingeatmet hatte.
Seine Lunge war so schwer geschädigt, dass ihm ein Priester auf der Intensivstation in Mannheim die Letzte Ölung verabreichte. Nach drei Tagen war das Ärgste überstanden, und es konnte mit den Hauttransplantationen begonnen werden. „Mein Gott, wo ist sein Gesicht?“ hatte die Bild-Zeitung gewohnt mitfühlend getitelt.
Nur sechs Wochen nach dem Crash stand Lauda in Monza schon wieder am Start. Wie tapfer er den Unfall überstanden hatte, hat den Österreichern fast noch mehr imponiert als seine Siege. Im letzten Rennen der Saison, im strömenden Regen von Fuji, gab Lauda auf. Damit hatte er zwar die Weltmeisterschaft verspielt, aber erneut eine Mutprobe abgelegt: Ein Rennfahrer, der zugibt, dass er Angst hat? Das muss man sich erst einmal trauen.
„Hunt ist Weltmeister, Lauda ein Mensch“, titelte der Corriere dello Sport. Er war jetzt einer von uns.
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