Julia Demmer führt den Philogreissler in der Kaiserstraße.

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Kaiserstraße/Westbahnstraße
04/23/2016

Einstiges Schmuddel-Eck hat sich gemausert

Früher gab es Leerstände, heute siedeln sich Start-ups und Fachgeschäfte an.

von Julia Schrenk

Auf der Budel neben dem Sportgummi liegen nicht nur die obligatorischen Mannerschnitten, Chips und Tutti Frutti, sondern auch ein Stapel Bücher und ein Glas voller Bleifstifte. Dieses Detail unterscheidet den Philogreissler vom Greißler, wie man ihn sonst gewohnt war.

Vor ziemlich genau einem Jahr eröffneten Julia Demmer (die Tochter des Tee-Herstellers) und Gerd Fraunschiel (ein ehemaliger Philosophie-Lehrer) das Café samt Buchhandlung in der Kaiserstraße in Wien-Neubau. Die Wände zieren Portraits von Ludwig Wittgenstein, Hannah Arendt oder Simone de Beauvoir. Auf den Tischen mitten im Raum liegen Bücher wie "Was ist Philosophieren?" oder "Wie werde ich Philosoph?" Dazu gibt‘s Kaffee von J. Hornig aus Graz und Topfentorte nach dem Rezept von Demmers Tante.

Als Demmer und Fraunschiel beschlossen, den Philogreissler zu eröffnen, war die Kaiserstraße nicht gerade ihre erste Wahl. Das Grätzel bis zur Westbahnstraße galt lange als das Schmuddel-Eck von Neubau. "Wir haben uns schon gefragt, ob das, was wir machen wollen, auch in der Kaiserstraße funktioniert", sagt Demmer. Aber: "Wir wohnen hier und mögen den Bezirk. Und ein größeres Geschäftslokal kann man sich weiter unten im Siebenten als Start-up eh nicht mehr leisten. Die Kaiserstraße entwickelt sich. Und wird es weiter tun", sagt Demmer.

Im Philogreissler sitzen auch Klaus Schmidtschläger und Martin Kastner vom Einkaufsstraßenverein. "Die schlimmste Zeit für die Kaiserstraße war zwischen 1995 und 1997. Die Alten haben ihre Geschäfte zugemacht, die Jungen waren noch nicht da. Es gab viele Leerstände", erzählen sie.

7er-Branding

Diese Zeit ist vorbei: Die Kaiserstraße hat sich zur "Straße der Spezialisten" gemausert (es gibt zahlreiche Fachgeschäfte) – in die Westbahnstraße zieht es die Jungen.

Etwa Lukas Fochler und Jens Jech. Die beiden eröffneten vor Kurzem den "Eigenbrötler", einen Laden, in dem man abgesehen von hausgemachten Sandwiches (zum Beispiel mit Gorgonzola-Mascarpone-Creme, Walnüssen, Birnen, Raddiccio) auch alte Rahmen (von Katha und Georg) kaufen kann. Ein paar Häuser weiter eröffnete Dominik Portune im November seine Weihandlung "Vino Nudo", in der man ausschließlich Naturweine erhält. "Ich hatte das Gefühl, dass es sich lohnt, hier zu eröffnen", sagt Portune. "Es ist die Mischung aus dem, was schon da ist, und dem was dazu kommt."

So sieht das auch die Obfrau der IG Kaufleute der Westbahnstraße, Katharina Franke. Vor vier Jahren haben sich die Kaufleute der Westbahn- und der Kaiserstraße zusammen getan, um für die Entwicklung des Grätzels zu arbeiten. Deshalb gibt es ein "7er-Branding" zur Identitätsstärkung. Etwa den 7er-Schal und oder die 7er-Schnitte (Buchweizen-Biskuit, mit Himbeer-Joghurt-Creme und rosa Pfefferkörnern mit insgesamt sieben Zutaten), die bald in jedem Café im Bezirk serviert werden soll.

"Die Vielfalt macht unser Grätzel aus", sagt Katharina Franke. Sie ist mit ihrem Licht-Design-Geschäft "Franke Leuchten" seit 16 Jahren im Bezirk. "Seit etwa eineinhalb Jahren beginnt sich etwas bei uns zu ändern." In die Westbahnstraße kommen nicht mehr nur Fotografen und Radfahrer, sondern "junge, urbane Menschen", sagt Franke: "Die machen die Atmosphäre aus, das zeigt sich auch im Straßenbild. Unser Grätzel ist jetzt weg vom Schmuddel-Image."

Kaiserstraße/Westbahnstraße: Wer und wo?

Philogreissler
Café und Buchhandlung
7., Kaiserstraße 35

Eigenbrötler
Sandwiches und alte Bilderrahmen von Katha und Georg
7., Westbahnstraße 48

Vino Nudo (Naturweine)
7., Westbahnstraße 30

Franke Leuchten
7., Westbahnstraße

Schmidtschläger
Spezialist für Beschläge und Sicherheit
7., Kaiserstraße 41