Chronik | Wien
03.01.2018

Ein Sprung ins kalte Wasser

In Wien sind in der Donau auch im Winter regelmäßig Schwimmer zu sehen.

Die Sonne scheint, aus dem Lautsprecher des griechischen Restaurants schallt Folkloremusik und am Ufer der Donau im 22. Wiener Gemeindebezirk stehen rund 15 Männer und Frauen in Badekleidung. Diese Szenerie wäre nicht weiter ungewöhnlich – abgesehen von der Jahreszeit und der Wassertemperatur. Diese liegt nämlich bei gerade einmal dreieinhalb Grad. Doch das hält die Gruppe nicht davon ab, gleich ins kalte Wasser zu steigen. Denn es handelt sich um Eisschwimmer, die hier regelmäßig trainieren.

Manuel ist heute zum ersten Mal dabei. "Mir ist jetzt schon kalt", sagt er und wickelt das Handtuch fester um den Körper. "Am besten gehst du langsam rein, dann wieder raus und versuchst es gleich noch einmal", rät ihm Josef Köberl. Er ist Profi. 2014 absolvierte er als erster Österreicher im rund drei Grad kalten Grundlsee in der Steiermark die 1600 Meter lange "Ice-Mile". Außerdem durchschwamm er ein paar Monate später in 14 Stunden den Ärmelkanal. Im Sommer scheiterte er knapp an der Querung des Nordkanals zwischen Schottland und Nordirland.

Unter fünf Grad

Als Manuel ins Wasser eintaucht, atmet er hörbar ein. Auch einige der routinierteren Schwimmer pfauchen. Nach wenigen Augenblicken kraulen sie aber parallel zum Copa Beach in Richtung Reichsbrücke. Zwei dick eingepackte Spaziergänger bleiben stehen und filmen. "Meine Finger sind brutal kalt. Aber es ist superlustig", sagt March, als sie mit krebsroter Haut ans Ufer kommt. Sie war heute zum ersten Mal bei echten Eisschwimm-Temperaturen – unter fünf Grad – im Wasser. "Sobald die Haut betäubt ist, spürst du nichts", sagt Manuel, der sein kaltes Bad ebenfalls beendet hat.

Köberl hat inzwischen fast die Donauinsel erreicht. Seine Eisschwimm-Leidenschaft begann mit einem Bewerb über neun Kilometer im oberösterreichischen Hallstätter See – bei 14 Grad Wassertemperatur und im Neoprenanzug, wie Köberl erzählt. Seiner Schwester habe er damals gesagt: "Wenn ich das mit nur drei Wochen Training kann, schaffe ich auch den Ärmelkanal. Fünf Jahre später war es so weit." Als Vorbereitung hatten ihm Sportler-Kollegen Eisschwimmen empfohlen.

Meisterschaft

Mittlerweile schwimmt Köberl mit Gleichgesinnten fast täglich in der Donau und setzt sich als Präsident der Ice Swimming Association Austria (ISAA) für den Sport ein. Sein großes Ziel ist, Eisschwimmen als olympische Disziplin zu etablieren. Er sei stolz, dass die Sportart wachse, bei der österreichischen Meisterschaft im Februar rechne er mit 50 Teilnehmern. Zudem erfahre auch der gesundheitliche Aspekt – die Anregung des Fettsäure-Ausgleichs – immer mehr Aufmerksamkeit.

Manuel geht es vorrangig um einen psychischen Effekt. Er wolle mit dem Gang ins kalte Wasser Stress reduzieren, erzählt er, als sich später einige Schwimmer im Restaurant mit Suppe aufwärmen. Dass es diese Wirkung gibt, meint auch Jacky, der auf der Terrasse gerade in trockene Jeans und einen Pullover geschlüpft ist: "Es ist ein sehr gutes Antidepressivum." Auf dem Tisch vor ihm steht ein Becher heißer Tee. "Der ganze Körper vibriert. Es ist wie ein Dauer-Orgasmus", sagt er und führt mit zitternden Händen die Zigarette danach an seine Lippen.

Eisschwimmer werden

In einigen Gemeinden finden rund um den Jahreswechsel traditionelle Silvester-/Neujahrsschwim-men statt. Am 6. Jänner veranstaltet die Sport Union Langenlebarn (NÖ) ein "Biber-Schwimmen". In Schönbühel an der Donau (NÖ) können sich Anfänger am 20. Jänner um 14 Uhr am Rande eines Benefiz-Bewerbs versuchen. Termine für offene Trainings und das traditionelle Vollmondschwimmen der Wiener Eisschwimmer sind auf der Facebookseite "IISA – Austria" angegeben.