Chronik | Wien 24.12.2011

Eiliges Christkind: Geboren am 24. 12. 2011

© Bild: GNEDT/KURIER

Im Wiener AKH kamen auch am Heiligen Abend Kinder zur Welt, deren Leben schon früh an einem seidenen Faden gehangen ist.

Plötzlich fliegt die Tür des OP-Saals auf und in einem mobilen Brutkasten wird ein viel zu früh geborenes Kind in Richtung Frühchen-Station geschoben – in voller Geschwindigkeit. Ein Mädchen. Nicht einmal 500 Gramm schwer, nach nur 25 Wochen im Bauch seiner Mutter.Die Mutter will dem kleinen Wesen einmal einen fernöstlichen Namen geben. Der Name heißt im Deutschen so viel wie Leben.

 

Nur 500 Gramm

Teamarbeit: Hier weiß die rechte Hand, was die linke tut. Daher kommt auch die kleine Sophia am Heiligen Abend gesund zur Welt
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Wie treffend. Es geht hier, auf der Ebene 9 des Wiener Allgemeinen Krankenhauses, wieder einmal ums Leben, ums Überleben. Doch der Tod haftet gefährlich an den Fersen der Mediziner. Nur 500 Gramm. Niemand kann im Moment sagen, ob dieses ganz kleine Wesen den ersten Weihnachtstag erleben wird.

Draußen ist Weihnachten. In der Geburtenstation des AKH, in der Tag wie Nacht Kunstlicht brennt, ist das aber nicht wichtig. Diese Station ist etwas Besonderes. Hier kommen alle Kinder Ostösterreichs zur Welt, deren Leben an einem dünnen Faden hängt. Die Schwangerschaft ist für ihre Mütter und für sie ein Risiko.

„Die heile Welt haben wir auch am Heiligen Abend nicht“, erklärt Oberarzt Ambros Huber, ein Südtiroler mit mehr als zwanzig Jahren Berufserfahrung. Huber ist hier die absolut richtige Besetzung. Im OP-Saal zeigt sich, dass er im Kampf um Menschenleben nicht die Nerven wegschmeißt. Er vertraut bei der Arbeit auf Kollegen und moderne Geräte. Vor allem aber ist er auch im weißen Mantel Mensch geblieben, der mit besorgten Vätern genauso ruhig redet wie mit jungen Frauen, die sich vor Schmerzen krümmen oder nur besorgt auf die Uhr blicken.

Unchristliche Zeiten

Das eilige Christkind wog 2130 Gramm
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Der Doc hat vom 24. bis zum 26. Dezember Dienst. Er beklagt sich aber nicht: „Ein Geburtshelfer und seine Familie haben damit leben gelernt, dass er oft nicht zu Hause ist.“ In seinem Fall stimmt auch: Geburtshelfer arbeiten nicht nur zu allen heiligen, sondern auch zu allen unchristlichen Zeiten.

Und schon wieder muss es sehr schnell gehen. Der Arzt nickt. Die junge Hebamme weiß sofort, was zu tun ist. Es braucht hier keine lange Reden. Fatal, möglicherweise sogar letal, wüsste hier die rechte Hand nicht, was die linke Hand tut.

Zum Beispiel, als die nächste Entbindung ansteht: Gemeinsam mit einer ebenso erfahrenen Hebamme soll per Kaiserschnitt die kleine Sophia zur Welt gebracht werden. Glücklicherweise ohne Komplikationen gelingt das auch. Schon bald wird sie in den Armen des Vaters von der Hebamme fotografiert.

Die Hände der Hebammen im Wiener AKH sind wirklich gut. Vier von knapp 30 haben am Heiligen Abend Dienst, von sieben in der Früh bis halb acht Uhr am Abend. Jede von den vier Frauen, die auffallend nett miteinander umgehen, hatte in diesem Jahr schon mehr als 150 Geburten betreut.

Nicht immer haben sie gesunde Kinder zur Welt gebracht. Das liegt in der Besonderheit ihres Arbeitsplatzes: Auffallend viele Frauen warten hier auf eine Hochrisiko-Geburt. Sie erwarten Zwillinge, auch Drillinge, die meisten von ihnen nach einer künstlichen Befruchtung. Und die Frauenärzte hier auf der Station sind darüber nicht besonders glücklich. Einer spricht sogar hinter vorgehaltener Hand von „Geschäftemachern“, die den Frauen mehr als nur eine befruchtete Eizelle einsetzen, mit dem Hinweis, dass sie nur dann wirklich schwanger werden können.

In aller Stille

Morgenbesprechung: Oberarzt Ambros Huber mit den Hebammen
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Unten auf der alten Stadtbahntrasse passieren zwei Züge der U 6. Hier heroben imponiert die geschäftige Stille. Dort draußen dämmert es bereits, und die Kinder der Stadt richten sich darauf ein, dass jetzt bald das Christkind auftauchen müsste. Für Brigitte Dangl, die seit 15 Jahren die Sonne am Empfang der Geburtenstation gibt, ist der Dienst noch lange nicht vorüber. Sie bittet auch um Verständnis, dass die beiden Anästhesistinnen heute offensichtlich einen nicht ganz so guten Tag erwischt haben: „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie dieser Job hier manchmal an die Substanz geht.“

Und dann kommt am Ende des Tages noch die gute Nachricht von den Kollegen aus der benachbarten Station für Frühgeborene. Dem zarten Leben, das nicht einmal 500 Gramm wiegt, geht es besser als gedacht. Oberarzt Huber lächelt kaum merkbar und sagt sehr ruhig: „Sie hat schon geschrien.“ Natürlich weiß er, dass damit noch lange nichts entschieden ist. Aber eine gute Nachricht ist das heute Abend dennoch.

Für das Christkind gibt es noch keinen Namen

Glücklich: Mutter kurz nach der Geburt ihres noch Namenlosen
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Der kleine Bursche hatte es verdammt eilig. Eigentlich hatte man seinen Eltern den 7. Februar 2012 als Geburtstermin genannt. Doch die haben das nicht ganz ernst genommen. Denn schon der große Bruder hatte es damals sehr eilig. Und tatsächlich hat er auf seinen Termin gepfiffen. Ganz offensichtlich wollte er es schon zu Weihnachten ganz genau wissen.

Zeit, sich einen Namen für ihn auszusuchen, hat er daher seinen Eltern nicht mehr gelassen. In der Früh, vor drei Uhr, setzten die Wehen bei seiner Mutter ein – am Ende der 34. Schwangerschaftswoche. Und vor fünf Uhr war er im Geburtszimmer 3 des Wiener AKH auch schon auf der Welt.

Zu diesem Zeitpunkt war er mit seiner Mutter gerade einmal etwas mehr als eine Stunde im Kreißsaal. Und sein Vater, der zu Fuß aus der nahegelegenen Wohnung in Währing als moralischer Beistand zu Hilfe geeilt war, konnte sich nicht einmal richtig den Mantel ausziehen. Der kleine Namenlose geht somit mit seinen 2130 Gramm als erster Neugeborener am 24. Dezember 2011 in die Geschichte des Wiener AKH ein. Name hin oder her. Für die Eltern zählt mehr, dass ihr Kind gesund zur Welt gekommen ist. Die Mutter, eine Salzburger Sonder- und Heilpädagogin, kann ihren Winzling schon wenige Stunden nach der Geburt für längere Zeit in den Arm nehmen. Und siehe da! Ihr Christkind nuckelt sogar an der Flasche. Der Vater, ein Vorarlberger Coach und Supervisor mit angenehmen Umgangsformen, äußert daneben höflich die Bitte, den Namen der Familie nicht in die Zeitung zu schreiben. Am Ende des Geburtstages seines zweiten Sohns kann er seine Frau glücklich in die Arme nehmen. Die Aufregung zu Beginn des Tages hätte nicht unbedingt so groß sein müssen. Doch der Bub ist ganz gesund, alles ist gut gegangen, auch seine Frau ist wohlauf. Happy End in einer hoffentlich friedlichen Nacht.

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Erstellt am 24.12.2011