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Chronik Wien
11/27/2019

Ehemaliger Obdachloser: Von der Straße in die Küche der Gruft

Leo hatte lange kein Dach über dem Kopf, jetzt hilft er in der Gruft der Wiener Caritas. Und ist dort nicht mehr wegzudenken.

von Laura Schrettl

Wenn Leo die Gruft in der Barnabitengasse betritt, kommt er nicht weit, ohne dass ihn jemand anspricht. Den 53-Jährigen kennt hier jeder. Das liegt nicht nur daran, dass Leo für die Zubereitung und Ausgabe des Essens zuständig ist. Er hat selbst einmal auf der Straße gelebt und war in dieser Zeit oft in der Gruft, um zu schlafen und zu essen.

Etwa 400 Portionen Essen werden im Obdachlosenquartier der Caritas Wien pro Tag ausgegeben. 121.409 Mahlzeiten waren es im vergangenen Jahr.

Um 12.30 Uhr herrscht Hochbetrieb: Die Essensausgabe beginnt, die Schlange reicht weit bis in den Gang hinaus. Auch an die Fensterbretter gelehnt essen die Menschen. Mehr als hundert warten darauf, dass sie eine warme Mahlzeit bekommen. Heute gibt es Gulasch mit Brot. Viele Menschen kommen nur zum Essen und gehen danach wieder. „Mittags ist meistens der komplette Gang voll. Fast wie in einer Tapasbar in Spanien“, sagt Judith Hartweger, Leiterin der Gruft.

Obdachlose bekommen in der Gruft nicht nur ein warmes Essen, sondern auch einen Platz zum Schlafen, saubere Kleidung und die Möglichkeit, zu duschen. 365 Tage, rund um die Uhr.

"Leo ist hier eine Institution"

Leo kommt jeden Tag schon um 6 Uhr Früh. Dann macht er das Frühstück, bevor er beginnt, das Mittagessen vorzubereiten. „Er ist hier eine Institution“, sagen die Zivildiener über Leo. Und er sagt: „Mir macht das Spaß, mit den Leuten zu reden. Ich scherze gerne mit ihnen.“ Mit Geld könne er nicht zurückgeben, was er dort bekommen habe. „Deswegen mache ich das mit meiner Zeit.“

„Egal was es ist, auch wenn das Klo verstopft ist, mache ich das. Mich graust das nicht“, erzählt er. Dem stimmt auch Hartweger zu, „er macht alles. Wo er zupacken kann, da hilft Leo. Er ist echt der Hammer.“

Die Gruft ist seit mehr als 30 Jahren Zufluchtsort für obdachlose Menschen. 1986 wurde sie auf Initiative des damaligen Pfarrers unter der Mariahilfer Kirche gegründet. Die Schlafräume befinden sich noch heute dort. Den Weg dorthin kennt Leo gut. Immerhin hat er über zwei Jahre hinweg hier übernachtet. Seinen Stammplatz hatte ganz hinten rechts im Zimmer. Das untere Bett eines Stockbettes.

900 Plätze in Notquartieren

Im Jahr 2018 zählte die Caritas 22.107 Nächtigungen in der Gruft. Es gibt 68 Schlafplätze, sommers wie winters. Wer glaubt, im Winter ist am meisten los, der irrt. Denn im Winter werden 900 zusätzliche Plätze in Kooperation mit der Stadt bereitgestellt. „Im Sommer passiert es jeden Tag, dass wir 20 bis 30 Leute wegschicken müssen“, sagt Hartweger.

Auch Leo kennt das alles. Er hat auf der Straße geschlafen und in der Gruft. Seit sieben Jahren hat er eine 56 Quadratmeter große Gemeindewohnung, seit August ist er verheiratet. Job findet er keinen. Deswegen kommt er jeden Tag in die Gruft und hilft, wo er kann. „Daheim würde ich nur wieder anfangen, zu saufen. Hier habe ich etwas zu tun“, sagt er. Und obwohl er jeden Tag gerne in die Gruft kommt, ist Leo froh, dass er jeden Abend wieder nach Hause gehen kann.

Hinweis: Über das Kältetelefon können Schlafplätze von Obdachlosen gemeldet werden: 01/480 4553. Weitere Infos gibt es hier.

KURIER-Raiffeisen-Kooperation

Seit 2005 gibt es die Kardinal-König-Patenschaft zwischen Raiffeisen und KURIER. Jedes Jahr sammelt Raiffeisen Spenden für die Gruft, Mitarbeiter kochen für Obdachlose. Von den Spenden  werden laufende Kosten der Gruft gedeckt, etwa  für eine Psychologin.

Spendenkonto: AT46 3200 0000 0811 9901

Info: www.gruft.at

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