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Justizanstalt Josefstadt
07/07/2013

Duschkontrolle enttarnte Übergriff

Neue Details zu Missbrauch von 14-Jährigem / Lokalaugenschein in der Jugend-U-Haft.

von Dominik Schreiber

Der Fall des in der Justizanstalt Josefstadt missbrauchten 14-jährigen Untersuchungshäftlings ist um eine Facette reicher. Eine Art „Duschkontrolle“ der Justizwache brachte in Wahrheit alles ans Tageslicht, ergaben nun Recherchen des KURIER.

„Dass sich der Falter jetzt als Aufdecker aufspielt, obwohl wir alles entdeckt und angezeigt haben, ist mehr als bitter“, sagt ein Justizwachebeamter verärgert. „Und dafür werden wir in der Öffentlichkeit derzeit geprügelt.“

„Seit einem ähnlichen Vorfall vor zwei Jahren werden die Jugendlichen zwei bis drei Mal pro Woche angeschaut“, erklärt Oberst Peter Hofkirchner, stellvertretender Leiter der Justizanstalt.

Eine Vertrauensperson der Jugendlichen kontrolliert dabei unauffällig aus sicherem Abstand, ob es blaue Flecken oder ähnliches an deren Körpern gibt. Das sei auch am 6. Mai so der Fall gewesen: Ein 1,75 Meter großer 14-Jähriger hatte entsprechende Verletzungen. Nach und nach schilderte er die Misshandlungen. Daraus wurde ein Justizskandal.

„Wird wieder passieren“

„Dieser Fall ist sehr tragisch. Aber leider ist so etwas vor 100 Jahren passiert und wird in 100 Jahren auch wieder passieren. Einen optimalen Strafvollzug wird es niemals geben können“, meint General Peter Prechtl, Leiter der Vollzugsdirektion und Herr über 27 Gefängnisse.

Für den KURIER öffnete er alle Türen der nun ins Schussfeld geratenen Justizanstalt, kein Raum und keine Tür blieb versperrt. Die Zustände zeigten sich dabei ganz anders, als er derzeit vielfach dargestellt wird: Jugendliche, die Playstation und Darts mit den Wärtern am Gang spielen, selbst gebastelte Flugzeugmodelle als Dekoration, an den Wänden sind Comicfiguren wie Panzerknacker und Monty Burns aufgemalt. Wenige Tage zuvor gab es ein Grillfest im Hof. In einem Raum sitzen vier Jugendliche beim Deutschkurs und winken freundlich. Eine Gruppe hat gerade den Staplerführerschein bestanden. Jeden Mittwoch kommt Ex-Rapidspieler Marcus Pürk zum Fußball spielen in den Hof.

„Wenn man das alles einmal aus der Nähe sieht, dann werden sich wohl mehr Leute aufregen, wie gut es den Insassen geht“, sagt Hofkirchner achselzuckend. Ein „Folterknast“ wie es kürzlich mancherorts hieß schaut sicherlich anders aus.

Zähneputzen lernen

Dabei sind die Insassen alles andere als handzahm. „Bei der Einlieferung sind sie oft krank, verwahrlost und können nicht einmal lesen, auch wenn sie Österreicher sind“, erklärt Kontrollinspektor Rudolf Svoboda, Leiter des „Flohzirkus“, wie die beiden Jugendabteilungen intern liebevoll genannt werden.

„Die ersten zwei bis drei Wochen müssen wir den meisten erklären, wie ein WC funktioniert und wie man sich die Zähne putzt“, sagt Hofkirchner. Nach 30 bis 35 Tagen sind die meisten aber wieder weg. Der üble Geruch, der sich durch den gesamten Bereich zieht, bleibt hingegen zurück, und das ist für ungeübte Nasen wohl die größte Folter in der Anstalt in der Wickenburggasse.

Beamte ohne Waffe

Was ebenfalls ins Auge sticht: Die Beamten tragen keine Schusswaffe, auch keinen Taser – der Pfefferspray ist die einzige Möglichkeit, sich zu wehren. „Wir sind hier normalerweise zwei bis drei Beamte, wenn alles so schlimm wäre, und sich die Insassen zusammentun würden, dann könnten sie uns locker überwältigen“, meint Svoboda.

Durch den Erlass der Justizministerin sind nur mehr Zweier-Zellen erlaubt, das wird auch so gehandhabt. Lediglich in einer Zelle sitzen derzeit drei Burschen zusammen. Auch ein neuer Arbeitsraum ist in Planung. Dass die Jugendlichen über das Wochenende bis zu 65 Stunden eingesperrt werden, bezeichnet Hofkirchner als „Blödsinn“. Dass Missbrauchsfälle nie wieder passieren, kann und will keiner der Beamten ausschließen. Prechtl: „Dann müssten wir alle 24 Stunden am Tag überwachen und das geht nicht.“

Gefängnisse: In Österreich gibt es 27 Gefängnisse. Die schwersten Fälle kommen nach Stein, in die Karlau oder nach Garsten.

Häftlinge: Rund 9000 Häftlinge sind derzeit „eingekühlt“ wie es im Häfnjargon heißt. 3100 Justizwachebeamte sind deshalb im Einsatz.

Mehr Frauen: Der Frauenanteil steigt von Jahr zu Jahr. Derzeit sind sechs Prozent der Gefangenen weiblich, die meisten „sitzen“ in der Schwarzau.

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