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Chronik | Wien
06/22/2013

Drill beim Wehrdienst löste Knochenkrankheit aus

Das Sozialamt sagt, der Wiener sei schon vorher krank gewesen. Ein Urteil lässt ihn hoffen.

„Net owezahn!“, fuhr ihn der Ausbildner an, als Präsenzdiener Michael Andjelkovic bei der Feldübung mit Marschgepäck stürzte. Der damals 19-Jährige hatte seit dem Einrücken schon die längste Zeit Schmerzen in den Knochen. Die Bundesheer-Ärztin in der Kaserne befand nach kurzer Untersuchung, der Grundwehrdiener sei pumperlg’sund. „Ohne Röntgen“, sagt Andjelkovic, „kann die hellsehen?“

Nach einem 24-Stunden-Wachdienst fiel er um, wurde ins Heeresspital eingeliefert, man attestierte einen Ermüdungsbruch im Knie. Das Röntgen am nächsten Tag ergab, dass der Knochen über Nacht um 0,8 mm gewachsen war: Osteopetrosis, auch Marmorknochenkrankheit genannt, der Soldat wurde sofort ausgemustert.

Andjelkovic’ Mutter sagt: „Er ist gesund ins Bundesheer reingegangen und krank rausgekommen.“ Sie investiert ihre ganze Zeit, um die Krankheit des Sohnes zu erforschen. „Die Ärzte in Österreich kennen sie nur aus Büchern“, sagt sie: „Die Knochen versteinern und brechen.“ In Belgrad gibt es eine Klinik, die darauf spezialisiert ist, aber die Behandlung dort stellt die Familie vor ein finanzielles Problem.

Vorher hat der Wiener als Kellner gearbeitet, seit dem abgebrochenen Präsenzdienst kann und darf er nicht mehr lang stehen, lang gehen, schwer heben, ist 60 % invalide und arbeitslos. Acht Jahre sind seither vergangen.

Mithilfe seines Anwalts Thomas Krankl kämpft Andjelkovic um eine Rente. Das Sozialamt lehnte ab. Es liege keine durch den Grundwehrdienst verursachte Gesundheitsschädigung vor. Die anlagebedingte Skelettsystemerkrankung sei lediglich anlässlich des Präsenzdienstes erstmals diagnostiziert worden. Nun weiß man aber, dass die Osteopetrosis durch Überbelastung ausbrechen und sich verschlimmern kann. Hätte Andjelkovic nicht mit einem 30 kg schweren Rucksack durch das Feld robben müssen, wäre die in ihm schlummernde Krankheit vielleicht erst in vielen Jahren oder – bei entsprechender Schonung – womöglich gar nie ausgebrochen.

Musterung

Immerhin: Bei der Untersuchung anlässlich der Musterung war Andjelkovic noch für tauglich befunden worden. „Tauglich heißt für mich gesund“, sagt die Mutter des 28-Jährigen. Anwalt Krankl sieht darin den Beweis, dass die Krankheit erst durch die Überbelastung während des Grundwehrdienstes ausgebrochen ist.

Nun kann die Familie endlich einen ersten Teilerfolg verbuchen. Der Verwaltungsgerichtshof hat den abweisenden Bescheid des Sozialamtes aufgehoben und stellt fest: Die Anerkennung eines Leidens kommt sehr wohl infrage, wenn die Präsenzdienstleistung eine anlagebedingte Vorschädigung verschlimmert oder den Leidenszustand vorzeitig ausgelöst hat. Das könne in dem Fall nicht ausgeschlossen werden. Das Sozialamt muss diese Möglichkeit nun überprüfen. Besonders eilig hat man es damit aber nicht, wie Familie Andjelkovic bitter feststellt.