Chronik | Wien
12.03.2018

Donaustadt: Jäger locken Schweine in die Falle

Wegen Gefahr im Verzug reduziert der Wiener Forstbetrieb eine Wildschweinpopulation in der Donaustadt. Die Tiere werden anderswo wieder freigelassen.

Wildschweine fühlen sich in der Donaustadt im wahrsten Sinne sauwohl. Das wäre an sich kein Problem – denn Wildtiere kommen im gesamten Stadtgebiet vor (siehe Zusatzgeschichte weiter unten). Da das mitunter aggressive Schwarzwild in der Nähe der Lobau aber immer näher ans Siedlungsgebiet heranrückt und selbst vor dicht befahrenen Straßen keine Scheu zeigt, ist beim Biberhaufenweg zurzeit Gefahr im Verzug. Weil im verbauten Gebiet jedoch nicht geschossen werden darf, reduzieren die Jäger der Stadt Wien die Population nun mittels Lebendfallen. Die gefangenen Tiere werden anderswo wieder freigelassen – fernab der Siedlungsgrenze.

Die Spuren der Wildschweine sind beim KURIER-Lokalaugenschein nicht zu übersehen: Entlang des idyllischen Steinspornwegs haben die Schwarzkittel die Wiese auf der Suche nach Engerlingen, Mäusen und Maulwürfen durchwühlt. Aber auch beim Biberhaufenweg ist der Boden großflächig aufgerissen. Dass die Tiere keine Hemmungen haben, sich der Straße zu nähern, sei eine Gefahr für die Verkehrsteilnehmer, erklärt Günther Annerl vom Forstbetrieb der Stadt Wien (MA49). Erst vor Kurzem sei ein Wildschwein hier in ein Auto gelaufen.

Wildtiere werden unabsichtlich angelockt

Die Anrainer haben zum Teil zwar bereits auf ihre borstigen Nachbarn reagiert und ihre Zäune mit Gittern verstärkt. Das ändert aber nichts an der Anziehungskraft ihrer Gärten. Das Wild findet hier ganzjährig ideale Lebensbedingungen vor. Durch volle Futterschüsseln für Hunde oder Katzen auf den Terrassen, durch über den Boden verstreutes Vogelfutter, Speisereste auf den Komposthaufen, schlecht verschlossene Mülltonnen oder auch durch Fallobst.

Auf der Suche nach Nahrung verursachen die Wildschweine zum Teil erhebliche Sachschäden – etwa, indem sie Zäune ruinieren oder Gärten durchwühlen. Das Problem ist allerdings, dass die Tiere nach dem Wiener Jagdgesetz niemandem gehören. Deshalb gibt es auch keinen Verantwortlichen für etwaige Sachschäden – und die Grundeigentümer bleiben auf den Kosten sitzen.

Für Menschen gefährlich sei das Schwarzwild an sich nicht, sagt Annerl. Wenn sich die starken und schnellen Tiere bedroht fühlen oder wenn die 150 bis 200 Kilo wiegenden Weibchen (Bachen) ihre Frischlinge in Gefahr wähnen, ist allerdings Vorsicht geboten. Das macht die kommenden Wochen zur besonders sensiblen Zeit: denn die Jungtiere kommen dieser Tage auf die Welt.

Zeit für Prävention

Zurzeit besteht die Population beim Biberhaufenweg zwar noch aus etwa 15 Tieren. Doch da jede Bache sechs bis acht Frischlinge haben kann, sei es Zeit für Prävention, erläutert Annerl. An neuralgischen Punkten werden deshalb Lebendfallen aufgestellt. Erklärtes Ziel sind Schweine im zweiten Lebensjahr. Sollte eine Bache in die Falle gehen, werde sie im Interesse ihres Nachwuchses wieder ausgelassen.

Dem Siedlungsgebiet nahe kommen Wildschweine aber nicht nur hier, sondern etwa auch bei Groß-Enzersdorf (NÖ) oder im Nahbereich des Wienerwalds. Zudem sei das äußerst intelligente Wild höchst mobil, betont Forstdirektor Andreas Januskovecz. Über die Donau gelange es vom Nationalpark etwa ganz leicht in den Prater.

Sollte man tatsächlich einem Wildschwein begegnen, rät er dazu, sich langsam und ruhig von dem extrem schlecht sehenden Tier zu entfernen. Keinesfalls soll man es attackieren oder in die Enge treiben. Informationen zum Umgang mit Wildtieren gibt es wochentags auch unter der MA49-Hotline 01/4000 49090.

"Unser Ziel ist es, ein Verständnis für Wildtiere zu schaffen", sagt Januskovecz. Zumal deren Existenz im Stadtgebiet "eine Auszeichnung" und ein Beleg für die Wiener Umweltmaßnahmen sei. Es gehe auch nicht von jedem Wildtier Gefahr aus – um sogenannte Problemtiere müsse man sich aber kümmern.

Ein Fuchs marschierte über den Stephansplatz

Weit ins Siedlungsgebiet dringt auch der Fuchs vor. Laut Günther Annerl von der MA49 kommt dieser in Wien in Parks und Hinterhöfen sämtlicher Bezirke vor – selbst in der Inneren Stadt. Erst zuletzt sei ein Fuchs über den Stephansplatz marschiert, erzählt er.

Besonders beliebt sei bei den Tieren der von Restaurants gesäumte Donaukanal. Auch Kindergärten oder Spitäler mit großen Grünflächen ziehen Füchse an. Bis Ende Februar führte die MA49 deshalb im Bereich Lazarettgasse, beim AKH sowie in Alt-Erlaa Schwerpunktaktionen mit Lebendfallen durch. Da die Weibchen (Fehen) zurzeit aber Junge bekommen, wurde der Fang nun unterbrochen.

Leicht zu vertreiben

Das Risiko, das von Füchsen ausgeht, sei „eher gering“, erklärt Annerl. Zumal sie sich leicht verscheuchen lassen. „Etwa, indem man klatscht oder sie mit Wasser bespritzt. Auch der Einsatz von Ultraschallgeräten ist möglich.“

Füchse oder anderes Wild aus vermeintlicher Tierliebe zu füttern, sei jedenfalls kontraproduktiv, betont der Fachmann. Zudem sollte Futter für Haustiere nicht unbeaufsichtigt im Freien stehen gelassen oder Vogelfutter unachtsam über den Boden verstreut werden.

Ein gewisses Restrisiko sei bloß durch Wildkrankheiten gegeben, sagt Annerl. Beim Fuchs wäre das die bei direktem Kontakt auf Haustiere übertragbare Fuchsräude. Oder der Fuchsbandwurm, der auch für Menschen gefährlich werden kann. Es wird daher empfohlen, Fallobst, das mit dem Kot der Tiere in Berührung gekommen sein könnte, nicht ungewaschen zu essen. Andernfalls könne es mit einer Verzögerung von 10 bis 15 Jahren zu Metastasen-Bildungen in Lunge und Leber kommen. Die Ansteckungsgefahr ist allerdings verschwindend gering - in Wien ist bis dato nur ein einziger Fall bekannt.