Etwa 200 Wienerlieder gehen auf die Gebrüder Schrammel zurück.  Ende des 19. Jahrhunderts feierten sie in Heurigen Erfolge. Dabei kamen Josef und Johann Schrammel aus dem Waldviertel.

 

© FREMD/Gruber Franz Repro

Chronik Wien
04/28/2019

Die Rückkehr des Wienerischen in der Musik

Immer mehr Musikerinnen und Musiker singen im Dialekt. Während Austropop wieder cool ist, muss das Wienerlied noch um sein Prestige kämpfen.

von Anna-Maria Bauer

Der Auslöser war bei Tini Kainrath ein Missverständnis.

Als die Wiener Sängerin kurz nach der Jahrtausendwende gefragt wurde, ob sie bei einer CD für ein Wienerlied-Festival mitmachen würde, sagte sie begeistert Ja. Doch tatsächlich wollte Organisator Helmut Emersberger nicht nur eine Nummer, sondern ein komplettes Konzert. Für Tini Kainrath, die als Teil der Rounder Girls bekannt wurde und damals hauptsächlich auf Englisch sang, war das Wienerlied ein fremdes Universum. Also stellte ihr Helmut Emersberger eine Kassette mit einigen Klassikern zusammen. „Und es war, als hätte mich jemand geimpft“, sagt die Sängerin. „Seitdem bin ich angesteckt.“

Auch ihr neues Album „Im Woid“, das am 4. Mai erscheinen wird, widmet sich dem Wienerlied – in einer Weiterentwicklung mit südamerikanischen Klängen.

Zurück zum Ursprung

Es ist eine Anekdote, die bezeichnend für die Branche ist: Die heimischen Musikerinnen und Musiker singen wieder häufiger im Dialekt.

Während Bands wie Wanda oder Seiler & Speer, die dialektale Texte mit poppiger Musik verbinden, mittlerweile so erfolgreich sind, dass sie die größten Konzerthallen füllen, hat es das klassische Wienerlied (in der Tradition von Hermann Leopoldi, Karl Hodina oder Johann Schrammel ebenso wie Neuinterpretationen) in der öffentlichen Wahrnehmung etwas schwerer.

Unterstützer beklagen vor allem die fehlende Medienpräsenz. Seit dem Tod von Heinz Conrads Mitte der 80er werde dem Wienerlied weder im Fernsehen noch im Radio – außer gelegentlich auf Ö1 – Raum gegeben. „Einmal im Jahr ‚Wiener Blond‘ (siehe Artikel rechts oben) macht noch keinen Sommer“, stellt Universitätsprofessor Harald Huber vom Institut für Popularmusik leicht konsterniert fest.

„Dabei ist es so einzigartig“, ergänzt Sängerin Charlotte Ludwig. „Es gibt weder ein Pariser- noch ein New-York-Lied. Das Wienerlied ist so besonders – und darf deshalb nicht in Vergessenheit geraten.“ Um das zu erreichen, hat Charlotte Ludwig ein Festival ins Leben gerufen: Mit So klingt’s in Wien soll dem traditionellen Wienerlied ein Denkmal gesetzt werden. Zwischen 26. Mai und 12. Juni bietet sie insgesamt 26 Konzerte an.

Ein etabliertes Wienerlied-Festival, das Wean Hean, ist gestern, Samstag, in seine 20. Auflage gegangen. In insgesamt zwölf Konzerten wird dabei das Wienerlied bis 25. Mai in verschiedenen traditionellen wie avantgardistischen Variationen zelebriert. Rund 3.000 Besucher werden erwartet. Am meisten freut Organisator Herbert Zotti, dass das Interesse stetig steigt und immer mehr Junge den Weg ins Publikum finden.

Sprache als Stilmittel

Kurios kann das auf den ersten Blick klingen, weil Wiener Mundart von Jugendlichen immer weniger verwendet wird. „Das ist der springende Punkt“, sagt Soziolinguist Manfred Glauninger von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften und der Universität Wien. „Wenn sich eine Sprache im Alltag zurückzieht, entsteht für sie das Potenzial, in Musik, Literatur oder Werbung noch besser als Stilmittel eingesetzt zu werden.“

Gleichzeitig, ergänzt Germanistik-Kollege Ludwig M. Breuer, handelt es sich wohl auch um eine Wellenbewegung: „Jede Generation will sich von der alten abgrenzen. Nachdem der Fokus jahrelang auf englischen Texten lag, schwingt das Pendel nun zurück zum Österreichischen.“

Neue Wiener Wörter

Dass die Jungen im Alltag nicht mehr Wienerisch reden, sieht Breuer auch gar nicht so: „Sie verwenden vielleicht nicht mehr die alten Begriffe, die viele nur mit dem ‚Wienerischen‘ verbinden. Aber Wörter wie ur, heast oder oida sind definitiv auch Wiener Ausdrücke – und die kommen in äußerst vielen Alltagsgesprächen vor.“

Der Wiener Dialekt, da sind sich beide einig, ist von den Jüngeren weniger stigmatisiert als vor ein paar Jahrzehnten, und in bestimmten Situationen mit mehr Prestige verbunden (wie das bei den Dialekten in den anderen Bundesländern immer schon der Fall war): Er zeigt Nähe, Bodenständigkeit.

Mit dem rassistischen Heimatbegriff habe Dialektmusik übrigens nichts zu tun, ergänzt Musik-Professor Harald Huber: „Jegliche Obrigkeit ist dem Wienerischen suspekt.“ Er erinnert an Seiler & Speers jüngste Veröffentlichung, in der es heißt: Tuat ma lad, Herr Inspektor, owa davo waaß i nix.

KURIER-Tipps: Festivals für das Wienerlied

Wean Hean Die 20. Auflage des Wienerlied-Festivals hat gestern, Samstag, begonnen. Bis 25. Mai finden zwölf Konzertabende statt.  
➜ Auftritte: Am  Montag, 29. April,  ist etwa Schrammelmontag, am Sonntag, 19. Mai, sind das Attensam Quartett und Oskar Aichinger  unter dem Motto Wean Modean zu hören.  Weitere  Details gibt es unter www.weanhean.at.

So klingt’s in Wien Ein neues Festival nimmt sich des traditionellen Wienerlieds an. Von  26. Mai bis 12. Juni erwarten die Besucher 26 Konzerte, die meisten davon bei freiem Eintritt oder freier Spende in ganz Wien.
➜ Auftritte: Am Donnerstag, 30. Mai, findet etwa die DDSG Heurigenfahrt mit Michael Perfler und Erich Zib statt, am 4. Juni treten Charlotte Ludwig & die 16er Buam auf. Weitere Infos: www.SoKlingtsInWien.at

Wienerlied-Frühling Die Stammersdorfer Heurigenbetriebe laden im Mai und Juni bereits zum zweiten Mal zum Wienerlied-Frühling. Konzerte finden in unterschiedlichen Betrieben in loser Reihenfolge statt.
Details unter: stammersdorfer-wienerlied-frühling.at