Chronik | Wien
10.01.2014

Die Lust am Dicksein

Die Wiener Schriftstellerin Rhea Krčmářová hat einen Roman geschrieben, der molligen Frauen Mut machen soll. Ihre Romanheldin Romy

Dicke können Marathon laufen, joggen, Bauchtanzen, Yoga machen, sich sexy auf einer Bühne rekeln – aber wo sieht man das? Diese Frage bewegte Rhea Krčmářová, als sie an ihrem ersten Roman „Venus in echt“ schrieb. Ihre Antwort: Dass Dicke cool, sinnlich und beweglich sein können, werde von den Mainstream-Medien, von den Modeschöpfern sowieso, ignoriert, damit keiner auf die Idee komme, sich selbst als Individuum zu betrachten. „Es gibt diesen Mythos, wenn man sich gesund ernährt, nimmt man ab. Ich nehme an, wenn man fitte Dicke zeigen würde, würde es heißen, dass dieser Zusammenhang nicht ganz so eindeutig ist.“

Immer mehr Frauen, vor allem in den USA, lehnen das einheitliche Schönheitsideal ab. Im Internet findet man entsprechende Einträge mit Schlagwörtern wie „Radical Self Love“ oder „Plus Size“. So stößt man auch auf die Berichte der US-Bloggerin Jes Baker, die sich vorgenommen hat, ihren Diätvorsatz bewusst nicht umzusetzen. Bakers Alternativprogramm für 2014 lautet: „Smash the scale“ (Zerstör die Waage)! „Ich habe meine Waage zerstört, weil ich ein Recht auf ein Leben ohne Selbsthass habe, weil ich es müde bin, mich in meiner Haut unwohl zu fühlen.“

Demütigende Erfahrungen wie die Begegnung mit Männern, die dicke Frauen nur heimlich wollen, ohne sich öffentlich zu ihnen zu bekennen, bleiben angehenden „Radical Self-Lovers“ nicht erspart. „Das Faszinierende ist, jede dicke Frau, mit der ich über den Roman gesprochen habe, hat mindestens ein solches Erlebnis. Ich hatte immer das Glück, dass ich solche Männer schon beim ersten Date aussortiert habe.“

No risk, no fun. Die eine oder andere Mutprobe der Roman-Heldin Romy hat die Künstlerin selbst durchgestanden. Zum Beispiel die „Fatkini“-Probe. „Als ich vergangenen Sommer das erste Mal einen Bikini auf der Donauinsel angehabt habe, bin ich Tausend Tode gestorben. Erst als ich diese alte fette Frau gesehen habe, die mit einem Hauch von nichts bekleidet war, hab’ ich mir gedacht, was soll’s.“
Heute beschreibt sich die Künstlerin, Jahrgang 1975, als sportlichen Typ – „ich kann alles machen“. Nachsatz: „Außer Freiklettern vielleicht.“ Umso trauriger sei es, wenn dicke Frauen ohne Selbstbewusstsein und mit dem Gefühl, es nicht wert zu sein, begehrt zu werden, herumlaufen. „Auch ich war früher mit Scheuklappen unterwegs und habe die Männer, die mich attraktiv gefunden haben, gar nicht bemerkt.“

Es gab Zeiten, in denen Lukas Cranach-Frauen mit kleinen Brüsten in Europa modern waren. Es gab Zeiten, in denen üppige Rubens-Frauen als schön galten und eine „gut besuchte Bluse“ als Kompliment für ein reizendes Dekolleté durchging. Auch heute noch gibt es Weltgegenden, in denen das XXL-Schönheitsideal vorherrscht, Mauretanien zum Beispiel. Ein voluminöser Frauenkörper gilt in Nordafrika seit Langem als Statussymbol und Zeichen des Überflusses. Die Überfütterung erfolgt meist zwangsweise. Oft werden Mädchen ab fünf Jahren mit viel zu viel Essen vollgestopft. Krčmářová will diese Gegenwelt nicht beschönigen, sie meint nur dieses: „Im Grunde genommen ist die Idee, dass es ein Schönheitsideal gibt, dem man nacheifern müsste, absurd. Jede Zeit hat ihr Mainstream-Schönheitsideal, aber die Frauen mit anderen Körpertypen hatten ja auch Sex ...“