Chronik | Wien
30.04.2017

Die Botschaft: "Auch Türken haben Humor"

Österreichs einziger türkischer Kabarettist, Jack Nuri, nimmt Vorurteile auf die Schaufel.

Seine Inspiration findet Jack Nuri im Fitnessstudio, beim Frisör oder in seiner Autowerkstatt in Ottakring – „dem Gazastreifen von Wien“, wie er sagt. Beim Trainieren erkenne er etwa auf den ersten Blick, wer Türke und wer Österreicher sei: Letzterer trage seine Spindschlüssel nämlich am Schuhband und verbringe die erste Stunde mit Dehnübungen, während der Türke demonstrativ ohne Aufwärmen die 30-Kilo-Hanteln in Angriff nehme.

„90 Prozent meiner Pointen sind autobiografisch“, erzählt Österreichs einziger türkischer Kabarettist – der eigentlich Nuri Özkan heißt und hauptberuflich Spengler-Meister ist. (Zu Jack Nuri wurde er während seiner Taekwondo-Vergangenheit – weil sein Stil die Freunde in der türkischen Community so an Actionheld Chuck Norris erinnerte. Aus Chuck wurde halt Jack und Nuri klingt so ähnlich wie Norris.)

Eine konkrete Botschaft habe er nicht, sagt der Österreicher mit türkischen Eltern – außer: „Auch Türken haben Humor.“ Und getreu dem Motto „Humor verbindet“ sind Vorurteile für ihn kein Problem: Türken sind in seinen Nummern stolze, aggressive Machos und Österreicher launische, überkorrekte Spießer. Angeber sind sie beide.

„Nestbeschmutzer“

„Man hat mir schon vorgeworfen, ich wäre derb und rassistisch. Aber ich zeige die Leute einfach, wie sie sind und mache mich über kulturelle Unterschiede lustig. Jeder kommt zu gleichen Teilen dran. Man darf nicht alles immer so ernst nehmen.“

Gerade in der türkischen Community hielt sich die Begeisterung anfangs dennoch in Grenzen. „Türken nehmen alles gleich persönlich. Drum hieß es, ich wäre ein Nestbeschmutzer. Am Anfang wollte nicht einmal meine Familie in meine Vorstellungen kommen. Mittlerweile sitzen aber 20 bis 30 Prozent Türken im Publikum.“

Und auch wenn so mancher Schmäh nach Holzhammer klingt, ist darum oft Sensibilität gefragt: „Der türkische und der österreichische Humor sind sehr verschieden. Man muss aufpassen, worüber man Witze macht. Insbesondere Gags über die Familie gehen bei Türken gar nicht.“ Und auch religiös angehauchte Pointen gehen dem konservativen Publikum schnell einmal zu weit.

Ein anderes Reizthema spart Jack Nuri ohnehin kategorisch aus: Um politisches Kabarett macht er einen Bogen – „weil ich jede politische Einstellung respektiere“.

Dabei holt ihn die Politik selbst in seiner Werkstatt in der Ottakringer Klausgasse ein. „In der öffentlichen Wahrnehmung wird man oft auf das Türke-Sein reduziert und jeder Zweite fragt nicht: ,Wie geht’s dir?‘, sondern: ,Wie steht’s um Erdoğan?‘ Was weiß ich – wohnt der bei mir?! Natürlich verfolge ich das politische Geschehen in der Türkei, ich hab ja meine Wurzeln dort. Aber was hat die Österreicher früher türkische Politik interessiert?!“

Keine Perspektive

Migranten falle die Integration immer schwerer, meint der Kabarettist, der Zuwanderern im Auftrag der Gemeinde Wien an der Volkshochschule Benimmtipps für das Leben in Österreich gibt und für das Integrationsministerium als ehrenamtlicher Botschafter Schulen besucht.

Die viel zitierte Parallelgesellschaft floriere – wobei die Türken in Österreich türkischer seien, als die in der Türkei. „Weil sie versuchen, ihre eigene Legende, ihre Sitten und Gebräuche zu bewahren.“ Das Trauma der Ablehnung sei nie aufgearbeitet worden – weshalb nun ein Minderwertigkeitskomplex weitervererbt und immer schlimmer werde. „Vor allem Junge haben keine Perspektive“, meint Özkan. „Sie fühlen sich weder in der Türkei, noch in Österreich zugehörig.“

Das mag auch mit den Medien zu tun haben. „Voreingenommene Journalisten“ würden Muslime pauschal dämonisieren und Schlagzeilen auf Kosten von Türken produzieren, findet der Kabarettist – der nach schlechten Erfahrungen jahrelang Interviews ablehnte und erst für den KURIER eine Ausnahme machte. „Vergeht sich jemand an seiner Tochter, hängt die Meldung von dessen Herkunft ab: Ist es ein Türke, heißt es: ,Türke vergewaltigt Tochter‘; ist es ein Österreicher, heißt es: ,Familiendrama in Amstetten‘.“

Konkurrenzdenken

Während türkischstämmige Comedians, wie Kaya Yanar oder Bülent Ceylan, in Deutschland Hallen füllen, blieb das Ethno-Kabarett in Österreich bis dato weitgehend unbemerkt. Das mag mit der Wertschätzung, die Migranten hierzulande zuteil wird, zu tun haben: „Du musst einfach viel besser sein als alle anderen, um dieselben Chancen, wie ein österreichischer Kabarettist vorzufinden. Die Branche ist eng abgesteckt, und niemand will den Kuchen teilen. Dass da einer versucht, die Kluft zwischen Österreichern und Türken zu kitten, interessiert keinen. Ich bin der Erste, der bei uns diese Art von Kabarett macht, hab’ mehr als 6000 Likes auf Facebook, und bei mir lacht jeder im Saal – aber zu TV-Auftritten werd’ ich nicht eingeladen oder für Kabarettpreise nominiert. Ich sag ja nicht, dass ich der beste Kabarettist bin – aber die Thematik hätte viel Potenzial.“

Wer Jack Nuri live erleben will, hat am 19. Mai in Orpheum Gelegenheit dazu. Im September und Oktober tritt er zudem in der Kulisse auf. Seine beiden Bücher „Nicht ohne meine Vorhaut – Eine kaputte Autobiografie“ und „Bruder, hab Loch! (im Auto) – kaputte Geschichten aus der Autowerkstatt“ sind im Buchhandel erhältlich.

Info: www.jacknuri.com

Türkische Künstler fühlen sich oft abgestempelt

Für türkischstämmige Künstler ist es nicht immer leicht, in Österreich Fuß zu fassen. Denn oft werde man auf die ethnische Herkunft reduziert und vor allem in den letzten Jahren musste man sich andauernd politisch positionieren, schildern Kunstschaffende dem KURIER.

Einer von ihnen ist Schauspieler Adem Karaduman, der nach Rollen in „Schnell ermittelt“ oder im „Tatort“ zurzeit an der Seite von Otto Waalkes den deutschen Kinofilm „Hilfe, ich hab meine Eltern geschrumpft“ dreht sowie in „Troja – Die Geschichte mit dem Pferd“ im Wiener Rabenhof auf der Bühne steht. Die Tücken des Klischeedenkens kennt er nur zu gut.

"Kanakenrollen"

„Als türkischstämmiger Schauspieler wird man einerseits nur für klassische ,Kanakenrollen‘ besetzt. So hab ich schon sieben Mal einen Taxifahrer gespielt, das achte gleich lautende Angebot hab ich abgelehnt. Die Rollen, für die man infrage kommt, sind immer dieselben: Rosenverkäufer, Pizzabäcker, Flüchtling oder Gangster.“

Andererseits müsse er sich zehn Mal öfter um Rollen bewerben, als österreichische Kollegen, sagt Karaduman. Agentur hat er keine. Um seinem künstlerischen Anspruch Genüge zu tun, schreibt er ein Drehbuch für einen Kinofilm und ein Solostück fürs Kabarett. Und nichts davon hat mit Migration zu tun – das Thema interessiert ihn ebenso wenig, wie Politik. „Erdoğans Linie gegenüber Andersdenkenden, kritischen Künstlern und Journalisten“ sei aber nicht zu tolerieren, meint Karaduman. "Viele Künstler haben in der Türkei wegen dieser Regierung ihren Job verloren - im Staatstheater, wie auch im TV."

Schubladendenken

Mit „Banalitäten“, wie der Frage nach der Herkunft, will sich Schauspielkollege Murathan Muslu, der zuletzt mit Josef Hader in „Wilde Maus“ zu sehen war und derzeit in Deutschland dreht, gar nicht erst abgeben. „Ich fühle mich nicht als Türke oder als Österreicher – ich fühle mich als Mensch“, sagt der Allrounder, der mit der Band „Sua Kaan“ 2010 den Amadeus Music Award gewann.

In der Theater-, TV- und Filmbranche sind aber noch weit mehr „Austro-Türken“ aktiv. Einige von ihnen stellen sich als ehrenamtliche Integrationsbotschafter in den Dienst der guten Sache. Etwa Schauspieler und Fotomodel Mike Galeli. Auf der Bühne bzw. vor der Kamera stehen unter anderen die Schauspielerinnen Alev Irmak und Zeynep Buyrac oder Nachwuchstalent Okan Cömert.

Kaum quantifizieren lassen sich die türkischen Musiker in Österreich. Einer der bekanntesten, Alp Bora, verstarb vor Kurzem. Großer Fangemeinden erfreuen sich beispielsweise aber auch Komponist Murat Üstün, Jazzsängerin Fatima Spar oder Musikerin Özlem Bulut.

Das Schubladendenken ist auch Bulut, die mit der „ Özlem Bulut Band“ Jazz und gemeinsam mit Hakan Gürses türkisch-kurdische Volksmusik macht, nicht fremd. „Egal, was ich mache – ob Pop, Jazz oder Folk –, als Türkin bin ich als ,Worldmusic‘ abgestempelt. Das ist überall so. Da die Bezeichnung viele verschiedene Stile meint, stört mich das aber nicht.“

Als etablierte Musikerin müsse sie sich längst nicht mehr andauernd politisch rechtfertigen, erzählt die kurdischstämmige Türkin, die am 1. Juli im Toleranzzentrum Fresach (Kärnten) auftritt. Newcomer würden dagegen sehr wohl „abgeklopft“ – eine österreichische Besonderheit. „Hier muss man weit häufiger komische Fragen beantworten, als etwa in Frankreich oder Deutschland.“