Eine späte Ehre für Deserteure

WIENER DESERTEURSDENKMAL - BLAUE TREPPENSKULPTUR I
Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Der Entwurf des Deserteursdenkmals. Es soll knapp zehn Meter lang, 8,8 Meter breit und 1,65 Meter hoch werden und am Ballhausplatz stehen.

Eine x-förmige, blaue Treppenskulptur soll an die Opfer der NS-Militärjustiz erinnern

Ich bin zufrieden, dass der erste Teil abgeschlossen ist“, sagt Richard Wadani. Seit Jahren kämpft der heute 91-jährige Wehrmachtsdeserteur für ein Denkmal, das an die Opfer der NS-Militärjustiz erinnert.

Jetzt, nach Monaten des Gezerres um Standort und Budget, nimmt es konkrete Formen an. Am Freitag wurden die Pläne für das Mahnmal präsentiert, das in den nächsten Monaten am Ballhausplatz errichtet wird: Eine begehbare x-förmige Treppenskulptur, in Dunkelblau gehalten, knapp zehn Meter lang, 8,8 Meter breit und 1,65 Meter hoch.

Bilder vom Siegerentwurf

Das Modell des Siegerprojektes für das "Denkmal für die Verfolgten der NS-Militärjustiz" am Wiener Ballhausplatz. Links im Bild das Bundeskanzleramt, rechts die Hofburg. Die begehbare Skulptur wird als dreistufig abgetrepptes "X" am Ballhausplatz realisiert. Das Denkmal soll knapp zehn Meter lang, 8,8 Meter breit und 1,65 Meter hoch werden. In der Oberfläche soll eine Inschrift eingelassen werden, die lediglich aus den Worten "all" und "alone" besteht. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (l./SPÖ), Richard Wadani, Vorsitzender des Personenkomitees Gerechtigkeit für die Opfer der NS-Militärjustiz, und Stadtrat David Ellensohn (r./Grüne) bei der Präsentation des Siegerprojektes

Entworfen hat das Denkmal der deutsche Künstler Olaf Nicolai. In einem Wettbewerb setzte er sich gegen sieben weitere Konkurrenten durch. „Stärke, Kraft und intellektueller Überbau“ seiner Einreichung habe „vollends überzeugt“, heißt es im Statement der Jury.

In die Oberfläche der Skulptur ist ein Schriftzug eingelassen: Die beiden Wörter „all“ und „alone“ bilden ein X – das Werk des schottischen Lyrikers Ian Hamilton Finlay, das an die konkrete Poesie eines Ernst Jandl erinnert. Die Inschrift soll den Einzelnen versinnbildlichen, der sich gegen die übermächtige Gruppe der Mehrheit stellt. „Das ewige Thema, das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft“ werde hier aufgegriffen, sagt dazu Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (SPÖ).

WIENER DESERTEURSDENKMAL - BLAUE TREPPENSKULPTUR I Foto: APA/HERBERT NEUBAUER Deserteur Wadani (mit Kulturstadtrat Mailath-Pokorny) sieht die künstlerische Gestaltung skeptisch

Für das Projekt sind 220.000 € budgetiert. Mit der Errichtung soll im Sommer begonnen werden. „Wir hoffen, dass wir damit noch heuer fertig werden. Einige Details müssen wir aber noch mit dem Künstler klären“, sagt Martina Taig von der Initiative „Künste im öffentlichen Raum“, die das Projekt abwickelt.

Das Mahnmal ist das erste seiner Art in Österreich, während es in Deutschland bereits zahlreiche Deserteursdenkmäler gibt. Die Errichtung wurde 2010 im rot-grünen Koalitionspakt festgeschrieben. Ein weiteres könnte bald in Vorarlberg entstehen.

Zu abstrakt?

Und wie gefällt Richard Wadani, der 1944 an der Westfront zu den Alliierten übergelaufen ist, der Entwurf? „Ich gehöre zu einer Generation, die eine andere Auffassung von künstlerischer Darstellung hatte“, ist er bei aller Genugtuung etwas skeptisch. Der Bezug des Denkmals zu den NS-Verfolgten sei nicht auf den ersten Blick klar. „Wie erkläre ich das etwa einer Schulklasse, die vorbeikommt?“, fragt er sich.

Deshalb soll es auch erläuternde Zusatztafeln geben, lautet der Auftrag an den Künstler.

Rund 1500 Fahnenflüchtige hingerichtet

In Deutschland und Österreich geht man von ungefähr 20.000 Personen aus, die zwischen 1939 und 1945 von der NS-Militärjustiz aufgrund von Desertion verurteilt wurden. Hochgerechnet wären rund 2000 Österreicher darunter gewesen, schätzt der Politikwissenschaftler Walter Manoschek, der eine Studie zum Thema verfasst hat. Ungefähr 1500 davon seien hingerichtet worden. Hinzu kommt noch die Zahl jener, denen die Desertion geglückt ist.

(KURIER) Erstellt am
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