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Chronik Wien
05/18/2019

Nach der Polit-Bombe: Ballhausplatz im Bann des Ibiza-Videos

5.000 Menschen kamen zur Demonstration auf den Ballhausplatz. Auch sonst war das Video das Thema des Tages.

von Katharina Zach, Lisa Rieger, Julia Schrenk, Sarah Nägele

In der österreichischen Volksseele gibt es wohl nur einen Moment, in dem der Fernseher zum Mittagessen laufen darf: Wenn Marcel Hirscher ein Skirennen fährt.

Seit Samstag gibt es einen weiteren: Wenn Heinz-Christian Strache seinen Rücktritt erklärt.

An ein anderes Gesprächsthema war am Samstag ohnehin nicht zu denken.

Beim Wandern saßen die Menschen in der Wiese – über Handy hörten sie Radio.

Eine Frau wartete am Heiligenstädter Bahnhof auf den Bus, während ihr Telefon läutete: „Ist er schon zurückgetreten?“ fragt sie ihren Gesprächspartner am anderen Ende der Leitung.

Und am Wiener Donaukanal tönt es aus zwei Boxen: „Whooooo, we’re going to Ibiza. Whooo, back to the island.“ Zwei junge Burschen lieferten den Soundtrack von den Vengaboys. Den Song aus dem Jahr 1999 hatten eigentlich nur noch ein paar Kinder der 90er-Jahre im Ohr.

Bis gestern.

Das „Strache-Video“ aus Ibiza hat die Österreicher empört. 5.000 Menschen sind laut Polizei am Nachmittag zum Ballhausplatz gekommen. Sie pfiffen im Chor und sangen – nicht nur die Vengaboys. Auch antifaschistische Klassiker wie „Schrei nach Liebe“ .

Viele, die gekommen waren, nehmen auch an der wöchentlichen Donnerstagsdemos gegen die bisherige Regierung teil. Aber auch Schaulustige und Touristen waren da. Für viele war es das erste Mal bei einer politische Kundgebung.

Ratten und Identitäre

Die „Ibiza-Affäre“ ging ihnen zu weit. Es sei das „Tüpfelchen auf dem i“ nach all den anderen Vorkommnissen, sagte eine Demonstrationsteilnehmerin. Nach dem Rattengedicht. Nach der Nähe zur den rechtsextremen Identitären.

„Die Causa ist so brisant, die sollte jeden bewegen. Es ist eine moralische Pflicht, heute hier zu sein“, sagte ein Unternehmer.

Brisant ist das Video tatsächlich. Es hat aber auch sonst alles, was einen billigen Agenten-Roman ausmacht: Alkohol, einen Lockvogel, eine versteckte Kamera und einen frisch verheirateten Ehemann, der im Rausch einer anderen „schoafen“ Frau (dem Lockvogel nämlich) Avancen macht.

Eine „b’soffene G’schicht“ – das kennen die Österreicher, da fühlen sie mit. „Irgendwie tut er mir leid. Auch wegen seiner Frau“, sagte eine ältere Frau. Dass er sich vor laufenden Kameras entschuldigt hat, rechnen sie ihm an.

Straches Rücktritt hielten die meisten für gerechtfertigt. Sogar ein Taxler, der sich im Gespräch mit dem KURIER als Blau-Wähler zu erkennen gab. „Weil der Strache so dumm war und sich erwischen hat lassen.“

Dass das nun tatsächlich zu Neuwahlen führt, ließ auf dem Ballhausplatz Samstagabend Partystimmung aufkommen. Die Verbliebenen grölten und sangen „Nie mehr, nie mehr FPÖ“ zur Melodie von „Sierra Madre“.

Der Schlager ist ja auch ein Stückchen österreichische Volksseele.