Im Tageszentrum der Zweiten Gruft können sich Obdachlose – egal woher sie kommen – um 50 Cent eine warme Mahlzeit kaufen.

© KURIER/Gilbert Novy

Obdachlos in Wien
12/05/2015

"Der Negativ-Trend reißt nicht ab"

Immer mehr Menschen schlafen in der Zweiten Gruft für EU-Bürger / Freiwillige Helfer gesucht.

von Julia Schrenk

Josef nimmt eine Kiste voller Gewand nach der anderen. Jede hebt er hoch und stellt sie in ein Regal. "Ohne den Josef würd’ es hier nicht gehen", sagt Ursula. Sie hilft seit neun Jahren ehrenamtlich in der sogenannten Zweiten Gruft der Caritas in der Lacknergasse in Währing und meistens in der Kleiderausgabe. "Für uns Frauen sind die Kisten einfach zu schwer zum Heben", sagt Ursula.

Doch der Josef, der in der Zweiten Gruft auch "der Herr Joschi" genannt wird, ist immer zur Stelle. "Der Josef, das ist so ein richtig galanter Ungar", sagt Ursula. "Er begrüßt uns immer mit Handkuss."

Herr Joschi (55) hat in seiner Heimat Ungarn immer gearbeitet, erzählt er. Zuletzt 30 Jahre in einem Imbiss. Verdient hat er 200 Euro – pro Monat. Damit konnte er seinen beiden Kindern aber nicht den Schulbesuch finanzieren. Also ist er vor neun Jahren nach Österreich gekommen.

Die Ankunft hier war keine sanfte. Er landete auf der Straße, war obdachlos und sechs Jahre lang Klient in der Zweiten Gruft, die sich in ihrer Notschlafstelle obdachlosen EU-Bürgern annimmt, die in Österreich keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben. Es sind vor allem Bulgaren, Rumänen, Polen, Slowaken und Ungarn. Obdachlose Österreicher finden in der sogenannten Ersten Gruft in der Barnabitengasse in Mariahilf ein Dach über dem Kopf. In beiden Einrichtungen ist der Andrang in den vergangenen Jahren stets gestiegen. Im Winter 2014/15 wurden in der Zweiten Gruft 1894 Menschen betreut, im Winter 2011/12 waren es noch 622 Menschen. Das heißt, in den vergangenen vier Jahren hat sich der Zulauf von obdachlosen EU-Bürgern in der Zweiten Gruft verdreifacht. "Der Negativ-Trend reißt nicht ab", sagt Caritas-Direktor Michael Landau.

Kalt und kälter

"Klar ist, es gibt Armutsmigration", sagt Karin Eichler (26), Leiterin der Zweiten Gruft. "Bei uns ist der Winter kalt, aber in der Heimat unserer Klienten ist er kälter." 40 Betten gibt es im Notquartier der Zweiten Gruft, 25 weitere für sogenanntes Kurzzeit-Wohnen. Es wurden vier Mutter-Kind-Plätze und zwei Familienplätze für zwölf Personen geschaffen. "Viele flüchten vor Armut und vor Kälte."

Auch heuer erklärte die Stadt Wien, dass im Winter kein Obdachloser in Wien auf der Straße bleiben müsse. Dazu wurden die Schlafplätze um 600 Plätze auf insgesamt 900 aufgestockt. Das Winterpaket läuft von November bis April: "Das ist gut und wichtig, aber ob es ausreicht, wird sich erst zeigen", sagt Landau.

Wer in der Zweiten Gruft nächtigt, bekommt ein Frühstück. Jeder darf zwei große Taschen mit seinen Habseligkeiten mitbringen. Im Tageszentrum gibt es ein warmes Mittagessen für 50 Cent. Für den Küchendienst werden dringend Freiwillige gesucht, genauso wie für die Kleiderausgabe.

Die Obdachlosen können auch ihre Wäsche waschen lassen, und zwar beim "Heiligen Ruppi", dem Chef der Waschküche. Der 82-jährige Rupert hat im Betreuten Wohnen gelebt, das lange in jenem Gebäude untergebracht war, in dem jetzt die Zweite Gruft eingerichtet ist. Und er wollte einfach nicht gehen. Also wäscht er täglich die Wäsche und bekommt oft Besuch von Herrn Joschi.

Der kann nach sechs Jahren auf der Straße mittlerweile seit fünf Jahren im Ausbildungszentrum der Caritas in der Seegasse arbeiten. Und immer wieder schaut er bei den Helferinnen in der Zweiten Gruft vorbei. Und begrüßt sie mit Handkuss.

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