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Neuer Platz
09/09/2014

Der KURIER hat eine neue Adresse

Das Zeitungshaus residiert ab heute am Leopold-Ungar-Platz.

von Anna-Maria Bauer

Zu den Klängen der Vienna Dixiland Band wurden die neuen Straßenschilder Dienstagmittag feierlich enthüllt. Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ), Döblinger Bezirksvorsteher Adi Tiller (ÖVP) und Caritas-Präsident Michael Landau lüfteten gemeinsam die Fahne. Die neue Adresse des KURIER lautet: Leopold-Ungar-Platz 1.

Der Platz erinnert an den früheren, 1992 verstorbenen Präsidenten der Caritas der Erzdiözese Wien. Wiens Bürgermeister Häupl dazu: „Leopold Ungar war eine wichtige Person für die Stadt. Er war der erste Caritas-Präsident, den ich richtig wahrgenommen habe. Die Benennung eines Platzes nach ihm erachte ich als eine sehr gute Sache.“ Genauso sieht das auch Döblinger Bezirksvorsteher Adi Tiller. Schließlich hat Ungar jahrelang im 19. Bezirk gewohnt. Sein Grab befindet sich am Friedhof Kahlenberg (Josefsdorf). Diesen herausragenden Priester mit einem Platz in diesem Bezirk zu ehren, ist für Tiller daher nur die logische Konsequenz. Der diesbezügliche Antrag der Döblinger Bezirksvertretung wurde einstimmige gestellt.

KURIER-Chefredakteur Helmut Brandstätter ergänzt: „Unsere primäre Aufgabe ist natürlich guter Journalismus. Aber in der nunmehr 60-jährigen Geschichte des KURIER ist auch soziales Engagement sehr wichtig.“ Genau dafür stehe Leopold Ungar.

Detail am Rande: Auch einen Leopold Unger gab es. Er war bis zu seinem Tod im Dezember 2012 der älteste beruflich aktive Journalist Polens.

Ein Platz für den Prälaten Leopold Ungar

Gerade vier Monate sind vergangen, seit unsere Redaktion vom siebenten in den 19. Wiener Gemeindebezirk übersiedelt ist. Und da bekommt das Medienhaus KURIER gleich wieder eine neue Adresse, auf die wir mit Stolz hinweisen dürfen. Sie lautet: Leopold-Ungar-Platz 1. Bürgermeister Michael Häupl und Bezirksvorsteher Adolf Tiller werden die Tafel morgen, Dienstag, enthüllen.

Leopold Ungar war eine der herausragenden Priester-Persönlichkeiten Österreichs und half als Caritas-Präsident Hunderttausenden in Not geratenen Menschen. Geboren 1912 als Sohn einer jüdischen Kaufmannsfamilie in Wiener Neustadt, studierte er Jus, absolvierte die Schauspielschule des Reinhardt-Seminars und besuchte die Lesungen seines Idols Karl Kraus. Später zählte Ungar zu den bedeutendsten Kraus-Kennern Österreichs.

Auf der Flucht

Leopold Ungar ließ sich 1935 katholisch taufen, um im selben Jahr noch in das Wiener Priesterseminar einzutreten. Nach dem "Anschluss" flüchtete er nach Paris, wo er zum Priester geweiht wurde. Als Hitler Frankreich besetzte, betreute er deutsche Kriegsgefangene in England.

1947 wieder in Wien, war Ungar Kaplan in Meidling, wo er u. a. eine Jugendgruppe leitete, der ein junger Mann namens Peter Weck angehörte. Der Schauspieler erinnert sich in seinen Memoiren an die große Menschlichkeit und die künstlerischen Begabungen des Priesters, der Shakespeare-Dramen rezitierte, musizierte und ein Freund der Familie wurde. Leopold Ungar traute Peter Weck und seine Frau und taufte deren Kinder.

In den Nachkriegstagen koordinierte Ungar die Hilfspakete der Alliierten für das Not leidende Wien und organisierte Auslandsaufenthalte hungernder Wiener Kinder in Belgien, Spanien, Portugal und in der Schweiz.

Ungar wurde Direktor der Caritas Wien, die er von einer "Suppen- und Teeküche" zu einem Imperium der Nächstenliebe ausbaute. Später Präsident der Caritas Österreich, erwarb er sich Verdienste um die Flüchtlinge während der Ungarnkrise 1956 und des Prager Frühlings 1968. "Ich habe nie gebettelt, nur erpresst", erklärte er lächelnd, wie er die Hilfe finanzierte.

Wenn nötig, unbequem

"Prälat Ungar ist nie den einfachen Weg gegangen", sagt der heutige Caritas-Präsident Michael Landau, "er eckte an und war, wenn nötig, unbequem. Er legte den Grundstein für eine kritische Caritas. Ziel seines Engagements war es, vorhandene Not an den Wurzeln zu bekämpfen. Stets den konkreten Menschen vor Augen, unabhängig von sozialem Status, von Staats- oder Religionszugehörigkeit."

Dass die KURIER-Adresse nun Leopold-Ungar-Platz 1 lautet, ist kein Zufall, verfasste der Prälat doch "als einer der brillantesten Köpfe des Landes" (© der langjährige freizeit-Chefredakteur Michael Horowitz) bis zu seinem Tod die Kolumne "Über Gott und die Welt" in der KURIER-freizeit.

Leopold Ungar starb am 30. April 1992 in Wien.

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Wenn man einem Wiener Taxilenker das Fahrziel "Lindengasse" nennt, kann der mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass man zum KURIER will. Seit seiner Gründung vor 60 Jahren ist die Redaktion der größten Qualitätszeitung des Landes in Wien-Neubau, dem siebenten Bezirk, zu Hause. Doch das ändert sich an diesem Wochenende, denn der KURIER übersiedelt nach 1190 Wien, Muthgasse 28, wobei der Bezirk beschlossen hat, die Adresse in Leopold-Ungar-Platz umzubenennen. Zeit für einen Rückblick auf die aufregenden und erfolgreichen Jahre in der Lindengasse.

Die erste Ausgabe des "Neuen KURIER" erschien am 18. Oktober 1954 mit dem "Blattaufmacher", dass die FPÖ-Vorgängerpartei VdU bei Landtagswahlen schwere Verluste erlitt; die "Kultur" meldete, dass der Pianist Friedrich Gulda ein Konzert vor fast leerem Haus gab; und der "Sport" berichtete über einen umstrittenen Elfmeter, der dem Sportklub zu einem 4:4 gegen die Austria verhalf.

Legendäre Redaktion

Eigentümer des "Neuen KURIER" war der Mühlenbesitzer Ludwig Polsterer, der als erstes Hans Dichand, den erfolgreichen Chefredakteur der Kleinen Zeitung, von Graz nach Wien holte. Und Dichand versammelte um sich eine legendäre Redaktionsmannschaft: Friedrich Torberg, Hans Weigel und Heimito von Doderer gestalteten die Kultur, Heribert Meisel wurde KURIER-Sportchef und Hugo Portisch Chef der Außenpolitik und Stellvertretender Chefredakteur.

Portisch arbeitete 1954 beim Österreichischen Informationsdienst in New York und begleitete Kanzler Raab auf seinem ersten Staatsbesuch durch die USA, "da bekam ich ein Telegramm von Hans Dichand", erinnert sich der Grandseigneur des österreichischen Journalismus, "in dem er mich bat, zum KURIER zu wechseln – und zwar mit den Worten: ,Schon die Türken fanden es lohnend, von weit herzukommen, um Wien zu erobern.’"

Portisch telegrafierte zurück: "Bin Türke. Komme."

Der "Neue KURIER" war gerade ein halbes Jahr alt, als er mit der Schlagzeile erschien, auf die das Land sehnsüchtig gewartet hatte: "Österreich wird frei", stand auf Seite 1 einer Sonderausgabe vom 14. April 1955, nachdem Österreichs Regierung bei Verhandlungen in Moskau den Durchbruch erzielt hatte.

Nun gab’s einen KURIER mit einem Exklusivbericht über den bevorstehenden Staatsvertrag, aber es gab damals keine Kolporteure, die abends die Zeitung an die Leser brachten. "Daraufhin ist die gesamte Redaktion durch die Stadt gelaufen und hat die Sonderausgabe um 50 Groschen pro Stück verkauft", erzählt Portisch. "Dichand und ich waren auf der Kärntner Straße im Einsatz."

Portisch wird Chef

Als Dichand ab 1958 die Kronenzeitung gründete, wurde Portisch neuer KURIER-Chef. Er war es, der 1964 gemeinsam mit anderen Chefredakteuren das Rundfunkvolksbegehren ins Leben rief, mit dem Ziel, die Macht der politischen Parteien aus Hörfunk und Fernsehen zu drängen. Es blieb mit 832.353 Unterschriften das bis heute erfolgreichste Volksbegehren Österreichs und wurde zum Auslöser einer umfassenden ORF-Reform.

"In die Schlacht gezogen" ist der KURIER auch im "Fall Borodajkewycz", jenes Hochschulprofessors, der in seinen Vorlesungen neonazistische und antisemitische Aussagen machte, wogegen Hugo Portisch in seinen Leitartikeln heftig anschrieb. Es kam 1965 zu einer Demonstration, bei der Borodajkewycz-Anhänger das "KURIER-Eck" in der Wiener Innenstadt stürmen wollten. Eine Gruppe von Widerstandskämpfern verteidigte das Gebäude, wobei der KZ-Überlebende Ernst Kirchweger von einem Rechtsradikalen niedergeschlagen wurde und an den Folgen der Verletzungen – als erstes politisches Todesopfer der Zweiten Republik – starb. Borodajkewycz wurde zwangspensioniert.

Amerikanischer KURIER

Wie der Name des 1954 gegründeten "Neuen KURIER" schon andeutet, hat es davor auch einen "alten" gegeben, eine Vorgänger-Zeitung. Sie hieß "Wiener KURIER" und wurde von der US-Besatzungsmacht herausgegeben – zum ersten Mal am 27. August 1945. Schon der "Wiener KURIER" war ein so wichtiges Medium, dass am 26. September 1947 im Land Aufregung herrschte, weil die Zeitung wegen Papiermangels nicht erscheinen konnte. Sogar Kanzler Figl rief in der Redaktion an, um sich darüber zu beklagen.

In der Ära Portisch nahm das Blatt einen weiteren Aufschwung und 1963 zog die Redaktion von der alten Adresse Seidengasse in das benachbarte KURIER-Hochhaus in der Lindengasse, das wir jetzt verlassen. 1972 verkaufte Polsterer den KURIER an eine Industriellengruppe, 1988 kam es unter Beteiligung der Raiffeisenbank und der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) zur Gründung der Mediaprint.

Die alte Setzerei

Als ich im Sommer 1970 zum ersten Mal das Hochhaus in der Lindengasse 52 betrat, um den Portier etwas naiv "Entschuldigen Sie, wie wird man Journalist?" zu fragen, wurde ich in die Chronik-Redaktion geschickt, in der ich tatsächlich probeweise aufgenommen wurde – und diese Probezeit dauert jetzt schon (mit Unterbrechungen) 43 Jahre an. Damals wurde die Zeitung noch im Bleisatz hergestellt, Setzerei und Druckerei waren in der Seidengasse untergebracht.

Blättert man die weit mehr als 20.000 Ausgaben durch, die seit Gründung des unabhängigen KURIER 1954 in Druck gingen, erfährt man umfassend, was seither weltweit geschah: Über den Staatsvertrag und die tragischen Todesfälle John F. Kennedy, Marilyn Monroe und Prinzessin Diana, über die Mondlandung, den Fall der Mauer, alle kleinen und großen Koalitionen, über Österreichs EU-Beitritt, 31 Olympische Sommer- und Winterspiele, über "9/11", Kreisky und sieben Päpste... – Nur die Queen hieß damals wie heute: Elizabeth II.

Die Chefs im Kammerl

Zwölf Chefredakteure sind seit Gründung des "Neuen KURIER" für den Inhalt der Zeitung verantwortlich, Helmut Brandstätter führt uns in das moderne KURIER Medienhaus und somit in die Verschränkung von Print- und Online-Redaktion (siehe auch Kommentar rechts oben). Hugo Portisch lächelt, als wir über den Umzug in den großen Newsroom sprechen: "In der ersten Phase saßen Hans Dichand und ich mit einer Sekretärin in einem 2,5 x 5 Meter kleinen Kammerl, so haben wir angefangen."

Neu ist also ab sofort der Standort unserer Redaktion und anderer Abteilungen. Doch das Wichtigste an Ihrem KURIER bleibt unverändert: Die Unabhängigkeit und die Qualität dieser Zeitung.

Die Chefredakteure des KURIER:

Hans Dichand, 1954–1958 (gest. 2010)
Hugo Portisch, 1958–1967
Eberhard Strohal, 1967–1973 (gest. 1997)
Hubert Feichtlbauer,1973–1975
Gerd Bacher,1975
Karl Löbl, 1975–1979 (gest. 2014)
Gerd Leitgeb, 1979–1986 (gest. 2001)
Günther Wessig, 1986–1988
Franz Ferdinand Wolf, 1988–1993
Peter Rabl,1993–2005
Christoph Kotanko, 2005–2010
Helmut Brandstätter, seit 1. August 2010

Bilder: Der KURIER zieht nach Döbling

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