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Chronik | Wien
06/21/2019

Ist der Heurige ein Phänomen von gestern?

Seit 1950 haben vier von fünf Wiener Heurigen geschlossen. Betreiber blicken trotzdem optimistisch in die Zukunft.

Im lauschigen Garten unter Baumkronen sitzen, Kümmelbraten oder Liptauerbrot essen und sich ein Achterl Wein um den Bruchteil des Preises in der Stadt genehmigen. An Sommertagen, wenn die Hitze in der Stadt kaum auszuhalten ist, ist der Heurigengarten der ideale Ort.

Doch trotz der immer wärmeren Sommer haben die Wiener Heurigenbetriebe wenig zu lachen. Während es, wie der ORF berichtete, in den 1950er- Jahren noch etwa 500 Heurigen in Wien gab, sind es heute laut Wirtschaftskammer Wien nur noch 105.

Nur noch neun Betriebe in Neustift

Besonders stark war der Rückgang im 19. Bezirk. In Neustift am Walde, erzählt Wolfgang Zeiler, Obmann des dortigen Weinbauvereins, waren es vor 30 Jahren noch 35 Betriebe. Heute sind es neun.

Warum das so ist? „Zum einen ist der Aufwand heute ein anderer“, sagt Zeiler. Vor allem Buffet und Küche müssen viel mehr bieten als noch vor einem halben Jahrhundert. Das sieht Martin Obermann, Obmann des Weinbauvereins Grinzing, genauso und appelliert an die Gäste, den Ursprung des Heurigen nicht zu vergessen: Bei der Buschenschank ging es eigentlich nur um den Wein.

Fehlende Nachfolge

Zum anderen, fährt Wolfgang Zeiler fort, sei das Heurigengeschäft ein familienfeindliches Nachtgeschäft. Und das führe unweigerlich zu Grund drei: Die Nachfolge fehlt. „Heurigen und Familie unter einen Hut zu bringen – das schaffen immer weniger und hauen eben den Hut drauf“, sagt Zeiler.

Ebenso sieht das Josef Klager, Obmann des Weinbauervereins Stammersdorf. Er ergänzt: „Früher hat’s geheißen: Auf zwei Beinen steht man besser als auf einem. Damals haben viele den Heurigen so nebenbei geführt und am Wochenende ihre Keller geöffnet.“ In der schnellen hektischen Welt von heute ginge sich das nicht mehr aus.

Trotzdem blicken die Obleute positiv in die Zukunft. Das Gewerbe würde sich wandeln, aber dass es verschwindet, glauben sie – zumindest vorerst – nicht. „Erst vor Kurzem“, sagt Klager, „hat ein Kollege, der ein kompletter Quereinsteiger ist, das alte Haus des Urgroßvaters renoviert und eine Buschenschank eröffnet.“

Und dass der Heurigen bei den Wienerinnen und Wienern noch beliebt ist, zeigte eine aktuelle Umfrage des Vereins „Der Wiener Heuriger“, durchgeführt vom Gallup-Institut: 90 Prozent der Befragten finden die Wiener Heurigen „sehr sympathisch“.

Info: Die Wiener Heurigen

Die Betriebe: Die Zahl der Betriebe ist in den vergangenen 50 Jahren stark gesunken. Gab es in den 1950er-Jahren  rund 500 Heurigen , so sind es heute nur mehr 105.

Die Reben: Mit rund 680 Hektar Rebflächen ist Wien die einzige Großstadt weltweit mit beachtlichem Weinbau. Zu finden sind sie vor allem in den Bezirken Döbling (19. Bezirk), Floridsdorf (21. Bezirk), Liesing (23. Bezirk) und Favoriten (10. Bezirk).

Die Events: Die Veranstaltungen mancher Weinbauvereine sind mittlerweile weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt:
– 16. bis 19. 8. : Neustifter Kirtag
–  24./25. 8.: Stammersdorfer Weintage