Trotz hoher Temperaturen schwingen sich immer mehr Wiener aufs Rad. Für einen Boom fehle es aber an der Infrastruktur, sagen Expertenradfahren, Radfahrer.

© KURIER/Michaela Bruckberger

Wien
07/24/2015

Der Bremsklotz des Radbooms

Viele Radwege sind zu Spitzenzeiten überlastet, einige von ihnen dazu richtig gefährlich.

von Elias Natmessnig, Katharina Zach

Eng gedrängt stehen zehn Radler auf der kleinen Verkehrsinsel vor der Urania und warten auf Grün. Rund um sie neun Spuren voller Autos. Der Platz für Radler beträgt dort knapp fünf Quadratmeter; Pkw rauschen nur wenige Zentimeter an den Radlern vorbei. "Die Kreuzung Praterstraße-Franz-Josefs-Kai ist ein Paradebeispiel dafür, was in der Stadt nicht gut läuft", sagt Roland Romano, stellvertretender Infrastruktursprecher der Interessensvertretung Radlobby Wien.

Dennoch steigen in Wien mehr und mehr Menschen aufs Rad. Im ersten Quartal 2015 stiegen die Zahlen werktags um 3,9 Prozent. Verkehrsstadträtin Maria Vassilakou formulierte bei ihrem Antritt ein hohes Ziel: Bis 2015 wollte man den Radler-Anteil am Verkehr von sechs auf zehn Prozent erhöhen – geworden sind es 7,4 Prozent. Ein Hauptgrund dafür ist das viel zu schlecht ausgebaute Radwegenetz.

Gefährlich

"Man hat zuletzt sehr effizient Mittel in die PR gesteckt. Jetzt geht es darum, auch die Infrastruktur zu stärken", sagt Alec Hager, Sprecher der Radlobby Österreich. Denn diese sei an vielen Stellen verbesserungswürdig. "Neben überlasteten Radwegen gibt es auch richtig gefährliche Stellen, die viele Menschen vom Radeln in der Stadt abschrecken", sagt Hager. Ein Beispiel kann er sofort nennen: "Der Getreidemarkt".

Hier endet ein Radstreifen, der ohnehin knapp neben drei Autospuren entlang führt, plötzlich im Nichts. Radfahrer müssen sich dann in den Autoverkehr einordnen. Pläne der Stadt sahen vor, dass der Radweg quer über zwei Autospuren in die Mitte geführt werden. Nach wütenden Protesten ("Selbstmord-Strecke") wurde das Projekt auf Eis gelegt.

Dabei wäre die Lösung einfach, findet Hager. "Man braucht einen baulich getrennten Radweg, der bis zur Wienzeile führt." Das würde aber eine Fahrspur für Kfz kosten. Hager: "Hier fehlt der Mut zu sicheren Lösungen."

Es gibt aber auch positive Beispiele: So wurden etwa am Schottentor und Schottenring Nebenfahrbahnen und Parkplätze aufgelöst, um sichere Radwege zu bauen. Immer wieder scheitern solche Projekte aber am Widerstand der Bezirke.

Fahrradfreundlich

Vassilakou wollte für jeden Bezirk eine "fahrradfreundliche Straße", in der Fahrräder zwar bevorzugt sind, Autos aber weiterhin zufahren können. Geworden ist es genau eine: Die Hasnerstraße in Ottakring. "Teilweise gibt es eine irrationale Ablehnung", sagt Vassilakou. Gescheitert sei sie aber nicht: "In Summe ist der Ausbau intensiv vorangegangen." Allerdings nicht genug. Bei einer Neuauflage von Rot-Grün will sie daher die Bezirke in die Pflicht nehmen. "Sei es, dass die Bezirksvorsteher im Koalitionsvertrag mitverpflichtet werden oder der Gemeinderat die Möglichkeit erhält, mitzubestimmen."

Hindernis-Parcours statt Radler-Highway nach Wien

Brennnesseln schlagen gegen die Beine. Der Weg ist schmal, links und rechts wuchert Gestrüpp. Nach wenigen Metern wird es spannend: Ein Baum wächst schräg über den Radweg – bremsen und Kopf einziehen ist angesagt. Über ein Stück Straße und hinter Gärten vorbei geht es weiter Richtung Perchtoldsdorf. Schon kommt das nächste Hindernis. Zwei kleine Geländer zwingen fast zum Stehenbleiben, wackelig muss man sich an den Absperrungen vorbeischlängeln. Kurz darauf endet der „Spaß“ gänzlich: Eine Weiterführung des Radweges ist nicht zu finden.

Nur 15 Kilometer trennen den Bahnhof Wien-Liesing von Mödling. Doch an Pendeln mit den Rad ist derzeit nicht zu denken. „Ein leistungsfähiges Radnetz gibt es nicht“, urteilt Perchtoldsdorfs Bürgermeister Martin Schuster. Die Verbindung ist ein Stückwerk aus schmalen Wegen – vielfach nicht asphaltiert – unterbrochen von Strecken, die auf der Straße zurückgelegt werden müssen. Kurzum: Nur eine Route für Freizeitfahrten.
Bis jetzt. Denn nach einer Testfahrt auf Betreiben von Gemeindevertretern, mit Verantwortlichen der Stadt Wien und dem Land NÖ ist ein regionaler Radweg mit Einbindung ins Wiener Netz nur noch eine Frage der Zeit. Der Bezirk Mödling wurde ins Radlgrundnetz des Landes aufgenommen. Noch im Sommer soll eine Bestandsaufnahme von allen Routen erfolgen. Dann beginnen Planungen.

„60.000 Menschen leben im unmittelbaren Einzugsgebiet“, sagt Mödlings Vizestadtchef Gerhard Wannenmacher. „Wir brauchen Angebote für den Alltagsradverkehr.“ Die Dringlichkeit ist evident. Bereits jetzt haben die Straßen ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Und die Region südlich Wiens wächst weiter. „So wie jetzt bringt man die Mobilität aber nicht aufs Rad. Man verfährt sich, weil niemand die Wege kennt“, sagt Wannenmacher.

Gefährlich

Teils seien die Routen sogar gefährlich, etwa jene Strecke, die entlang der B17 führt oder die Bahnunterführung auf der B12 in Brunn/Gebirge. Hier würden die Radfahrer illegal auf das Privatgelände der alten Glasfabrik ausweichen. Und der Weg entlang des Petersbachs Richtung Siebenhirten sei nur ein Trampelpfad. Die Kritikpunkte kennt auch Wolfgang Pruschinsky von der Radlobby NÖ, die bereits seit zwei Jahren für eine Fahrradstraße nach Wien kämpft. Er hat genaue Vorstellungen von einem künftigen „Premium-Radweg“: Baulich getrennte Radwege mit drei Metern Breite, bessere Kurvenradien und Radfahrerüberfahrten an allen Kreuzungen. Zumindest die von der Radlobby vorgeschlagene Routenführung deckt sich mit den Ideen der Gemeinden: Entlang der Südbahn, damit auch der Umstieg auf Öffis möglich ist.

Das Projekt freut auch Wiens Radverkehr-Beauftragten Martin Blum. „Pendeln mit dem Rad entlastet die Straßen und hat daher auch für Wien Relevanz.“ Die Abstimmung mit NÖ ist bereits im Gange, die Langstreckenverbindung soll auch in die Stadt weitergeführt werden.

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