„Die Serviette“: Elisabeth Sattlegger serviert international interpretierte Hausmannskost.

© Kurier/Gilbert Novy

Chronik Wien
02/20/2019

Das Servitenviertel: „Das kleine Montmartre von Wien“

Die Servitengasse am Alsergrund hat sich zum Geheimtipp für Genießer entwickelt. Ein Lokalaugenschein - im wahrsten Sinne.

von Bernhard Ichner

„Ein zweites Zuhause“ sollen die Gäste vorfinden. „Wenn die Leute abgeschlafft und grantig reinkommen, will ich, dass sie happy wieder rausgehen“, erklärt Elisabeth Sattlegger, die im Restaurant Die Serviette als Köchin (mit Shiatsu-Ausbildung) und Mädchen für alles fungiert.

Groß ist „Die Serviette“ nicht. Das Restaurant in der Servitengasse 4, in dem Sattlegger international interpretierte Hausmannskost kredenzt, hat nur 20 Sitzplätze. Reservierungen sind ratsam. Auf der Speisekarte stehen unter anderem „Tante Joleschs Krautfleckerl“ (von denen nie zu wenig da ist), Linguine mit sautierten Steinpilzen oder auch so manches Rezept ihres Lebensgefährten Siegfried Immervoll – Schweinsbraten, Reisfleisch oder Krautwickel.

Und genau wie das kleine Lokal überzeugt auch die Nachbarschaft – die Servitengasse zwischen Berg- und Grünentorgasse – mit einem hochwertigen Angebot.

Bars und Feinkost

Auf knapp 200 Metern Länge reiht sich im „little Montmarte von WienRestaurant an Weinbar und Café an Feinkostladen. Ein gemütlicher Brunch am Samstagvormittag dauert hier schnell einmal bis zur Sperrstunde.

Starten lässt sich so ein Chillout-Tag zum Beispiel mit dem „Uovo Nel Bicchiere“-Frühstück um 6,90€ im Mercato & Ristorante Eatalia (weiches Ei im Glas, Prosciutto Crudo, Rucola, Trüffelöl und hausgebackenes Brot). Ana Winter und ihr Team servieren aber auch Antipasti, Meeresfrüchte, hausgemachte Pasta, Kaffee sowie Wein aus Kalabrien und Apulien. Die italienischen Delikatessen, die hier gekauft werden können, stammen allesamt aus kleinen Betrieben.

Geschmeidig fortsetzen lässt sich der Weg zum gepflegten Damenspitz schräg gegenüber bei Gerald König, der europäische Spezialitäten in die Auslage seines Delikatessenladens legt.

Salami aus der Toskana, portugiesische Fischpasteten und Nussdorfer Kuchlbräu gibt es hier ebenso wie französischen Käse, „Roger Manceaux“-Champagner, Rosé-Wein aus der Provence und Grünen Veltliner aus Hohenruppersdorf. Mittwochs bis samstags serviert König frische Austern, donnerstags Beef Tatar und freitags Thunfisch-, Lachs- oder Marlin-Tatar. Und natürlich können auch die Weine nicht nur mitgenommen, sondern um 3,20 bis 5,90€ vor Ort genossen werden.

Auf der anderen Straßenseite hat „Pramerl & the Wolf“-Mastermind Wolfgang Zankl-Sertl mit dem Edelschimmel einen Anziehungspunkt für Käse-Aficionados geschaffen. Die Stammkunden von Betreiber Klaus Gassner stellen sich für Käse aus Österreich, Frankreich, Italien und Belgien sowie für frisches Brot aus der Dampfbäckerei Öfferl an. In den Kühlvitrinen warten zudem rund 70 Weine auf den Verkauf. Zehn davon werden an kleinen Tischchen für 3,70 bis 7,90€ offen ausgeschenkt. Käseplatten kosten ab 8,50€.

„Jeder kennt jeden“

Glück ist nötig, um in La Mercerie an der Ecke Berggasse/Servitengasse einen Tisch zu ergattern. Dafür fühlt sich der Gast im Erfolgsfall wie in einem kleinen Dorf. Jeder kennt hier jeden, sagt Gregory Couillard, der in seiner Bäckerei und Patisserie neben Klassikern wie Baguette, Croissants, Eclairs und Religieuse, Frühstück, Suppen, Beef Tatar und diverse Planchettes anbietet. Dazu gibt’s Bordeaux Grand Cru um wohlfeile 6,90€ das Glas.

Reservieren kann man hier ebenso wenig wie mit Kreditkarte zahlen. Couillard, der früher in 200 Lederwaren-Shops 1300 Mitarbeiter beschäftigte, verzichtete bewusst auf Website und Telefon. Er wollte „was Kleines für die Leute in der Nachbarschaft“. Dass das Lokal, dessen Name auf die original Drogeriemarkt-Einrichtung von 1904 zurückgeht, zunehmend von Touristen geschätzt wird, war keine Absicht. Daran sind die Reiseführer schuld, in denen „La Mercerie“ Erwähnung fand.

„Hipp“ wolle man hier nicht sein, sagt der Obmann der Kaufleute im Servitenviertel, Werner Dreier, „sondern nachhaltig“. „Unsere Vision war das little Montmartre von Wien: In den kleinen Geschäften und Lokalen des Grätzels sollen die Chefs selbst drin stehen. Die persönliche Ansprache ist uns wichtig. So kennt man die Story des Kunden schon und kann schnell und gut bedienen.“

Das wisse in erster Linie das internationale Publikum zu schätzen, das hier wohne, sagt Dreier. „Leute, die sich nicht im ersten Bezirk hinter Touristenschlangen anstellen und doch ein bestimmtes Flair genießen wollen.“