Chronik | Wien
20.05.2014

Das schleichende Sterben der City

Spekulation und Lärm machen den alteingesessenen Bewohnern das Leben immer schwerer.

Im Haus von Michael Jahn nahe der Wipplinger Straße ist es einsam geworden: "Die Hälfte der Wohnungen steht leer. Wer kann sich auch Wohnungen leisten, die um 2000 Euro und mehr neuvermietet werden?", sagt Jahn, der hier seit Jahrzehnten wohnt. Von der anderen Hälfte würden nur mehr 15 bis 20 Prozent als Wohnung genutzt. Der Rest seien Arztpraxen, Anwaltskanzleien oder Büros. "Das alte Gemeinschaftsleben ist verschwunden, Lebensqualität ist das keine mehr."

Ob am Stubentor oder im Ruprechtsviertel – in vielen City-Grätzeln klagen alteingesessene Mieter über die Entvölkerung ihrer Wohnhäuser. Während Touristen die Innere Stadt stürmen, wird sie als Wohnbezirk zunehmend unattraktiv. Das lässt sich auch an der Statistik ablesen: In nur 50 Jahren hat sich die Einwohnerzahl der City halbiert (siehe Grafik).

"Die Innere Stadt ist längst kein Wohnbezirk mehr, sondern eine Spielwiese für Spekulanten und Neureiche", klagt eine Betroffene. Auch sie ist in ihrem Haus umringt von Büros und Wohnungen, die höchstens für Wochenend-Kurztrips benutzt werden. Um keine Probleme mit dem Eigentümer zu bekommen, will sie lieber anonym bleiben. Das wollen auch jene Altmieter, die von Spekulanten mit allen Mitteln aus ihren Innenstadt-Häusern gedrängt werden.

Patricia Davis von den Grünen bekommt solche Klagen oft zu hören. "Doch wer sich beschwert, dem wird geraten, doch woandershin zu ziehen. Es muss aber einmal klargemacht werden, dass der 1. Bezirk nicht nur den Privilegierten gehört", sagte Davis am Rande eines Diskussionsabends, den die Grünen unlängst zum Thema veranstalteten.

Lärm statt Idylle

Zu diskutieren gibt es auch im Grätzel rund um das Lugeck genug. Nach dem Bermuda-Dreieck entsteht hier langsam eine zweite City-Party-Meile. Seit mit dem "Elysium" und der "Bettelalm" in den vergangenen Jahren gleich zwei Nachtklubs eröffnet haben, ist es auch hier vorbei mit der Altstadt-Idylle. Ihretwegen hat sich Dietmar Maicz 2009 seine Wohnung gekauft, mittlerweile macht er nächtens kaum mehr ein Auge zu: "Die Lokale haben bis sechs Uhr morgens offen. Ein Problem sind vor allem die lärmenden Gäste, die sich vor dem Eingang versammeln, und die Taxis, die dort halten."

"Was wir hier erleben, ist die völlige Durchkapitalisierung der City", ärgert sich auch Anrainer Leopold Plakolm. Politik und Behörden würden zu wenig dagegen unternehmen. "Wer sich beschwert, wird schnell ins Querulanten-Eck gedrängt."

Wegziehen will aber keiner der drei: "Warum soll ich auch nachgeben?", gibt sich Maicz kämpferisch. Lieber will er mit rechtlichen Mitteln gegen den Lärm kämpfen. "Das sehe ich als allgemeine Bürgerpflicht."

Wohnungskauf nur bei Hauptwohnsitz in der City

Wir City-Bewohner gehören zu einer gefährdeten Spezies“, sagt Alexander Hirschenhauser, Klubobmann der Innenstadt-Grünen. Zwecks Artenschutz schlägt er eine Reihe von Maßnahmen vor. So soll nur derjenige eine Wohnung in der City erwerben dürfen, der hier auch seinen Hauptwohnsitz errichtet. „In Kitz oder Lech ist das ja auch möglich.“ Hirschenhauser kann sich auch eine Leerstandsabgabe vorstellen.

Bezirksvorsteherin Ursula Stenzel (ÖVP) steht strengeren Regulierungen, etwa bei den Zweitwohnsitzen, skeptisch gegenüber: „Zum Glück leben wir in einer freien Gesellschaft, wo jeder leben kann, wo er möchte.“ Sie stößt sich vor allem an den vielen Events und den Ring-Sperren, die den Bewohnern das Leben schwer machen. Genauso wie die Parkplatz-Not. „Deshalb kämpfen wir so ums Anrainerparken.“ Dass zu wenig gegen die Ballermann-Lokale unternommen werde, weist sie zurück. „Es gibt regelmäßige Kontrollen der Lokalszene.“