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Chronik Wien
12/31/2020

Das Jahr 2020 in Wien: Pop up und Punschkrapferln

Wiener Rückblick: Was die Stadt im abgelaufenen Jahr abseits von Corona und Terror bewegte.

von Josef Gebhard

Keine Frage, das Jahr 2020 war auch in Wien mit Pandemie und Terror in der Innenstadt überwiegend von bedrückenden Ereignissen geprägt. Und doch gab es trotz allem auch 2020 in Wien Ereignisse, die für Staunen oder Schmunzeln gesorgt haben. Auch der eine oder andere Aufreger war dabei. Hauptsächlich war dafür die Stadtpolitik verantwortlich. Was aber auch damit zu tun haben könnte, dass heuer ganz nebenbei ein Wahljahr war, das Wien ganz nebenbei eine neue Koalition brachte. Ein Rückblick.

Die Aufreger

  • Gürtelpool. Ein 33 m² kleines Schwimmbecken, in dem sich Corona-bedingt nur sechs Personen gleichzeitig abkühlen konnten, wurde diesen Sommer zum großen Aufreger – und zum Sinnbild für die letzten Zuckungen der rot-grünen Koalition. Mangels klarer und eindeutiger Informationen über den Zweck des Projekts fehlte vielen Menschen das Verständnis für den Pool zwischen den stark befahrenen Fahrstreifen des Neubaugürtels. Das Kuriose daran: Während vor allem  die grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein für die Aktion gefeiert bzw. verdammt wurde, ging sie vor allem auf die Initiative des SPÖ-Bezirksvorstehers in Rudolfsheim-Fünfhaus zurück.
  • Wohnsitz-Affäre. Heinz-Christian Strache ist es zu verdanken, dass dem eher mau dahinplätschernden Wahlkampf doch noch ein echter Knüller beschert war: Nach einer Anzeige der weitgehend unbekannten Kleinpartei Wandel diskutierte wochenlang die halbe Republik, ob der Ex-FPÖ-Chef  in Mamas Wohnung in Wien-Erdberg zu Hause ist, oder seine Zeit doch hauptsächlich bei Frau und Kind im schmucken Weidling bei Klosterneuburg (NÖ) verbringt. Letzteres hätte ihm um das Recht gebracht, bei der Wien-Wahl zu kandidieren. Alles ok, befanden schließlich die Behörden – und gaben damit den Weg frei für das Wahldebakel des echten Erdbergers.
Strache könnte Bezirkspolitiker werden
  • Bundesgärten. Der sperrige Begriff für die Parks wie den Augarten oder Schönbrunn wurde im Frühjahr zum Symbol der Reibereien zwischen Wien und dem Bund schlechthin. Groß war die Empörung, als die Regierung zunächst befand, die Parks müssten wegen der Corona-Infektionsgefahr geschlossen bleiben – was vielfach als Schikane ausgelegt wurde. „Sperrts auf es Heiseln“, war denn auch bald ur-wienerisch auf einem Zettel an einem  Augarten-Tor zu lesen. Angesichts der aktuell – trotz höherer Infektionsraten – geöffneten Skigebiete wirkt das damalige Vorgehen der Regierung  tatsächlich einigermaßen befremdlich.  

"Das ist so, wie wenn man heute junge Männer fragt: ‚Betreibt ihr Selbstbefriedigung?‘ Es wird keiner zugeben, aber machen tut’s jeder. Und ich glaube, ähnlich ist es auch bei so einer Umfrage"

Heinz-Christian Strache sucht wenige Wochen vor der Wien-Wahl Gründe für seine schwachen Umfrage-Werte

Die Personen

  • Aufsteiger. "Kennt keiner, kann viel", lautete der Slogan, mit dem Christoph Wiederkehr nach Übernahme der Wiener Neos Werbung in eigener Sache machte. Bei Michael Ludwig hat das  offenbar gewirkt: Er machte die Neos nach der Wien-Wahl überraschend zum Juniorpartner, womit der erst 30-jährige Wiederkehr zum Vizebürgermeister und Bildungsstadtrat aufstieg.
  • Absteigerin. "Man spürt die Kraft. Rot-Grün mit Ludwig-Hebein ist spürbar", gab sich die grüne Vizebürgermeisterin nach den Sondierungsgesprächen mit  der SPÖ noch zuversichtlich. Michael Ludwig verspürte offenbar anderes und gab Birgit Hebein  den Laufpass. Als Dankeschön montierten sie die grünen Parteifreunde  ab.
  • Bruchpilot. Außer Spesenaffäre nichts gewesen, könnte das Jahresmotto von Heinz-Christian Strache lauten. Flankiert von einigen Ex-FPÖ-Hinterbänklern und mitunter skurrilen Quereinsteigern wagte er nach dem Ibiza-Skandal ein Comeback. Mit dem Einzug ins  Rathaus wurde es allerdings nichts, womit eine bemerkenswerte Polit-Karriere wohl endgültig zu Ende ist. 
  • Phantom. Es war ein merkwürdiger türkiser Wahlkampf: Halbherzig mischte Finanzminister Gernot Blümel als ÖVP-Spitzenkandidat  mit,  ohne großen Gestaltungswillen für die Stadt erkennen zu lassen.  Das reichte zwar für ein beachtliches Plus von 11,2 Prozentpunkten, die Rolle der ÖVP in der Stadt bleibt künftig aber dennoch marginal. 
  • Reibebaum. Kaum ein Wiener Politiker polarisiert mehr als Gesundheitsstadtrat Peter Hacker (SPÖ). Während Michael Ludwig zurückhaltend agiert, geht Hacker umso lieber lautstark in den Infight mit der türkis-grünen Bundesregierung. Vor allem, wenn es um das Corona-Management geht. Ob sein Vorgehen dabei sachlich begründet ist, ist nicht immer klar erkennbar.
  • Aussteigerin. Eigentlich wollte Ursula Stenzel bei dieser Wahl nicht mehr antreten, gab dann aber doch noch einmal die FPÖ-Spitzenkandidatin in der Inneren Stadt. Nach dem Wahldebakel ist nun aber endgültig Schluss: Die frühere ORF-Journalistin und ÖVP/FPÖ-Politikerin  kehrt quasi zu ihren Wurzeln zurück und wird Bloggerin. 
Ursula Stenzel kehrt zu ihrem Stammberuf zurück

"Ich habe so viele Antibiotika-Therapien hinter mir, ich glaube, wenn mich das Coronavirus nur gesehen hat, dann hat es sich schon weinend umgedreht"

Altbürgermeister Michael Häupl - medizinisch nicht ganz sattelfest – über seinen Gesundheitszustand

Die Begriffe

  • Autofreie Innenstadt. Ein 2020 geborener Begriff, der eigentlich eine ziemliche Mogelpackung ist. Handelt es sich dabei schließlich nur  um ein (wenig ausgegorenes) Konzept für eine verkehrsberuhigte Innenstadt, mit dem die grüne Vizebürgermeisterin Birgit Hebein im Wahlkampf überraschend vorpreschte. Besonders überrascht war der rote Koalitionspartner, der sich zu wenig in Hebeins Pläne eingebunden fühlte. Zum Glück für Bürgermeister Michael Ludwig kam ein Rathaus-Gutachten zum Ergebnis, dass die Pläne rechtlich nicht umsetzbar seien. Kein Gutachten war indes nötig, um festzustellen, dass die Causa das rot-grüne Koalitionsklima massiv belastete.
  • Pop-up-Radweg. Ein ideengeschichtlich enger Verwandter der autofreien City, wenn auch mit einer etwas anderen Genese. Auslöser war hier die Corona-Krise, die die Grünen veranlasste, sich über mehr städtischen Freiraum im Lockdown Gedanken zu machen. Ergebnis waren (von der Bevölkerung nur mäßig angenommene) temporäre Begegnungszonen zum Spazieren und eben vorübergehend eingerichtete Radwege, die mit dem flott klingenden Label "Pop-up" versehen wurden. Vor allem Letztere sorgten für den Groll von Autofahrern, aber auch für Ärger beim roten Koalitionspartner. Mittlerweile ist der Begriff "Pop-up" fast schon zum Synonym für populistische, wenig nachhaltige Polit-Aktionen geworden.

Die Zahlen

  • 11 Bezirksräte stellt nach der Wien-Wahl die Bierpartei. Ihrem Chef, dem Arzt und Musiker Marco Pogo, gelang damit ein Überraschungserfolg. Möglich wurde er durch stimmige Plakatsprüche ("Wo ein Wille, da Promille") und eine starke Präsenz in den sozialen Medien. Parteigründer Pogo selbst ist nun Bezirksrat in Simmering.
  • 942.183 Gastro-Gutscheine. Ihre Verschickung an die Wiener Haushalte (je nach Größe im Wert von 25 oder 50 Euro) war die wohl meistdiskutierte Corona-Hilfsaktion der Stadt. Kritiker warfen Bürgermeister Michael Ludwig Populismus vor. Die Aktion kam jedenfalls an: 84,5 Prozent der Bons wurden eingelöst, macht einen Gegenwert von 30,75 Millionen Euro.

"Bin ich auch schuldig dafür, dass ich Blümel bei seinem Knackarsch lieber hab als Ludwig bei seinem verschlagenen Schnitzelgesicht?"

Ex-Life-Ball-Organisator Gery Keszler verteidigt seinen Auftritt am Landesparteitag der Wiener ÖVP
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