Chronik | Wien 24.12.2011

Das Drama um die Wiener Oper

Eduard van der Nüll: Die Wiener Staatsoper gedenkt des 200. Geburtstags ihres Architekten. Einst wurde er in den Tod getrieben.

Carmen wird erstochen, Tosca springt in den Tod und der Bajazzo ermordet seine Frau samt Nebenbuhler. Viel schlimmer noch – weil wirklich wahr – ist das Schicksal der beiden Männer, die Wiens Staatsoper, in der diese Meisterwerke aufgeführt werden, gebaut haben: Eduard van der Nüll erhängte sich, nachdem man den Prunkbau an der Ringstraße heftig kritisiert hatte, und sein Partner August Sicard von Sicardsburg erlag wenige Wochen danach einem Herzschlag. Die beiden Architekten sind an der Errichtung des Wiener Opernhauses buchstäblich zugrunde gegangen.

Die Oper stand noch im Rohbau, da spotteten die Wiener bereits in Reimform über die verschiedenen hier zusammengefassten Architektur-Epochen: Sicardsburg und van der Nüll, die haben beide keinen Styl, griechisch, gotisch, Renaissance, das is denen alles ans!

In Zeitungsberichten wurde die Oper als „Königgrätz der Baukunst“ bezeichnet, was damals, wenige Jahre nach der folgenschwersten militärischen Niederlage der Monarchie, eine besondere Demütigung war. Als noch ärger empfanden die Architekten den Kommentar Kaiser Franz Josephs, der die Hofoper eine „versunkene Kiste“ nannte.

Fehlplanung

Tatsächlich war das Niveau der Fahrbahn des Opernrings um einen Meter höher als die Torbögen des noch unfertigen Bauwerks. Doch dafür konnten Sicardsburg und van der Nüll nichts, vielmehr hatte eine Fehlplanung des Hofbauamtes dazu geführt, dass die Fahrbahn höher als vorgesehen angelegt wurde. Für die Öffentlichkeit stand aber fest, dass die Architekten der Oper die bauliche Katastrophe zu verantworten hätten. Der 56-jährige van der Nüll war den gegen ihn aus allen Kreisen der Gesellschaft gerichteten Anfeindungen nicht gewachsen. Er erhängte sich am 4. April 1868 in seiner Wohnung in der Windmühlgasse. Zwei Monate später brach Sicardsburg nach einem Herzschlag über seinem Zeichentisch tot zusammen. Er konnte den Selbstmord des Freundes nicht verwinden.

Die beiden Architekten waren seit ihrer Studienzeit an der Wiener Kunstakademie unzertrennlich, sie hatten ein gemeinsames Atelier und waren auch privat eng verbunden. In Internetforen werden sie als homosexuelles Paar bezeichnet, es gibt Reiseführer durch das „Schwule Wien“, die auf die Bauten Sicardsburgs und van der Nülls hinweisen.

Schwanger

Allerdings hatte van der Nüll ein Jahr vor seinem Tod geheiratet, was dem Selbstmord eine weitere dramatische Note verleiht: Seine Frau Maria war, als sie die Leiche ihres Mannes in ihrer Wohnung fand, im achten Monat schwanger. Im Wiener Stadt- und Landesarchiv liegt der Nachlass van der Nülls, dessen Briefe an seine Frau von tiefer Liebe zeugen. „Für Deine liebende Zuneigung möge Gott Dich belohnen, ich finde keine Worte für die Anerkennung, die in meinem Herzen dafür bewahrt ist“, schrieb er ihr noch kurz vor seinem Tod.

Ob die Anfeindungen gegen ihn und seinen Kompagnon der alleinige Grund für die Tragödie waren, ist unklar. Fest steht, dass beide krank waren: Wenn van der Nülls Selbstmord im gerichtsmedizinischen Gutachten mit „geistiger Verwirrung“ erklärt wird, ist das wohl darauf zurückzuführen, dass ihm ein kirchliches Begräbnis ermöglicht werden sollte. Allerdings zeigt das Totenbeschauprotokoll auch ein Lungenödem auf. Alles in allem könnten die Krankheit, die Belastung durch den Opernbau und die Angriffe in der Öffentlichkeit zum Freitod geführt haben. Und Sicardsburg war seit längerem herzleidend.

Eduard van der Nüll war – trotz des holländisch klingenden Namens – ein waschechter Wiener. Als unehelicher Sohn eines Offiziers zur Welt gekommen, wuchs er nach dem frühen Tod der Eltern in bescheidenen Verhältnissen auf, nachdem sein Vormund den Großteil des Familienvermögens veruntreut hatte.

Gründerzeit

Gerade als er und Sicardsburg ihr Architekturstudium beendet hatten, wurde Wiens Stadterweiterung beschlossen, die eine nie dagewesene Bautätigkeit zur Folge hatte. Das bald prominente Architektenduo erhielt in der Gründerzeit zahlreiche Aufträge, ehe ihm die Planung der sechs Millionen Gulden (= heute rund 70 Millionen €) teuren Hofoper anvertraut wurde. Sie sollte zum Höhepunkt ihres Schaffens werden. Und wurde zur tödlichen Belastung.

Am 25. Mai 1869, rund ein Jahr nach van der Nülls und Sicardsburgs Tod, wurde die Oper in Anwesenheit Kaiser Franz Josephs mit einer Festvorstellung von Mozarts „Don Giovanni“ eröffnet. Mittlerweile war das Niveau der Fahrbahn dem Gebäude angeglichen worden und die Wiener waren von dem neuen Prunkbau an der Ringstraße hellauf begeistert. Niemand konnte verstehen, warum gegen die verstorbenen Architekten einst so heftig polemisiert wurde.

Am allerwenigsten Kaiser Franz Joseph, den die tragischen Ereignisse um den Bau der Oper dermaßen erschütterten, dass er es vermied, je wieder öffentlich seine persönliche Meinung kundzutun. Die von ihm ab jetzt verwendete, berühmt gewordene, ebenso nichtssagende wie kritiklose Floskel „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“, ist die direkte Folge des Dramas um die beiden Architekten.

Symbol

Heute ist die Staatsoper Wahrzeichen und wichtigstes Symbol der Musikmetropole Wien. Operndirektor Dominique Meyer weiß den Anteil der beiden Schöpfer des Hauses zu schätzen: Er lässt am 9. Jänner, Eduard van der Nülls 200. Geburtstag, am Ehrengrab des Architekten am Wiener Zentralfriedhof einen Kranz niederlege

Die Architekten: Sie bauten Wiens Oper

Eduard van der Nüll Geboren am 9. Jänner 1812 in Wien als unehelicher Sohn des Feldmarschalls von Welden. Lernte während des Architekturstudiums an der Wiener Kunstakademie seinen späteren Partner August Sicard von Sicardsburg kennen, mit dem er nach einer dreijährigen gemeinsamen Studienreise durch Europa ein Architekturbüro gründete. Eduard van der Nüll nahm sich am 4. April 1868 das Leben.

August von Sicardsburg Geboren am 6. Dezember 1813 in Budapest. Prägte mit van der Nüll die Baukunst des Wiener Historismus der Gründerzeit. Gemeinsame Bauten: Sophienbad, Carltheater, Arsenal, Haashaus am Stephansplatz, mehrere Adelspalais und die Wiener Oper. Sicardsburg starb am 11. Juni 1868 in Weidling bei Wien, nur zwei Monate nach dem Selbstmord seines Partners.

 

( Kurier ) Erstellt am 24.12.2011