Das Bundesheer hat Hightech am Dachboden
Simulationen beim Bundesheer trainieren Soldaten für Einsätze und Notfälle.
Eine Bar in einem Kriegsgebiet. Es ist stockfinster, ein Mann liegt am Boden in einer Blutlache. Eine Tür kracht, ein Soldat des österreichischen Bundesheeres steigt über den Mann, stürmt weiter nach hinten. „Gesichert“, ruft er, ehe weitere Soldaten ins Innere dringen. Der Mann am Boden ruft unter Schmerzen um Hilfe, was er genau hat, ist vorerst unklar, er wird zwischendurch immer wieder ohnmächtig. Die Soldaten und die Sanitäter versuchen, ihn aus der Gefahrenzone zu retten und zu versorgen.
„Der Kamerad hat eine sehr hohe Überlebenswahrscheinlichkeit“, sagt Robert Baumer. Er hat die Rettungsaktion live im Kontrollraum auf mehreren Monitoren verfolgt und gleich analysiert. Denn dieser Vorfall ist – zum Glück – nicht in echt passiert, sondern wurde im Einsatzsimulationsraum auf dem Dachboden der Heeressanitätsschule in der Van-Swieten-Kaserne in Stammersdorf nachgestellt. Der „Kamerad“ ist eine lebensecht wirkende Puppe, die ferngesteuert wird, um realitätsnahe und immer unterschiedliche Anforderungen für die Soldaten und Sanitäter zu bieten.
Nahe an der Realität
Seit 2015 werden die Simulationen am Dachboden der Heeressanitätsschule sukzessive ausgebaut. Die Übung steht allen Soldaten des österreichischen Bundesheeres zur Verfügung, „auch Milizsoldaten nutzen das gerne“. Nach dem Einsatz gibt es eine Manöverkritik. Baumer holt sich die Soldaten zu einem großen Bildschirm, geht den Einsatz Schritt für Schritt durch und lässt sich von den Soldaten erklären, warum sie welche Schritte gesetzt haben.
Simulationen in der Heeressanitätsschule bereiten Soldaten auf reale Einsätze vor.
„Ganz an die Realität kommen wir nicht heran“, räumt Baumer ein, als er sich die Videos anschaut, „aber wir sind sehr nahe dran.“ Warum er mit so viel Leidenschaft und Engagement und Liebe zum Detail arbeitet, die etwa an der Einrichtung der Bar zu sehen ist, in der der „Soldat“ verwundet wurde? „Die Simulationen erleichtern und verbessern die Ausbildung“, ist er aus der langjährigen Erfahrung mit Bundesheer-Sanitätern, die diese Ausbildung durchlaufen haben, überzeugt. Die Kritikfähigkeit jedes einzelnen Soldaten werde gestärkt, jeder noch so kleine Fehler könne angesprochen und verbessert werden.
Entscheidungen unter Druck
Und in jedem Einsatz könne auf das Gelernte zurückgegriffen werden, fast automatisiert, weil die Situation immer wieder durchgespielt und im Team gemeinsam analysiert worden sei, erläutert Baumer und ergänzt: „Wenn ich weiß, dass ich mich auf den Mann, der neben mir steht und kämpft, verlassen kann, steigt auch meine eigene Motivation im Einsatz gewaltig.“ Jene Trainingseinheiten zur Rettung eines Soldaten aus einer völlig unklaren Situation würden dazu beitragen, so Baumer, dass „unsere Soldaten und Sanitäter top ausgebildet sind“. Und das gilt nicht nur für Einsätze des Bundesheeres in Kriegs- und Krisengebieten, sondern kann auch wertvolle Dienste leisten im Falle von Terroranschlägen auf heimischem Boden.
Die nachgebaute Bar ist sozusagen der analoge Teil der Simulation, die in der Heeressanitätsschule zur Verfügung steht. Einen Dachboden weiter ist Hightech verarbeitet. Zunächst stehen Schießübungen am Programm. Mit der Standard-Waffe des Bundesheeres, dem Sturmgewehr 77 (StG77) gilt es, auf der Leinwand auftauchende Personen rasch zu identifizieren – und gegebenenfalls auszuschalten. Der Selbstversuch scheitert kläglich, auch „Freunde“ werden getroffen.
Deshalb ist diese Simulation für das Bundesheer ein wichtiger zusätzlicher Ausbildungsteil. Einerseits, weil viele junge Soldatinnen und Soldaten der Generation Z und Alpha mit derartigen Simulationen gut abgeholt werden können. Andererseits, weil der Stress und die Belastung gut simuliert werden können – und so eine gute Basis für Einsätze im Feld bieten.
Virtuell im „Krieg“
Gleiches gilt auch für das VR-Training, das eine Türe weiter aufgebaut ist. Mit der VR-Brille taucht man sofort ins Geschehen ein. Verschiedene Szenarien stehen zur Verfügung, im urbanen Umfeld oder in einem Wald. Verletzte liegen am Boden, Fahrzeuge stehen in Brand, Explosionen und Schüsse sind zu hören.
Mit VR-Brille können Soldaten in Kriegsszenarien lernen, Entscheidungen zu treffen.
Auch hier geht wieder es um eines: In simulierten Stresssituationen rasch die richtigen Entscheidungen zu treffen. Wer von den am Boden liegenden Personen braucht sofort Hilfe und auch wem ich nicht mehr helfen kann, muss entschieden werden. Das Simulationszentrum biete dazu optimale Lernimpulse, um genau das zu erlernen. Und: Acht nationale und ein internationales Forschungsprojekt sind an diese Simulationen des Bundesheeres in der Sanitätsschule geknüpft.
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