Wenn Lehrer beim Bundesheer in die Schule gehen

In der Landesverteidigungsakademie wird Pädagogen erklärt, was die umfassende Landesverteidigung ist - und warum wir sie brauchen.
++ THEMENBILD ++ ÜBUNG VERTEIDIGUNGSMINISTERIUM "SCHARFSCHIESSEN DER THERESIANISCHEN MILITÄRAKADEMIE BEI TAG"

Die erste knifflige Frage kommt, da ist der Kurs noch keine 20 Minuten alt. „Angenommen, eine Rakete schlägt ein. Was machen Sie?“

Rakete? Einschlag?  Die Lehrer überlegen. "Den Schutzraum aufsuchen", antwortet eine Volksschullehrerin. "Sofern einer vorhanden ist."

Der Offizier am Rednerpult ist zufrieden, denn es stimmt: Früher haben Bau-Ordnungen noch Schutzräume in Kellern vorgesehen. Heute werden dort - wenn überhaupt - Wein und Lebensmitteln gelagert; oder es ist eine Sauna entstanden. Doch von dieser Heile-Welt-Perspektive muss man nun ein wenig abrücken.  "Jeder sollte wissen, was im Krisenfall zu tun ist", sagt der Offizier.

Wir sind in der Landesverteidigungsakademie in Wien-Neubau. Sie ist die wichtigste Ausbildungs- und Forschungsstätte des Bundesheeres. Und in der stuck-verzierten Sala Terrena steht  das zweite von sechs Modulen für 30 Wiener Lehrkräfte auf dem Programm.

46-223886471

Was tut das Bundesheer, wofür ist es zuständig - und was ist unter dem "Wehrwillen" zu verstehen?

Fragen wie diese soll die Fortbildung beantworten. Zugegeben, der Titel ist leicht sperrig: „Das Bundesheer: Aufgaben, Fähigkeiten und Einbettung in die Umfassende Landesverteidigung“. Und auch das Setting ist klassisch frontal: Der Vortragende spricht erhöht am Podium, während hinter ihm Power-Point-Folien durch den Beamer laufen.

Die Mission, wenn man sie so nennen mag, ist nicht unheikel. Soldaten in Schulklassen sorgen vielerorts für Irritationen. "Wir wollen niemandem unnötig Angst machen", sagt der Offizier. Er ist selbst Vater dreier Kinder, er kennt die Vorbehalte. "In unserem Konferenzzimmer gibt's Skeptiker", sagt eine Lehrerin. Mit Uniformen und Waffen hätten einige Kollegen ein Problem. Was seltsam sei, wie sie nachlegt. "Denn die selben Lehrer finden es in Ordnung, wenn die Polizei in die Schule kommt, und sich die Schüler die Dienstwaffe erklären lassen."

Manches, was in den vier Stunden über den Beamer flitzt, ist für die Pädagogen begrenzt behaltenswert. Da wird die "CSSR-Krise" gestreift, auch Ministerratsvorträge und "Landeskoordinationsausschüsse" aus den 1960er und 70er Jahren, irgendwann landet man im Kalten Krieg. Doch der ist durchaus bewegend. 

"Wie lange hätte Österreich einen Angriff der UdSSR aushalten müssen?", fragt der Offizier. Die korrekte Antwort: drei Tage. So lange hätten die Nato-Staaten Deutschland und Frankreich gebraucht, um Reihen und Front zu schließen. Beängstigend ist die Alternative: Hätte sich Österreich überlaufen lassen, wäre die Nato-Antwort ein "atomarer Riegel" gewesen. Und der ist so scheußlich, wie er klingt: Ein Atomschlag auf Österreich - damit der Ostblock nicht weiter marschiert.

An einer Stelle fragt ein Vortragender, wie es um den Wehrwillen bestellt sei. Mit Wehrwille ist die Bereitschaft gemeint, Land und Werte und Menschen zu verteidigen. "Wie viele helfen, wenn eine Frau bei der Straßenbahnstation bedrängt wird?", fragt er. "Die meisten werden nicht helfen", sagt eine Volksschullehrerin, "sondern eher filmen. Leider."

Was ist das Ziel dieser sechs Nachmittage? Die Pädagoginnen und Pädagogen sollen kompetenter werden, sich bei Verteidigung und Wehrpolitik auskennen, sie sollen Schülern und Eltern Auskunft geben können. 

Als der Abend über Neubau hereinbricht,  lässt der letzte Vortragende noch eine mächtige Zahl fallen: "Wie viel Geld geben die USA für den Iran-Konflikt aus?" Die Lehrer haben keine Vorstellung, und so sagt er: "Zwei Milliarden Dollar. Pro Tag." Und er weiß: Diese Zahl werden sie sich merken.

Kommentare