Chronik | Wien
09/12/2014

Boykott-Aufruf gegen Hundeflüsterer

Tierschützer kritisieren harte Trainingsmethoden von Cesar Millan. Experten sind gegen Gewalt.

Eingeschüchtert wirft sich der eben noch Zähne fletschende Hund zu Boden. Lammfromm liegt er vor seinem Bezwinger und demonstriert Unterwürfigkeit. Das Schauspiel ist gelungen. Die Show hat einen strahlenden Star und einen Hund, der seine Aggression unterdrückt.

Wo auch immer Cesar Millan, der selbst ernannte "Dog Whisperer", auftritt, machen Tierschützer gegen Amerikas berühmt-berüchtigten Hundetrainer mobil. In Zürich versuchten sie vergebens, ein Auftrittsverbot zu erwirken. Hierzulande rufen mehrere Tierschutzvereine zum Boykott seiner Shows in der Wiener Stadthalle am 12. und 13. September auf.

"Seine Methoden verstoßen teilweise gegen das heimische Tierschutzgesetz", erklärt Elisabeth Penz von Vier Pfoten. Der umstrittene Hundetrainer wendet angeblich Elektroschock-Halsbänder an, deren Einsatz in Österreich untersagt ist.

Auf seinen Shows dürfte er darauf verzichten. Wie es auf Anfrage des KURIER bei der für Tierschutz zuständigen Magistratsabteilung 60 heißt, entspreche die Show – "so wie die Szenen uns beschrieben wurden" – den gesetzlichen Bestimmungen. Auf deren Einhaltung wird ein Amtstierarzt achten, der sowohl bei der Generalprobe als auch bei den Auftritten anwesend sein wird.

Kritik

Seit Jahren werfen Experten dem gebürtigen Mexikaner, der auch die Hunde der Reichen und Schönen, der Stars und Sternchen Hollywoods trainiert, vor, unangebrachte, längst überholte und nicht zuletzt gefährliche Erziehungsmethoden anzuwenden.

"Unerwünschtes Verhalten lässt sich durch verbalen oder körpersprachlichen Druck sehr schnell im Keim ersticken, langfristig bewirkt er aber keine Verhaltensänderung", sind Experten einig. Sie wissen, dass hundgerechte Erziehung abseits der publikumswirksamen Auftritte selbst ernannter Hundeflüsterer nur mit Leckerlis, Lob und dem Aufzeigen von Handlungsalternativen erfolgreich sein kann. Freilich will auch diese Erziehungsmethode erlernt sein. Tierpsychologin Lisa Schmitzberger erklärt, warum aversive Trainingsmethoden letztlich immer zu Eskalation führen und wie Halter ihren Liebling tierschutzkonform in Griff bekommen.

Gegendruck

Schwarze Pädagogik hat auch in der modernen Hundeerziehung keinen Platz. Verängstigung und Gewalt – Maßnahmen, wie sie u. a. Millan einsetzt, – eignen sich nicht, um ein Haustier gesellschaftsfähig zu machen. "Angst und Schmerz erzeugen Gegendruck", warnt Schmitzberger. Wer in der Alpha-Rolle einen Hund im Nacken packt, muss damit rechnen, dass sich der Bedrohte wehrt. Der Gegenangriff des Hundes erfolgt unmittelbar; oder völlig unerwartet zu einem späteren Zeitpunkt. In der "erlernten Hilflosigkeit" gibt sich der Hund zunächst auf und verhält sich passiv.

"Im Fernsehen schaut das wie ein Entspannungszustand aus, als hätte der Vierbeiner den Mensch als Rudelführer anerkannt", sagt die Hundetrainerin. Dabei werden auf diese – selbst unter Hunden unübliche – Art nur Symptome unterdrückt, die Grundprobleme bleiben bestehen. Die Gefahr der Rückfälligkeit ist groß.

In der Schule des täglichen Hundelebens muss das Prinzip der "positiven Verstärkung" gelten: Erwünschtes Verhalten wird belohnt – vorerst mit jeder Menge Futter und Streicheleinheiten für winzige Fortschritte, später mit einem Leckerli für große Taten. Bestrafung kann der Psyche schaden. "Sie hat außerdem einen Gewöhnungseffekt", warnt Schmitzberger. Auf beiden Seiten der Leine. Der Hund wird übermäßige Härte mit der Zeit ignorieren, beim Halter sinkt die Hemmschwelle zur Gewaltanwendung.

Vertrauen

"Die Beziehung zwischen Mensch und Tier soll durch Vertrauen, Schutz und Zuverlässigkeit gekennzeichnet sein", betont die Expertin und zieht den Vergleich zur Eltern-Kind-Beziehung. Erziehung gelingt in respektvollem Umgang. Und sie passiert unmittelbar und anlassbezogen: "Training durch positive Verstärkung heißt auch, dass man ab dem ersten Moment Problemmanagement betreibt", erklärt Schmitzberger. Unter kontrollierbaren Rahmenbedingungen – wie z. B. in der Hundeschule – wird die unerwünschte Situation nachgestellt und richtig aufgelöst. Indem ein alternatives Verhalten aufgezeigt wird.

"Wichtig ist, dass man die Ziele klein steckt", sagt die Hundetrainerin. Auch die Übungseinheiten sollen anfänglich auf ein paar Minuten begrenzt sein. Hunde, die seit Jahren auffällig sind, werden ihr Verhalten nicht innerhalb von ein paar Tagen ändern. Futter dient in der Lernphase nicht nur als Belobung, sondern kann auch zum Durchbrechen von Verhaltensmustern angeboten werden. Dass eine tierschutzkonforme Hundeerziehung ohne Demütigung auskommt, versteht sich von selbst.

9 Tipps, wie Hunde am besten fürs Leben lernen

Vergleichsmöglichkeit

Mit der Aktion „Tausche Ticket gegen Training“ - initiiert von der Hundetrainerin Sunny Benett - können Hundehalter ihre Eintrittskarten, die sie z.B. für die Cesar Millan-Show gekauft haben, gegen eine kostenlose Trainings- oder Beratungseinheit bei einem teilnehmenden tierschutzkonformen Trainer eintauschen.

Infos unter www. gewaltfreies-hundetraining.ch /tauschaktion/

Lautstarker Flüsterer

Demnächst wird die Zahl der Hunderatgeber die der Kindererziehungsbücher übersteigen. Kein Wunder. Immer mehr Hunde sind Ersatzkinder und werden als solche behandelt. Was oft zu Verhaltensunregelmäßigkeiten führt, die neue Ratgeberliteratur erfordern.

Immer mehr Hundeschulen, -coaches, -trainer beraten immer mehr hilflose Hundehalter. Und jetzt kommt er nach Wien. Der angeblich größte Hunde-Reparierer der Welt: Cesar Millan, begnadeter Selbstinszenierer, gnadenloser Hundebezwinger. Die ganze Stadthalle will er am Wochenende unterwerfen. Sein Lieblingswort: "Führung!"

Die erarbeitet er sich bei Hunden, je nach Widerstand, mit Drohung, Einschüchterung, Gewalt. Das führt mittlerweile vielerorts zu Protesten durch Tierschützer und Hundeverbände. So auch in Wien. Wäre es nicht wirksamer, der Selbstentlarvung ihren Lauf zu lassen? Wenn sich einer "Hundeflüsterer" nennt, jedoch eine lautstarke Körpersprache an den Tag legt, kann jeder selbst entscheiden, ob er sich so einem Ratgeber unterwirft.