Chronik | Wien
30.07.2018

Boxer Dr. Watson und sein Anwalt

Der Burgenländer Andreas Schweitzer jagt als Detektiv Kriminelle. Als Jurist verteidigt er sie

Andreas Schweitzer sitzt zwischen den Stühlen. „Auf der einen Seite verfolge ich sie, auf der anderen hol’ ich sie wieder raus.“ Er spricht von Kriminellen. Und von seinen beiden Jobs.

Schweitzer ist Detektiv, arbeitet unter anderem für ein großes Outlet-Center und hat dort organisierte Diebesbanden im Visier.

Schweitzer ist Rechtsanwalt, verteidigt nicht nur Unschuldslämmer und freut sich über milde Urteile.

Gerechtigkeitsfanatiker

„Aber eigentlich passt es ja dann doch gut zusammen“, meint der 49-jährige Zurndorfer ( Burgenland) mit Kanzlei in Wien. Fast immer an seiner Seite: Dr. Watson, sein Hund. „Ich bin schließlich ein Gerechtigkeitsfanatiker.“ Und manchmal ergänzen sich die beiden Berufe. Auch wenn er nie gleichzeitig an einem Fall als Anwalt und Detektiv arbeitet – das könnte Gewissenskonflikte geben.

Zu seinem aktuellen medienwirksamen Fall als Rechtsanwalt kam er durch seinen Detektiv-Job. Schweitzer vertritt die Familie der vermissten Jennifer Scharinger (seit Wochen läuft eine große Suchaktion der Polizei im Hollabrunner Wald – der KURIER berichtete, Anm.). Eigentlich, erzählt er, wäre er als Detektiv angefragt worden. „Aber ich kann hier als Anwalt besser helfen“, meint er.

Der Jurist ist ein Spätberufener. Erst seit vergangenem Jänner ist er als Anwalt eingetragen. Davor war er diplomierter Sportlehrer, drei Jahre lang Skitrainer in den USA, Ski-Kunstspringer des ÖSV, Kantinenbetreiber auf der Donauinsel und Fernseh-Stuntman. In der Serie „Medicopter 117“ stürzte er durch Glasscheiben, in „Die Wache“ wurde er durch zwei Schüsse in den Rücken niedergestreckt – er verkörperte ausgerechnet einen Staatsanwalt.

 

Die „wilden Zeiten“ sind vorbei – fast. Fallschirmspringen zählt Schweitzer noch immer zu seinen Hobbys. Doch als Rechtsanwalt ist Zurückhaltung gefragt – das fordern schon die strengen Standesregeln. „Eine Rauferei als Detektiv kann ich mir jetzt nicht mehr leisten.“

Der Fall Lucona weckte seinen Wunsch, Detektiv zu werden. Als solcher setzte er sich auch schon in die Sauna, um mit einem Schamanen „wie ein Bär zu brummen und wie ein Wolf zu heulen“ – und einen Kurschatten zu beobachten. „Aber beobachten und ermitteln – das können viele“, sagt er. Er habe in die Tiefe gehen wollen und deshalb die Studienberechtigungsprüfung abgelegt um Jus studieren zu können. „Mein Wissen konnte ich da sehr gut anwenden. Und anfangs war ich ein richtiger Noten-Hascher. Ich wollte nur Einser.“

Polizeiberichte würde er vielleicht anders betrachten als die Kollegen. „Ich schaue mir auch die Vorgehensweise der Polizei an, um an Beweise zu kommen. Die Objektivität, in alle Richtungen zu ermitteln, fehlt oft.“ Auch seine Schauspiel-Vorkenntnisse helfen ihm weiter. „In einem Schöffen- oder Geschworenenverfahren im Gericht muss ich ja auch die Anwesenden von der Unschuld überzeugen und die Wahrheit aus der Sicht des Angeklagten so darlegen, dass man mir glaubt.“

Einspruch!

Seine Vorbilder: Justiz-Serien wie „Boston Legal“ oder „The Good Wife“. „Das funktioniert sogar!“, lacht er. Nur die lauten „Einspruch!“-Rufe, die in der US-Serie zum guten Ton gehören, die gibt es hierzulande nicht. „Ein Kollege hat das einmal gemacht“, erinnert er sich schmunzelnd. „Da musste ich aufstehen und ihm sagen: Wir sind ja nicht in Amerika.’“

Zu seinen juristischen Schwerpunkten hat Schweitzer neben Strafrecht auch Tierschutz, Datenschutz und Geldwäsche-Verhinderung gemacht. „Und alle Rechtsbelange, die Detektive betreffen“, sagt er. Anwalt zu werden sei eine gute Entscheidung gewesen, meint er. Das Schnüffeln wird er trotzdem nicht aufgeben. „Der Reiz würde mir fehlen.“