© Kurier/Jeff Mangione

Chronik Wien
11/07/2020

Bezirksporträt Döbling: Zwischen Cottage und Gemeindebau

Für die, die nicht dort wohnen, ist der 19. Bezirk eine große Unbekannte. Nobel am Plateau, gewöhnlich in Gürtelnähe

von Julia Schrenk, Jeff Mangione

Das Verhältnis des Rest-Wieners zum Cottageviertel offenbart sich schon an der Eingangstür. Zwei Schilder hängen dort. „Kottääsch“ steht auf dem einen. „Kottetsch“ auf dem anderen.

Wie man es richtig sagt, man weiß es nicht so recht. Im Café „Das Cottage“ sind beide Varianten erlaubt. Oder geduldet. Auch das weiß man nicht so recht.

Wer nach Döbling fährt und dort nicht hingehört, der fühlt sich ein bisschen wie ein Eindringling. „Wir haben 100 Prozent Stammkunden“, sagt Balazs Varga. „Naja, fast.“ Vor drei Jahren hat Varga das Café in der Silbergasse übernommen. Es gibt dort Frühstück, Mittag- und Abendessen, Cocktails, Lillet – und wirklich gute Torten. Döblinger sagen, das Cottage sei das bessere Aumann. Währinger würden vielleicht sagen, es sei das versnobtere Aumann.

Eines haben das Café Aumann in Währing und „Das Cottage“ in Döbling aber jedenfalls gemeinsam: Sie sind wichtige Grätzel-Lokale in ihren Bezirken. Wer im Cottage einen Platz zum Frühstücken will, sollte auch unter der Woche reservieren. Die Schlange ist mitunter lang.

Das Döblinger Cottageviertel geht auf das Jahr 1872 zurück. In diesem Jahr gründete Edmund Kral den sogenannten Cottage-Verein. Sein Ziel war es, durch den Bau kleinerer Mietshäuser die Wohnqualität zu verbessern.

Cottages nannte man die im Privatbesitz stehenden Villen für eine oder zwei Familien. Sie sollten die Antwort auf die teuren Zinspaläste sein, die damals in der Innenstadt gebaut wurden. In Döbling wollte man das Wiener Bürgertum an das Familienhaus gewöhnen. Ganz nach dem Vorbild englischer Villen. Später orientierte man sich auch am Baustil französischer und italienischer Häuser.

Vier Stationen mit dem 38er braucht man, um vom Cottageviertel in ein anderes Döbling zu kommen. Nach Grinzing, an die berühmte Adresse „An den langen Lüssen“.

Dort liegt – ganz oben – der Grinzinger Friedhof.

Ein Spiegel

5.095 Gräber sind dort aufgeschlossen. Ungleich weniger als auf Wiens größtem Friedhof, dem Zentralfriedhof (330.000 Grabstellen). Trotzdem kennen die Wienerinnen und Wiener den Grinzinger Friedhof.

Das hat vor allem damit zu tun, wer dort begraben ist. Gustav Mahler zum Beispiel. Alma Mahler-Werfel. Heimito von Doderer. Hier liegt auch: Textilfabrikant Hämmerle, Peter Alexander, das Familiengrab der Fortells.

Auf dem Grinzinger Friedhof zeigt sich gut, wie Wiens 19. Bezirk tickt. In Grinzing, da leb(t)en die normalen Leut’, aber auch die Gutverdiener, die Künstler, die Intellektuellen. Und so kommt es, dass einem – auf der Suche nach dem Grab von Thomas Bernhard – die Männer, die dort an den Gräbern arbeiten, nicht unbedingt helfen können.

„Ich bearbeit’ nur die Lotte Tobisch“, sagt einer. Der vermeintliche Friedhofsgärtner ist ein Restaurator – und kümmert sich um den Stein auf Lotte Tobischs Grab. Über die Stelle, an der ihre Urne eingegraben wurde, ist noch kein Gras gewachsen.

Bild links: © Lutonsky, Hans / ÖNB-Bildarchiv / picturedesk.com/Lutonsky, Hans/ÖNB-Bildarchiv/picturedesk.com

Bild rechts: © Kurier/Jeff Mangione

Ein Grätzel-Friedhof wie der in Grinzing sei ein „Spiegel der Gesellschaft“, sagt Florian Keusch von der Bestattung Wien. Grinzing ist ein Nobelfriedhof, ja. „Aber wahrscheinlich ist er der einzige, bei dem man nachher gleich auf ein Achterl gehen kann“. Hinter dem Friedhof beginnen die Weinberge.

Wer von den Heurigen in Grinzing zurück ins Cottageviertel will, muss sich, ob der richtigen Aussprache übrigens keine Sorgen machen. Sie war und ist eher eine Frage des Geschmacks: Früher fanden die Wienerinnen und Wiener Gefallen an der pseudofranzösischen Aussprache „Kottääsch“.

Heutzutage orientiert man sich am Englischen. Und nennt es einfach „Kottetsch“-Viertel.

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