Betrüger zocken Flüchtlinge ab

Hunderte Fälle: "Vermittler" kassieren Miete, geben sie aber nicht an Vermieter weiter.

Tam sucht dringend eine neue Bleibe. Schimmel im Vorraum

Anläuten muss man bei der Nummer 45 in einer Gasse in Wien Rudolfsheim-Fünfhaus nicht. Die Tür ist nicht versperrt, außerdem fehlt die Holzvertäfelung des rechten Türflügels. Im Hinterhof wurden Lattenroste und eine Couch abgestellt. Im Stiegenhaus bröckeln die Wände ab, Kabel sind nicht eingezogen und hängen von der Decke.

Im ersten Stock dieses Hauses wohnt Tam. Der 23-jährige Iraker lebt seit knapp sechs Jahren in Österreich. Und ebenso lange in der Wohnung in diesem Haus. In einer Ecke seines Vorraumes schimmelt es. Tams Wohnung hat keine Heizung. Die Küche hat er selbst eingebaut.

Dubiose Vermieter

Diakonie Flüchtlingsdienst Foto: KURIER/Gilbert Novy Der Putz von den Wänden bröckelt ab 334 Euro Miete zahlt Tam für seine 36 große Wohnung. Bad und Küche sind in einem Raum, das WC am Gang teilt er sich mit der Nachbarsfamilie. Den Sperrmüll hätten die Betreiber einer Baustelle in der Nachbarschaft in den Hinterhofgarten gebracht. Die Kosten für die Entsorgung sollen die Mieter nun tragen: 1200 Euro soll Tam zusätzlich zu den Betriebskosten zahlen.

Bekommen hat Tam die Wohnung über die Firma Aldiar KG. Inhaber Hussein A. wurde im August des Vorjahres zu einer 18-monatigen Haftstrafe (zwölf davon bedingt) wegen Betrugs verurteilt. Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt noch immer gegen ihn. Firmeninhaber Hussein A. trat in zahlreichen Fällen als Vermittler von Wohnungen auf. Die Miete soll er dabei oft bar einkassiert haben, sie allerdings nicht immer an die Hausebesitzer oder Hausverwaltungen weitergeleitet haben. Opfer von A.s Betrügereien sind vor allem Flüchtlinge aus dessen Heimatland Irak und auch aus Syrien.

Diakonie Flüchtlingsdienst Foto: KURIER/Gilbert Novy Die Eingangstüre ist unverschlossen und kaputt So wie die Familie von Shahin (26) zum Beispiel. Die Familie hat die Mietbeiträge an A. bezahlt, der hat das Geld aber nicht an die Hausbesitzer weitergegeben. Die Familie wurde delogiert und hat sich an die Diakonie gewandt.

Notlage ausgenutzt

Diakonie Flüchtlingsdienst Foto: KURIER/Gilbert Novy Tarek Abdelkader von der Diakonie: Im Idealfall kommen die Betroffen vor der Vertragsunterzeichnung in die Beratung Denn die hat Anfang des Jahres in ihre Wohnraumberatung für Flüchtlinge in eine Mietrechtsberatung mitaufgenommen. Das hat auch einen Grund: "Wegen der immer größer werdenden Gruppe an Flüchtligen, die Wohnraum in Wien sucht, stellen sich immer mehr Unternehmen mit zweifelhafter Seriosität ganz speziell auf Menschen in dieser Notlage ein", sagt Tarek Abdelkader von der Wohnberatung der Diakonie. 100 Fälle behandeln die Experten dort in etwa pro Woche. Fünf Fälle pro Woche seien als "klassischer Mietbetrug" zu klassifizieren. Oft geht es um nicht rückerstattete Kautionen, zu hohe Mieten, horrende Provisionszahlungen. "Ein Fall ist krasser als der andere", sagt Verena Weilharter, Juristin bei der Diakonie. Sie kämpft für ihre Klienten, aber: "Dass unsere Klienten zu ihrem Geld kommen, ist fast unmöglich." Es sei wichtig, dass Betroffene vor der Unterzeichnung des Mietvertrags in die Beratung kommen. Dann könne man noch am ehesten etwaige Betrügerein verhindern.

Die Familie von Shahin etwa wurde delogiert, weil Hussein A. die Miete nicht an den Hausbesitzer weitergegeben hat. Dafür vermittelte er Shahin Platz in einer WG in einem Gemeindebau in Favoriten. Weil Flüchtlingen der Zugang zu Gemeindewohnungen aber verwehrt ist, kann sich Shahin dort auch nicht melden, was wiederum den Verlust der Mindestsicherung bedeuten würde. "Wir sind vor der größten Katastrophe geflohen und ahnten nicht, dass unsere Sorgen hier weitergehen", sagt Shahin.

Tricks

"Mieter verlangen, was der Markt hergibt"

Viele Zuschläge, kaum Abschläge und generell hohe Preise

Flüchtlinge haben es auf dem Wohnungsmarkt besonders schwer. Aber Vermieter wenden unfaire Tricks auch gegen lange hier Lebende an.
Größtes Problem derzeit: „Die Vermieter verlangen, was der Markt hergibt“, sagt Walter Rosifka, Wohnrechtsexperte bei der Arbeiterkammer. Dazu komme, dass Vermieter den 25-Prozent-Abschlag bei befristeten Mietverträgen oft nicht gewähren. Beliebt hingegen sei es, Zuschläge für die Lage zu verrechnen. Auch wenn die gar nicht so besonders ist. So würden etwa Zuschläge für die Lage einer Wohnung in U-Bahn-Nähe verlangt. „Aber in Wien liegen 70 bis 80 Prozent der Wohnungen in U-Bahn-Nähe“, sagt Rosifka.  „Ewiges Thema“ sei auch, dass Kautionen nicht rückerstattet werden. „Aber nicht jede Abnützung ist gleich eine Beschädigung“, gibt der Experte zu bedenken.

Die Wiener Mietervereinigung verzeichnete zuletzt einen Anstieg bei den vorgebrachten Fällen. „Die Mieter sind mittlerweile besser informiert“, sagt Geschäftsführerin Elke Hanel-Torsch. 2016 erstritt die Vereinigung 2,6 Millionen Euro für ihre  Mieter. Auch Hanel-Torsch sagt: „Der Befristungsabschlag von 25 Prozent wird fast nie gewährt.“ Dafür gäbe es oft skurrile Zuschläge. Beispiel: Für eine Wohnung in der Piaristengasse im 8. Bezirk war der Lagezuschlag pro Quadratmeter höher als der Mietpreis.  Und  obwohl alle Fenster der Wohnung straßenseitig ausgerichtet waren und dort die Buslinie 13A verkehrt, gab es keinen Abschlag wegen  Lärms.

(kurier) Erstellt am
Posts anzeigen
Posts schließen
Melden Sie den Kommentar dem Seitenbetreiber. Sind Sie sicher, dass Sie diesen Kommentar als unangemessen melden möchten?