Besuch im Bezirksmuseum: Wie die Madonna nach Währing kam
Doris Weis arbeitet seit 20 Jahren im Bezirksmuseum, seit 2012 leitet sie es.
Die Wiener zieht es für den kurzen Skiausflug gerne in die nicht allzu weit entfernte Bergwelt. Die wenigsten wissen jedoch, dass vor etwa 130 Jahren das Zentrum der Wiener Skibegeisterung in Währing lag. Genauer gesagt in Pötzleinsdorf, wie Doris Weis erklärt. Sie muss es wissen, schließlich arbeitet sie seit 20 Jahren im Bezirksmuseum Währing, seit 13 Jahren als dessen Leiterin.
Die örtliche Spezifizierung ist ihr wichtig – auch wenn es um sie selbst geht. Sie selbst ist nämlich aus Gersthof. „Erst ist man Gersthoferin, dann Währingerin und dann erst Wienerin“, sagt Weis mit einem Lachen. Sie ist dem Grätzel stark verbunden, schließlich wohnt die 80-Jährige auch heute noch in der Wohnung, in die ihre Eltern gezogen waren, als sie noch ein Baby war. „Ich war nie aus Währing draußen“, sagt sie.
Und wie war das nun mit dem Währinger Skilauf? „Den Skisport haben Norweger nach Wien gebracht, die hier als Bäcker gearbeitet haben“, erzählt Weis. „Die erste Skipiste Österreichs wurde in Pötzleinsdorf angelegt.“ Und so wurde hier, im ehemaligen Gasthaus Strasser in der Pötzleinsdorfer Straße der erste Skiklub Österreichs gegründet. Ein Paar historischer Holzski auf einer Vitrine verweisen auf die (winter-)sportliche Vergangenheit des Bezirks.
Die gotische Schnitzskulptur wurde in einem Abbruchhaus vergraben gefunden.
Vergraben im Abbruchhaus
Das Währinger Bezirksmuseum ist mit seinen drei Räumen zwar verhältnismäßig klein, aber dafür übervoll mit liebevoll präsentierter Bezirksgeschichte. „Organisieren, das habe ich schon immer können“, sagt Weis, die bis zur Pensionierung in einer Bank gearbeitet hat. „Aber das war nie so meins“, fügt sie hinzu. Die Arbeit im Museum hingegen, „die hat mir einfach eine Freude gemacht.“
Das Prunkstück des Bezirksmuseums ist laut Weis ohne Frage das gotische Schnitzrelief „Sterbende Maria im Kreise der Apostel“, das eine abenteuerliche Geschichte hinter sich hat. „Im Jahr 1905 wurde es beim Abbruch eines Hauses in der Gersthofer Straße entdeckt, angeblich war es dort in einem Sack vergraben. Man weiß nicht, warum und man weiß nicht woher es stammt.“ Über Umwege kam es schließlich 1947 ins Bezirksmuseum – und ist somit auch offiziell in Währing daheim.
Viele der Alltagsgegenstände wurden von Währingern zur Verfügung gestellt.
Ein Zuhause im Museum
Was seinen Platz im Bezirksmuseum bekommt, und was nicht, da zieht Weis keine dogmatischen Grenzen. Die Badeanzüge aus den 1930er-Jahren, die Münzsammlung, die zahlreichen antiken Haushaltsgegenstände und Spielsachen – sie liegen hier ganz selbstverständlich neben der blau-goldenen Brokatfahne des alten Gersthofer Männergesangsvereins, Ausgrabungsfunden und dem alten Währinger Wappen.
„Ein Besucher hat einmal zu mir gesagt: ,Die Münzsammlung ist aber nicht wirklich währingspezifisch.’ Ich habe ihm geantwortet: ,Stimmt, bei uns hat man früher ja mit Kaurimuscheln gezahlt.’ Wer blöde Fragen stellt, bekommt von mir auch eine blöde Antwort“, sagt die resolute Museumsleiterin. Nicht alle Exponate sind vielleicht typisch für den Bezirk, aber sie wurden in Währing und von Währingern verwendet, so ihre Philosophie.
Adresse:
Währinger Straße 124
Öffnungszeiten:
Mo: 10 bis 12 Uhr
Do: 17 bis 19 Uhr
So: 10 bis 12 Uhr
Gesucht
Ehrenamtliche Museumsmitarbeiter und -mitarbeiterinnen. Bei Interesse: bm1180@bezirksmuseum.at, +4000 18127 (zu den Öffnungszeiten).
Weitere Infos
bezirksmuseum.at
Porzellanskulptur der alten Firma Goldscheider.
Kleine Schönheitsfehler
Die kleine Art-Deco-Porzellanskulptur einer spanischen Tänzerin hat jedenfalls einen soliden Währinger Hintergrund. „Das ist eine Skulptur der Manufaktur Goldscheider aus dem Bezirk. Die waren weltbekannt. 1938 wurde der Betrieb aber arisiert“, sagt Weis. Beim Kleid der Tänzerin ist an einigen Stellen die rote Farbe abgeplatzt. Eine glückliche Fügung, sagt Weis. „Sonst hätten wir sie uns nie leisten können.“ Der Schönheit der Tänzerin tun diese kleinen Makel jedenfalls keinen Abbruch.
Gegenüber der Vitrine hängen Darstellungen des ehemaligen Czartoryski-Schlössels. In diesem Palais verkehrten einst Musiker wie Hector Berlioz und Franz Liszt. Nach Bombentreffern und Bränden wurde das Gebäude allerdings 1957 abgerissen. „Bei Führungen werde ich immer wieder gefragt, warum es nicht saniert wurde. Ich sage dann: ,Sein’s mir nicht bös’, aber damals war es halt wichtiger, Wohnungen für die ausgebombten Menschen zu bauen.“ Neben einer gewissen Nostalgie verfügt die Währingerin eben auch über eine gesunde Portion Pragmatismus.
In den drei Ausstellungsräumen des Bezirksmuseums gibt es viel zu entdecken.
Koteesch oder Cottage?
Eine wichtige Frage gilt es natürlich beim Besuch im Währinger Bezirksmuseum zu klären: Spricht man das Cottage nun französisch oder englisch aus? Englisch wäre es richtig, versichert Weis. „Das ,Koteesch’, das haben dann die Wiener daraus gemacht.“
Bei all dem angesammelten Wissen beginnt für Weis demnächst ein neuer Lebensabschnitt. Eigentlich hatte sie nach ihrer Pensionierung nur nach einer sinnvollen Beschäftigung gesucht. Daraus resultierten zwei Jahrzehnte ehrenamtliches Engagement für den Bezirk und seine Geschichte. Im neuen Jahr endet ihre langjährige Tätigkeit auf eigenen Wunsch.
Ihrem Währing, wo die Wiener einst erstmals auf Skiern standen, wird sie aber weiterhin die Treue halten.
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