Leben auf der Baustelle: Wenn der Mieter zum Kollateralschaden wird

Staub, Lärm und ein offenes Stiegenhaus: Seit Monaten ist das eigene Zuhause kaum wiederzuerkennen. Ein Erfahrungsbericht zwischen Galgenhumor und Erschöpfung.
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Wie sehr ein stabiles Dach über dem Kopf ein menschliches Grundbedürfnis ist, merkt man als privilegierter Stadtbewohner erst, wenn das gesamte Wohnhaus zur Baustelle wird – und man selbst als Mieter zum Kollateralschaden.

Seit jenem Tag im vergangenen Frühsommer, als ohne Vorankündigung ein Baugerüst vor meinem typisch Wiener Altbauzinshaus aufgestellt wurde und Zettel im Stiegenhaus vor dem kommenden Unheil warnten – „Komplettsanierung, Dauer circa 2,5 Jahre“ –, ist Wohnen alles Mögliche, aber definitiv nicht langweilig. 

Als Bewohnerin eines Bezirks, der durch die Verlängerung einer U-Bahn-Linie kurz vor der vollständigen Gentrifizierung steht, kommt das zunächst nicht überraschend. Kaum ein Zinshaus in der Umgebung, das nicht bereits um luxuriöse Dachausbauten aufgestockt wurde. Und gegen eine Sanierung ist ja grundsätzlich nichts einzuwenden. Die wenigen verbliebenen Mieterinnen und Mieter unseres Hauses haben ihre Auswirkungen auf das tägliche Leben jedoch stark unterschätzt.

Lärm, Dreck, Wasserschaden

Monatelang von Montag bis Samstag morgens um dreiviertel sieben durch lautes Stemmen aus allen Himmelsrichtungen geweckt zu werden, gehört noch zu den angenehmeren Auswüchsen der Bautätigkeit. Auch an die feine Staubschicht, die bald alles in der Wohnung überzieht, kann man sich mit viel gutem Willen gewöhnen. Sie verleiht der Wohnung einen gewissen morbiden Charme. Weniger lustig ist es, morgens vor einem wichtigen Termin aufzuwachen und plötzlich kein fließendes Wasser zu haben. Wann kommt es wieder? „Keine Ahnung.“ Wo ist der zuständige Installateur? „Keine Ahnung.“

Ein durchsichtiger Eimer mit trübem, gelblich-braunem Wasser steht auf einem Holzboden neben einem Kratzbaum.

Die Reste des Indoor-Regens.

Dennoch ist das dem ZU VIEL an Wasser deutlich zu bevorzugen. Als nämlich das Dach am Tag vor einem angekündigten nächtlichen Starkregen abgetragen wird, ohne die darunterliegende Decke abzusichern, regnet es wenig überraschend nicht nur draußen, sondern auch drinnen. 

Zack – ist der Strom weg, die Töpfe und Schüsseln müssen bei Kerzenschein aufgestellt werden. Es plätschert metallisch durch die Nacht. Dafür wärmen in den Wochen danach laut dröhnende Luftentfeuchter das Herz und die Zimmer auf kuschelige Saunatemperaturen. Wohnen ist eben nichts für Anfänger.

Nacktes Erdreich

Auch das Stiegenhaus verändert über die Monate sein Gesicht. Erst werden im Dezember bei Minusgraden die Gangfenster entfernt und der Winterwind bläst heulend durchs Haus. Dann werden die alten Jugendstilfliesen weggestemmt. Seither bewegen sich die verbliebenen Bewohner über nacktes Erdreich beziehungsweise das freigelegte Kellergewölbe. Immerhin: Es erdet einen. Auch die Postkästen werden eines Tages abmontiert und stehen seitdem auf einem ausrangierten Kühlschrank.

Ein Flur voller zerbrochener Fliesen und Bauschutt, die den gesamten Boden bedecken.

Abenteuerlicher Zustand im Stiegenhaus.

Haus der offenen Türe

Die Haustüre lässt sich seit Monaten nicht mehr zusperren. Hat man sein Sicherheitsgefühl und die innere Wachsamkeit erst einmal entsprechend angepasst, sieht man die Vorteile. So eine offene Haustüre ist praktisch, wenn man voll beladen vom Einkaufen kommt. 

Nicht nur die Hausbewohner wissen diese Offenheit zu schätzen. Als ich eines Abends mit zwei schweren Einkaufstaschen heimkomme und die Türe aufdrücke, hat es sich ein Fremder im Stiegenhaus bequem gemacht und dreht sich gerade einen Joint. „Brauchen Sie Hilfe?“, fragt er höflich. So eine Baustelle verbindet eben.

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